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Abseits der Praxis (14): Der Abenteurer

In "Abseits der Praxis" erzählen wir von Zahnärzten, die einen etwas anderen Weg eingeschlagen haben, sei es direkt nach dem Studium oder erst nach Jahren als niedergelassener Zahnarzt. Wir erzählen von Industrieberufen, künstlerischer Selbstfindung, humanitären Einsätzen, Aussteigern, Politikerkarrieren und Jobs in Industrie, Forschung und Verwaltung. Einige unserer Protagonisten haben sich sehr weit vom Ursprungsberuf entfernt, andere haben nur wenig verändert, um ein wenig Abwechslung in ihren Praxisalltag zu bringen. Fest steht so oder so: Auch "Abseits der Praxis" warten viele spannende Aufgaben.

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Wolfgang Kaiser ist nicht nur Zahnarzt, ist er nie gewesen. Er ist Künstler, Philosoph, Goldschmied und Verleger. Und vor allem Abenteurer. Über einen Mann, der sich nicht in Schablonen pressen lassen will.

Der junge Wolfgang Kaiser geht nach der Jahrgangsstufe 12 allerdings erst einmal von der Schule ab. Keine Lust mehr. Auf pauken. Auf Fremdbestimmung. Lieber arbeiten beziehungsweise: richtig ranklotzen. Zuerst im Tiefbau, dann in einer Lehre zum Gold- und Silberschmied. Und abends Party. "Das war schon alles ziemlich chaotisch“, bekennt er heute.

Zahnarzt, Verleger und immer Künstler: Wolfgang Kaiser. | Kaiser

Nach der Ausbildung drückte er dann abends aber doch wieder die Schulbank, denn ohne Abitur kein Studium - auch nicht in Hamburg. Dort schreibt er sich danach ein, und zwar für Anglistik und Philosophie. Später studiert er mit Auszeichnung an der Hochschule der bildenden Künste.

Mit den Händen arbeiten

Dann überrollt ihn mit 25 eine Sinnkrise. "Mir war das alles einfach unheimlich, weil ich nicht wusste: Wovon lebst du später eigentlich?“, beschreibt er seine damalige Gefühlslage. Vielleicht wäre es doch besser, beruflich etwas Handfestes zu tun? "Zahnmedizin lag insofern nahe, weil ich immer gerne mit meinen Händen gearbeitet habe“, sagt Kaiser. "Ich arbeite heute noch als Zahnarzt und habe meinen Beruf immer sehr ernst genommen. Dieser Mix aus Feinmechanik und Biologie passt einfach zu mir“, erzählt er. „Wie ich die fünf Jahre Studium mit einer vollen 45-Stunden-Woche geschafft habe, ist mir im Nachhinein allerdings schleierhaft!“

Der Abenteurer Kaiser hat neben der Kunst also mindestens eine Konstante in seinem Leben: den Zahnarztberuf: Die eigene Praxis gibt er zwar 1999 auf, doch am Stuhl steht er immer noch. Gegenwärtig zwei halbe Tage bei Hamburger Kollegen in der Praxis, was sich gut vereinbaren lässt, ohne dass er das Schaffen in seinem Atelier auf dem Land vernachlässigen muss. Das vorweg.

Das Atelier im Grünen vor den Toren Hamburgs. | Kaiser

Eigentum verpflichtet

Aber zurück in die 70er-Jahre: Mit einem Freund geht er in Glinde in die Niederlassung. Dort merkt er schnell, dass er nicht der Typ ist, der das Leben genießen kann, wenn es anderen schlecht geht. "Ich habe ein soziales Gewissen - und Eigentum verpflichtet“, sagt er. "Der Porsche, eine Yacht und Investments waren nie so mein Ding.“

1979 reist er deshalb auf die Seychellen mit dem Ziel, ein zahnmedizinisches Entwicklungsprojekt aufzubauen. Er lernt den Entwicklungsexperten Steve Thomas kennen und kommt über ihn mit dem dortigen Principle Dental Officer in Kontakt. Nach erfolgreichen Verhandlungen fährt er nach Hause - im Gepäck die Zusage für das Hilfsprojekt.

Mit dem Hilfsmobil auf die Seychellen

Kaiser: "Drei Voraussetzungen mussten gegeben sein: erstens eine medizinische Grundversorgung, zweitens die Erreichbarkeit und drittens eine überschaubare Größe. Alles traf auf die Seychellen zu.“ Was man wissen muss: Für einen großen Teil der 70.000 Menschen auf den Seychellen gab es bis dato nur vier Zahnärzte. Hinzu kam, dass allein aufgrund der beschwerlichen und langen Wege Behandlungen fast unmöglich waren.

Wieder zurück in Deutschland rüstete er eine fahrbare Klinik komplett aus, gründete einen gemeinnützigen Verein - fertig. Bereits im Januar 1981 wurde ein Staatsvertrag unterschrieben, ein Jahr später der Baustellenwagen für 125.000 DM zum Dentomobil aufgerüstet und samt Einrichtung für 25.000 DM auf die Insel verschifft. Das Arbeitsmodell war denkbar einfach und vielleicht genau deswegen so erfolgreich: Zwei Zahnärzte - Kumpels - arbeiten in Deutschland und ernähren den dritten auf den Seychellen mit. Die dortige Regierung stellt die Wohnung für den Zahnarzt, das Benzin für das Dentomobil und eine Helferin.

Eine eigene Sonderbriefmarke

Für das Protokoll: Innerhalb eines halben Jahres wurden 980 Patienten mit 1.442 Behandlungen unentgeltlich versorgt. 1983 gibt der Inselstaat als Würdigung dieses Engagements eine Sonderbriefmarke heraus, auf der die mobile Zahnstation des Vereins abgebildet ist.

Zehn Jahre arbeitet Kaiser mit seinen Kollegen abwechselnd auf den Seychellen. Dann fällt das Dentomobil auseinander. Nichtsdestoweniger läuft das Projekt durch das Engagement der Initiatoren und Unterstützer auch ohne mobile Einheit weiter. Seitdem ist die Zahnstation an die Klinik assoziiert. Bis heute sind mehr als 60 Zahnärzte dorthin gereist und haben die Bevölkerung vor Ort zahnmedizinisch versorgt.

Mutter Theresa ist nicht!

"Meine Motivation ist erstens das soziale Gewissen. Ich will etwas zurückgeben, weil ich als Zahnarzt privilegiert bin", antwortet Kaiser auf die Frage, warum er sich so engagiert. "Ich wollte immer etwas tun, was anderen nützt. Unter dem Aspekt, ob am Urlaubsziel Zahnmedizin möglich ist, bin ich auch immer gereist - und habe unter anderem auf Bali und Sri Lanka behandelt. Und zweitens: Schlicht die Abenteuerlust! Was mir selbst Spaß macht und anderen etwas bringt - das ist meine Linie. Reine Selbstlosigkeit funktioniert auf Dauer nicht.“

1982 gründet er in Hamburg den haus grenzenlos verlag, 2002 übernimmt er ein modernes Antiquariat in Hamburg, das er bis 2007 betreibt. Neben der Freude, die ihm der intensive Austausch über Literatur bereitet, zahlt er allerdings auch viel Lehrgeld, denn die Nischenliteratur ist kein Mainstream und lässt sich dementsprechend schwer verkaufen. Kaiser konzentriert sich schließlich auf ein kleines, aber feines Medium: die Postkarte.

Die Postkarte als Grenzmedium

"Die Postkarte verringert die Distanz zwischen der Kunst- und der realen Welt. Sie fungiert als Grenzmedium, als eine Art Interface zwischen der Welt der Ästhetik und der Alltagswelt.“ Der Gegenstand, sagt er, sei in seinem inneren Gedächtnis: Dieses Bild bringe er dann mit dem Text zusammen. Laut Kaiser ein klassischer Kristallisationsprozess. Er versteht sich als Mittler, der Bilder und Texte komponiert - und eben diese mediale Grenze aufhebt.

Kaiser: "Das ist das Strickmuster der Veröffentlichungen aus dem Verlag - nämlich Bilder und Texte zusammenzufügen, die bereits existierten, aber nichts voneinander „wussten“. Indem sie verknüpft werden, wird beides zunächst erhalten, und in der Verbindung eine neue mediale Wirklichkeit etabliert. Zwischen von Bild und Text bleibt gleichermaßen eine Differenz, die im glücklichen Fall mehr Anregung, Spannung, Verblüffung erreicht als beides für sich allein.“

Zum Sortiment gehören auch „Kaiser‘s Karten Kästchen“ -  kleine Zusammenstellungen aus Lyrik mit korrespondierenden Bildern. Seit  2007 läuft der Vertrieb allerdings ausschließlich online. Für Kaiser eine rein ökonomische Entscheidung: "Ich mochte die Gespräche mit den Kunden sehr - das reine Online-Geschäft ist dagegen ein bisschen langweilig, aber zeitlich ist das mittlerweile gar nicht anders zu machen.“

Kaiser entwirft und gestaltet individuellen Schmuck. | Kaiser

Kaiser ist und bleibt dabei immer Künstler: Er erschafft Skulpturen, bedient sich dabei der Materialien aus Natur und Umgebung, modelliert, schreibt und malt. Dabei ist er kein Eigenbrötler, im Gegenteil: Er liebt den Austausch, reist auf internationale Kongresse, initiiert kulturübergreifende Projekte - zum Teil entstehen daraus dauerhafte Kontakte. Wie der zu Bill Tonga. Mit dem auf den Seychellen lebenden Künstler war er eng befreundet. Diese enge Verbindung endet erst, als Tonga 2000 stirbt.

Offen sein für das, was passiert

Eine selbst entworfene und geschmiedete Gürtelschnalle. | Kaiser

Für verlegerische und literarische Orientierung wesentlich ist auch die 23 Jahre währende Freundschaft mit dem Dichter und Übersetzer Albert Vigoleis Thelen. Entscheidend geprägt wird seine künstlerische Arbeit aber durch den amerikanischen Dichter und Arzt William Carlos Williams. Kaiser begreift seine Arbeit als Prozess: "Es entwickelt sich ein Dialog zwischen dem Material und den ursprünglichen Gedanken. Während der Fertigung korrigiert das Material ihren Planer und man öffnet sich für das, was passiert.“ Das ist wohl sein Geheimnis: Offen zu sein, für das, was passiert.


In "Abseits der Praxis" erzählen wir von Zahnärzten, die einen etwas anderen Weg eingeschlagen haben – sei es direkt nach dem Studium oder erst nach Jahren als niedergelassener Zahnarzt.

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