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Abseits der Praxis (4): Chirurg bei der Bundeswehr

In "Abseits der Praxis" erzählen wir von Zahnärzten, die einen etwas anderen Weg eingeschlagen haben, sei es direkt nach dem Studium oder erst nach Jahren als niedergelassener Zahnarzt. Wir erzählen von Industrieberufen, künstlerischer Selbstfindung, humanitären Einsätzen, Aussteigern, Politikerkarrieren und Jobs in Industrie, Forschung und Verwaltung. Einige unserer Protagonisten haben sich sehr weit vom Ursprungsberuf entfernt, andere haben nur wenig verändert, um ein wenig Abwechslung in ihren Praxisalltag zu bringen. Fest steht so oder so: Auch "Abseits der Praxis" warten viele spannende Aufgaben.

Stephan Jagella mit einem amerikanischen Kollegen in dessen Behandlungsbereich in Mazar-e Sharif, Afghanistan. Stephan Jagella

Normalerweise haben die Patienten von Stephan Jagella weniger Haare. Und auch das Gebiss sieht etwas anders aus. Aber einmal musste der Zahnarzt auch einen Hund behandeln.

Das war allerdings nicht im Bundeswehrkrankenhaus in Berlin, wo Jagella normalerweise arbeitet. Sondern im Militärlazarett in Mazar-e Sharif, Afghanistan. Und der Hund war auch kein gewöhnlicher Hund, sondern ein speziell ausgebildeter Diensthund der deutschen Bundeswehr.

Stephan Jagella ist nämlich auch kein ganz gewöhnlicher Zahnarzt. Er ist Oberfeldarzt der Bundeswehr und deshalb muss der ausgebildete Oralchirurg hin und wieder seine komfortablen Praxisräume in der Scharnhorststraße 13 in Berlin Mitte eintauschen gegen die engen Container eines Militärlazaretts.

Bei bis zu 50 Grad im Schatten und einem herannahenden Wüstensturm, der den Horizont in eine gigantische Sandwalze verwandelt, zieht er dann Zähne und richtet Kiefer. Ob Somalia, Kosovo, Kabul oder Mazar-e Sharif, Jagella war schon fast überall, wo auch seine Kameraden ihren Dienst tun müssen.

In Afghanistan zählt jeder Mann und jeder Hund

Dem armen Hund nun musste damals dringend geholfen werden, weil er während seines Fluges nach Afghanistan vergeblich versucht hatte, mit den Zähnen seinen Transportkäfig aufzubeißen. Verrücktes Tier. Aber diese Hunde sind wichtig, in Afghanistan zählt jeder Mann und jeder Hund.

So musste Stephan Jagella eben zur Abwechslung mal einen Hund operieren. Kein Problem, gelernt ist gelernt. "Nach Wurzelfüllungen und operativer Entfernung der abgebrochenen Zähne war der Patient wieder voll einsatzfähig" sagt Jagella, der sich über die Abwechslung gefreut hat.

Überhaupt ist Jagella richtig gerne Oralchirurg und Zahnarzt. "Mein Vater war schon Zahnarzt, irgendwie gab es für mich überhaupt keine Frage, dass das auch für mich der richtige Beruf sein würde", sagt er. Nur ist er einen etwas anderen Weg gegangen als der Vater.

Statt in die eigene Praxis am Stadtrand von München zog es den sportlichen jungen Mann nach dem Studium erst mal in die Bundeswehrkaserne nach Berchtesgaden. Dort tourte er neben der Arbeit mit den Kameraden zu Fuß und auf Skiern durch die Berge. Er war auf dem Großklockner, dem Großvenediger und hat den Mont Blanc überschritten.

Mit den Gebirgsjägern in Somalia

Noch als Zeitsoldat kam die Aufforderung, mit den Gebirgsjägern nach Somalia zu gehen. "Ich habe das als Feuerprobe betrachtet", sagt er. Jagella wollte erst einmal sicher gehen, dass er das auch wirklich wollte - Bundeswehrzahnarzt sein unter Einsatzbedingungen. Nicht Jedermanns Sache. Doch alles ging gut. Nach dem Einsatz verpflichtete er sich als Berufssoldat und absolvierte die Weiterbildung zu Fachzahnarzt für Oralchirurgie an der Universität in München.

Die Möglichkeit, an Auslandseinsätzen teilzunehmen, steht übrigens nicht nur aktiven Soldaten wie Jagella offen, sondern theoretisch auch zivilen Kollegen. Die können sich freiwillig melden, durchlaufen vorher Lehrgänge und sind dann üblicherweise sechs Wochen im Einsatz.

Jagella sagt nicht, dass er sie mag, aber er "akzeptiert die Teilnahme an Auslandseinsätzen als Bestandteil des soldatischen Berufes". Erst letzten November ist er aus Mazar-e Sharif zurückgekehrt, im Juni soll es wieder losgehen. Einmal im Jahr ist er durchschnittlich unterwegs, das will er auch in Zukunft so halten. "Zumindest, solange meine Familie das mitmacht", sagt er. Jagella hat zwei Töchter.

Alle Mann in den Bunker

Sein Leben riskieren will er allerdings nicht. Auf Ausflüge verzichtet er lieber, im Lager fühlt er sich sicher. In Mazar-e Sharif funktioniert die Aufklärung so gut, dass nur noch selten ein Alarm zu hören ist. Das war nicht von Anfang an so. "In den ersten Jahren in Kabul ging es regelmäßig ein- bis zwei Mal die Woche für alle Mann in den Luftschutzbunker, weil irgendwo in der Nähe des Lagers eine Rakete eingeschlagen ist."

Jagella schmunzelt, während er das sagt. Er wirkt sehr relaxed. Auf dem Kopf trägt er einen grauen Bürstenhaarschnitt, er lächelt sehr einnehmend. Man kann sich gut vorstellen, dass er auch in unkomfortablen Lagen die Ruhe behält und die Kollegen eher mit einem Scherz unterhält als mit Geschimpfe und Lamentos. 

"Ich komme gut klar mit dem Leben und den Leuten im Camp", sagt er. Gut, ein bisschen karg ist es schon in den sandfarbenen Containerstädten, die umgeben sind nur von ein paar gelb-braunen Bergen und Sandwüste, wohin das Auge schaut. Die Soldaten wohnen - je nach Dienstgrad - mit bis zu drei Mann in einem kleinen Wohncontainer, es gibt nur gemeinsame Waschräume und eine große Kantine, die immerhin täglich frisches Obst und Gemüse austeilt.

In der Wüste Badminton spielen

Dass Entscheidende aber sei die Stimmung unter den Kameraden. "Schließlich muss man ja irgendwie die Zeit miteinander rumbringen," sagt Jagella. Immerhin gibt es einen Fitnessraum und einen Badmintonplatz, einen kleinen internen Markt, auf dem Händler Souvenirs verkaufen, eine große Café-Terrasse und eine Bar.

Nur als Jagella davon berichtet, wie er vor 3 Jahren bei Gefechten in der Nähe von Kundus einen engen Kameraden verloren hat, schaut er plötzlich sehr ernst. "Wer denkt, so ein Einsatz wäre ein Abenteuer für Rambos oder man hätte nur Spaß da unten, der ist falsch bei der Bundeswehr", sagt er mit Nachdruck.

Auf der anderen Seite hat er es als Oralchirurg dort im Einsatzlazarett viel komfortabler, als man zunächst annehmen würde. "Die Ausstattung kann mit hiesigen Standards mithalten, höchstens ist alles etwas beengter."

Glücksmomente im Krieg

In der Regel behandelt Jagella nur die eigenen ISAF-Soldaten. "Wir wollen der lokalen Bevölkerung ja nicht die Jobs wegnehmen." Nach dem Abzug der internationalen Gemeinschaft müssen die Einheimischen sich schließlich wieder selbst versorgen. Nur in besonders schwierigen Fällen bietet Jagellas Team seine Hilfe an. So ist das bei allen Fachabteilungen des Lazarettes geregelt.
 
Bei seinem vorletzten Einsatz hat er einen kleinen Jungen behandelt, ihm mit einer komplizierten OP den Kiefer gerettet. "Der hatte mit einem Sprengteil gespielt, das vor seinem Gesicht explodiert ist." Ende letzten Jahres hat er das Kind dann wieder gesehen - putzmunter. "Das sind dann schon besondere Glücksmomente und spätestens dann weiß man, warum man das alles macht."

 

In "Abseits der Praxis" erzählen wir von Zahnärzten, die einen etwas anderen Weg eingeschlagen haben – sei es direkt nach dem Studium oder erst nach Jahren als niedergelassener Zahnarzt.

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