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Abseits der Praxis (9): Der Allflieger

In "Abseits der Praxis" erzählen wir von Zahnärzten, die einen etwas anderen Weg eingeschlagen haben, sei es direkt nach dem Studium oder erst nach Jahren als niedergelassener Zahnarzt. Wir erzählen von Industrieberufen, künstlerischer Selbstfindung, humanitären Einsätzen, Aussteigern, Politikerkarrieren und Jobs in Industrie, Forschung und Verwaltung. Einige unserer Protagonisten haben sich sehr weit vom Ursprungsberuf entfernt, andere haben nur wenig verändert, um ein wenig Abwechslung in ihren Praxisalltag zu bringen. Fest steht so oder so: Auch "Abseits der Praxis" warten viele spannende Aufgaben.

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Nachdem sich bei den Patienten herumgesprochen hatte, dass ihr Zahnarzt bald ins All fliegen würde, reagierten die meisten begeistert.

Sie beglückwünschten Jos Gal zu dieser abenteuerlichen Gelegenheit. Einige wenige waren aber auch empört: "Ich zahle dem Gal doch nicht seine Weltraummission", schimpften die einen. "Habe ich es doch gewusst - Zahnärzte verdienen viel zu viel!", moserten die anderen.

Wenn sie mit Jos Gal selbst gesprochen hätten, wäre die Empörung vermutlich schnell verflogen. Man fängt sogar an, sich ein bisschen zu wundern, warum die Menschen manchmal so miesepetrig sind. Warum eigentlich sollte Jos Gal nicht ins All fliegen? Es fliegen ja auch Raumfahrer ins All. Dann zahlt es der Steuerzahler. Was ist so verkehrt daran, wenn sich einer seinen Traum aus privater Tasche finanziert?

Lieber Pilot als Tennisprofi

Um diesen Traum zu verstehen, muss man allerdings in die Jugend von Jos Gal zurückgehen. Schon als 15-Jähriger wusste er, was er später einmal werden wollte: Pilot. Unbedingt. Er war guten Mutes: Das Zeugnis war voller Einsen und sportlich war er auch. Kurz war zu Jugendzeiten sogar einmal im Gespräch, ob er nicht eine Karriere als Tennisprofi einschlagen sollte. Doch Jos Gal entschied sich für die Schule. Das Ziel stand ja fest. Pilot werden.

Dann kam der Test bei der Lufthansa  und damit der erste große Weltzusammenbruch. Kurzsichtigkeit! So jemanden konnte man in der Luftfahrt nicht gebrauchen. "Das war ein ziemlicher Tiefschlag", erinnert sich Gal. "Inzwischen habe ich mir die Augen zwar per Laser korrigieren lassen, aber damals gab es diese Möglichkeit noch nicht."

Zwei Frauen als Startkapital sind nicht genug

Also fiel die Wahl auf den Zahnarztberuf. Schon der Vater betrieb in dem kleinen Ort namens Ubstadt-Weiher eine eigene Praxis. Übernehmen wollte er die aber nicht, das schien klar. Lieber erst mal in die Welt hinaus. Als das Studium 1998 mit Promotion abgeschlossen war, folgten zahlreiche Reisen. Gal war unter anderem als zahnärztlicher Entwicklungshelfer im Königreich Tonga tätig. Dort wollte man ihn sogar zum Bleiben bewegen, indem man ihm Ackerland und zwei Frauen als Startkapital bot. Allerdings stimmen die Schönheitsideale der Südseebewohner nicht ganz mit den unsrigen überein - positiv ausgedrückt: Schlankheitswahn ist dort unbekannt.

Gal zog es ohnehin weiter, erst an eine Klinik nach Südafrika, dann an eine Schönheitsklinik ins Wellness-Paradies Bad Kreuznach. Es folgten weitere Stationen, unter anderem verbunden mit der Ausbildung zum Implantologen, bis er schließlich in seine alte Heimat zurückkehrte. Und doch die Praxis des Vaters übernahm. "Die Familienbande waren eben stärker," sagt er und lacht.

Anlass zum Angeben

Die Praxis in dem kleinen Ort war seit Ewigkeiten eingeführt, lief gut und warf, wenn schon keine Reichtümer, dann doch genug ab für die ganze Familie. Jos Gal modernisierte und krempelte um, stellte mehr Personal ein, baute aus - und versechsfachte den Umsatz. Heute zieht die Praxis Patienten aus der ganzen Region in den Ort. "Dabei haben wir aber auch gut die Hälfte der alteingesessenen Patienten verloren", räumt er ein.

Überhaupt, Gal hat wenig Scheu, auch Dinge offen anzusprechen, die nicht so gut laufen. Das macht ihn zu einem angenehmen Gesprächspartner. Man hat nicht das Gefühl, ständig mit PR-Gerede bombardiert oder gar von einem Aufschneider bequatscht zu werden.

Dabei - Anlass zum Aufschneiden hätte er genug. Die Zeit würde kaum reichen, alles aufzuzählen, was Jos Gal in seinen 40 Jahren schon erreicht hat: Design-Preis ZWP für eine der 20 schönsten Zahnarztpraxen Deutschlands, Zauberkünstler des Jahres 1994 und offizieller Vertrags-Zauberkünstler bei Mercedes Benz, Tennis-Weltmeister der Ärzte 2001, Deutscher Golfmeister mit seiner MIDS-Mannschaft St. Leon-Rot 2012. Und natürlich spielt er Golf auch nicht nur so zum Spaß, sondern inzwischen in der Bundesliga.

Eine Beißschiene für Golfer

Neben Sport und Praxis absolvierte er eine Coaching- und Rhetorik-Ausbildung, gründete das Beratungsinstitut First Class Consulting und ist seitdem auch als Coach für andere Zahnarztpraxen tätig. Es folgte eine Ausbildung zum sogenannten Golf-Med-Dent-Coach, kurzerhand entwickelte der umtriebige Mann auf diesem Weg auch noch eine Beißschiene speziell für Golfer Und konnte bei den Schwunganalysen für die speziell auf Golfer angepasste Zahn-Entlastungsschiene sogar schon mit Tiger Woods gemeinsam über das Fairway in Abu Dhabi laufen.

Derweil wuchs auch die eigene Praxis weiter. Inzwischen besteht diese aus einem Team von 15 Helferinnen und vier Zahnärzten. Fünf Stunden Schlaf, sagt er, sei bei ihm guter Durchschnitt. "Mehr braucht man doch nicht!" Man muss nicht alles sofort toll finden, was er macht, aber die Tatkraft, mit der er durchs Leben pflügt, ist beeindruckend. "Ich habe keine Kinder", sagt er beschwichtigend, "das muss man fairerweise sagen." So bliebe viel Zeit für andere Dinge.

Dennoch: Woher diese Energie, dieser Tatendrang? Er sei aus Siebenbürgen, erklärt Gal, gebürtiger Ungar. Seine Eltern mussten nach Deutschland fliehen, als er gerade mal sechs Jahre alt war, und durften ihn und die jüngere Schwester erst ein Jahr später in die neue Heimat hinterherholen. Damals habe er gelernt, auf sich selbst zu achten und Verantwortung zu übernehmen. Zugleich hätten ihm seine Eltern viel Liebe und Urvertrauen mitgegeben. Neid und Missgunst seien ihm unbekannt. Er sei ein Menschenfreund, frei von Arroganz und Dünkel. "Ich gewinne schnell das Vertrauen der Menschen", glaubt er.

"Und ich will bestimmt nicht polarisieren", fügt er hinzu. Die meisten Leuten hätten ihn zu seinen Weltraumplänen beglückwünscht und die Idee "typisch Gal!" gefunden. Dass es auch negative Reaktionen gab, habe ihn sehr überrascht. Er realisiere doch einfach seine Träume, das habe er schon immer so gemacht. "Meine Devise ist, und das rate ich auch allen Coaching-Teilnehmern: Was du verändern willst, solltest du in den nächsten 72 Stunden angehen. Sonst wird das nie was."

Wer macht, hat Recht. Wegnehmen will Gal ganz sicher niemanden was. Schon gar nicht seinen Patienten. Er sagt, er tue das auch rein rechnerisch nicht. Am Ende betrachtet Gal den Allflug nämlich als Investment. Das mache er immer so. "Investieren heißt für mich, dass ich erst mal etwas anschiebe, auch wenn sich der Erfolg vielleicht erst Jahre später einstellt", sagt er. Zum Beispiel habe er Zeit und Geld in die Ausbildung einer Helferin investiert, mit der es eingangs viele Probleme gab. Später stellte sie sich als Spitzenkraft heraus, die dann in der Praxis seine Prophylaxe-Abteilung leitete.

Der Film zum Flug

Oder der Allflug: Schon im Vorfeld hat er mithilfe von Sponsoren zwei Drittel seiner Kosten wieder hereingeholt. Nach dem Flug soll es ein Buch und einen Film geben, so wird er jetzt auch auf allen Stationen seiner zweijährigen Vorbereitungszeit von einem Filmteam begleitet.

Und was war sein persönliches Highlight bei den Trainings bislang? "Das Fliegen in einem Kampfjet natürlich!" sagt er sofort.
Klar, das war ja auch sein Kindheitstraum.

In "Abseits der Praxis" erzählen wir von Zahnärzten, die einen etwas anderen Weg eingeschlagen haben – sei es direkt nach dem Studium oder erst nach Jahren als niedergelassener Zahnarzt.

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