Assistenz

Der Indianerdoktor I

Roland Garve war schon als Junge von Urvölkern fasziniert. Er wollte in die weite Welt, doch dann landete er im Zuchthaus und wurde in den Westen abgeschoben. Jetzt lebt der Zahnarzt seinen Traum.

Zähneausschlagen ist bei den Himba in Namibia ein Initiationsritual. Roland Garve
Die Unterlippe ist bei der Surma-Frau um das Zehnfache gedehnt. Roland Garve
Ein San-Buschmann mit angespitzten Zähnen Roland Garve
Die spitzen Frontzähne sind nicht nur ein Stammeszeichen der Baka-Pygmäen. Roland Garve
Sie sind auch eine gefürchtete Jagdwaffe. Roland Garve
Die Zahnfeilung auf Mindanao ist ein Zeichen von Schönheit. Roland Garve
Bench in Äthiopien: Das Abschlagen der Zahnkanten mit einem Messer ist ein Ausdruck von Reife und Männlichkeit. So sieht der Prozess aus. Roland Garve
Mit diesem Ergebnis. Roland Garve
Die Apatani in Indien dehnen ihre Nasenflügel mithilfe von Holzscheiben. Roland Garve
Melanester von den Neuen Hebriden (Vanuatu): Der Turmschädel entsteht durch die Bandagierung und Abplattung des Kopfes bei den Neugeborenen. Roland Garve
Eine „Giraffenhals“-Frau aus Burma: Die optische Halsdehnung wird hauptsächlich durch das Herunterdrücken von Scapula und Clavicula mit schweren Messingspiralen erreicht. Roland Garve
Kin Jae, das Vegetarierfest auf Phuket: Wangenstichverletzungen ohne Blutungen nach Selbsthypnose von taoistischen Mönchen Roland Garve
Makabrer Rosenkavalier Roland Garve
Benutzung von Zahnputzhölzern bei den Kuikuru in Kenia Roland Garve
Selbstbehandlung eines Suruahá-Indianers durch Einbringen eines Giftpfeils in die Pulpa. Roland Garve

Diesen Tag im September 1981 wird Roland Garve nie vergessen, denn er hat sein Leben für immer verändert. Als er im Krankenhaus aufwacht, sieht er zwei Männer an seinem Bett sitzen. Graue Anzüge, spitze Gesichter, kalte Augen. Er denkt, das sind keine Ärzte. Das ist auch nicht die Polizei. Das ist die Staatssicherheit.

Wo die Mörder einsitzen

An jenem Morgen in Rostock beginnt ein 20 Monate währender Albtraum, der den jungen Mann erst in Einzelhaft, dann in einen Geheimprozess und schließlich in das furchtbarste Gefängnis der DDR führen wird, nach Brandenburg-Göhren, wo die Mörder einsitzen. Doch Garve ist kein Mörder. Er hat überhaupt kein Verbrechen begangen. Er hat gerade sein Examen als Zahnarzt bestanden, und er hat einen Traum. Seit er klar denken kann, will er hinaus in die Welt. Er möchte reisen, möglichst weit reisen, zu den Indianern, zu den Papuas, zu den Massai.

Es ist ein unmöglicher Traum in der DDR, aber er hält daran fest. Mit einem Freund hat er sich eine Ausrüstung gebastelt, um durch die Elbe zu tauchen. Dann, als sie ihn befüllen wollen, explodiert ein Druckluftbehälter - es folgen Schmerz, Ärzte, Dunkelheit. Das Krankenhaus. "Ich will doch gar nicht in den Westen, ich will in den Dschungel", wird Garve zu den Vernehmern von der Staatssicherheit sagen, immer wieder, aber die verstehen nicht und lachen nur.

Doch Garve ist es ernst, denn er ist einer, für den es in dieser DDR rein gar nichts zu tun gibt. Das Land erscheint ihm zum Gähnen langweilig - und ein Abenteurer darin wie ein Widerspruch in sich selbst. Garve aber möchte genau das sein: Abenteurer, Entdecker, Weltenbummler. Das ist sein Traum.

Ewige Flucht vor der DDR

Jahre später wird ein Freund zu ihm sagen: "Roland, ich glaube, dass du so ruhelos bist, weil du immer wieder aufs Neue vor der DDR und dem Gefängnis fliehst. Weil sich dein Traum und dein Trauma gegenseitig verstärken." Als der Freund das sagt, hat Garve schon Dutzende Expeditionen in die entlegensten Flecken der Erde bewältigt. Da ist der ruhelose Zahnarzt auf dem Weg, sich in die Genealogie der großen Abenteurer, der Harrers, Messners, Nehbergs einzuschreiben.

Das Zeug dazu hat er, genug erlebt allemal. Wenn er über seine Erlebnisse redet, springt er vom Amazonas an den Nil, von Neuguinea nach Nordindien, von Burundi nach Boizenburg an der Elbe. Wobei Boizenburg ein guter Anker für die erstaunliche Geschichte des Dr. Roland Garve ist.

Denn dies ist der Ort, wo alles begann, im äußersten Westen des Ostens, dem Grenzgebiet der DDR zur BRD. Wo er, der zweite von drei Söhnen eines Werftarbeiters, der als Jugendlicher ethnologische Bücher verschlang und fernöstlichen Kampfsport trainierte, "immer nur weg wollte".

Wo er sich nach 20 Monaten Haft wegen "versuchter Republikflucht" wiederfand - mit dem Gefühl, aus einem kleinen Gefängnis in ein großes entlassen worden zu sein - und endlich, weitere zehn Monate später, im März 1984, abgeschoben wurde. "Freiheit!" rief er den grauen Herren auf dem Bahnsteig zu, als sich der Zug in den Westen in Bewegung setzte. Damals ist Garve 27 Jahre alt, und alles, was er nun tut, dient nur diesem einen Ziel: sich eine Existenz aufzubauen, um reisen zu können.

Wie der Graf von Monte Christo

Drei Wochen später hat er bereits eine Assistenzstelle bei einem Landzahnarzt, ein Jahr darauf seine eigene Praxis in Geesthacht bei Hamburg. Es ist die goldene Zeit der westdeutschen Kassenmedizin, vor den Blümschen Gesundheitsreformen, Garve ist im Glück. "In der DDR habe ich 900 Mark im Monat verdient - so viel kam jetzt oft an einem Tag zusammen!" Ein wenig fühlt er sich wie Dumas' "Graf von Monte Christo". Und wie sich Edmond Dantès mit dem Piratenschatz an den Intriganten rächt, die ihn ins Verlies gebracht haben, so vollzieht Garve seine Rache an der Stasi mit dem Westgeld.

Er hilft, alte Freunde aus dem Osten zu schleusen. Er annonciert nach Dentisten mit DDR-Ausbildung und bietet immer wieder einem von ihnen einen Job als sein Assistenzarzt. Es sind gute Leute, sie entlasten ihn. Weil alles prima läuft, kann er schon im Sommer 1985 zu den Eingeborenen aufbrechen, zu den Massai in Kenia. Er spürt, er ist auf dem richtigen Weg.

Ein Jahr später folgt die erste "echte" Expedition, nach West-Papua, in den indonesischen Teil der Insel Neuguinea. Garve sieht Kannibalen und exotische Tänze, furchterregende Masken, Federschmuck. Er hört den Gesang des Dschungels, den Tropenregen, Lieder und Trommeln die Nacht hindurch - Eindrücke wie aus archaischer Zeit. Er merkt, dass er von den Ureinwohnern lernen kann. Geduld zum Beispiel. Müßiggang. Glücksgefühle überschwemmen seinen Körper. Es ist genau das, was er immer ersehnt hat.

Die erste Frau, die alles mitmacht

Drei Monate darauf fährt er zum ersten Mal ins Amazonasgebiet. So hat es angefangen, das Leben als Abenteurer. Inzwischen, im Sommer 2007, ist Garve 52 Jahre alt und hat seinen Frieden mit der Heimat gemacht, hat sich ein reetgedecktes Wochenendhaus nahe Boizenburg hinterm Elbdeich gekauft, hat eine junge Lebensgefährtin und ein Baby, Miriam und Paula. Miriam ist die erste, die jede Extremwanderung mitmacht; alle früheren Frauen haben irgendwann aufgegeben.

Nun sitzt Garve mit Miriam und Freunden am Lagerfeuer im Garten und erzählt, wie neulich sein neues Buch fertig war und den Buchhändlern Berlins präsentiert wurde. Das Frage-und-Antwort-Spiel plätscherte so dahin - bis Garve seine Wundertüte öffnete, die Reisetasche mit den Mitbringseln aus jener seltsamen Welt, die wir alle nur aus dem Fernsehen kennen und doch noch in unseren Genen tragen, die Steinzeit. Garve förderte der Reihe nach zutage: ein Steinbeil aus Neuguinea, eine Lippenscheibe aus Äthiopien, einen Lippenpflock aus dem Amazonastiefland und eine Penisröhre ("natürlich unbenutzt") aus West-Papua.

Der Blick in die Wundertüte

Ein Raunen ebbte durch den Raum. Dann gingen die Fragen auf ihn nieder: Wie er sich im Dschungel verständige? Ob man ihm nach dem Leben getrachtet habe? Ob er die Yanomami kenne? Und vor allem, wie es um die letzten Naturvölker dieser Erde wirklich bestellt sei? Denn das war den Berliner Buchhändlern schnell klar geworden: Der Mann, der da vor ihnen saß, ist etwas Besonderes. Rein äußerlich: ein Kerl wie ein Baum, muskulös, hochgewachsen, ein Indiana-Jones-Typ. Psychisch wohl auch: geradeaus, offen, neugierig und von jener Naivität, ohne die man endlose Märsche, Malariaanfälle und Wochen im Dreck nicht auf sich nimmt. Sie spüren, das ist einer, der seinem Traum gefolgt ist, wie es nur Besessene können - und der damit ganz bei sich ist.

Vor allem wirkt die schiere Anzahl seiner Erlebnisse. Weltweit findet man nur wenige Menschen wie Garve, die aus eigener Anschauung eine große Zahl der noch existierenden Naturvölker dieser Erde kennen. Menschen, die in der Lage sind, Auskunft zu geben über die letzten Inseln der Steinzeit im Meer der Moderne, die gerade tsunamigleich mit den Segnungen der Zivilisation überschwemmt und kulturell eliminiert werden. "Als ich meine ersten Reisen zu Naturvölkern machte, wurde mir schlagartig klar, dass es die allerletzte Chance war, diese Welten noch selbst kennenzulernen - und das habe ich seit 20 Jahren getan", sagt Garve. "In jeder freien Minute bin ich losgezogen."

Mehr als 60 Expeditionen haben ihn seither in jene Urwälder, Berge und Savannen geführt, wo Menschen noch so leben wie vor Tausenden von Jahren. Wo man noch live beobachten kann, was hierzulande das Fernsehen gerade für eine Abendserie mühsam rekonstruiert hat.

Im Mai 1987 geht es unter Führung eines ehemaligen Fremdenlegionärs sieben Tage lang über einen Nebenfluss des Amazonas zum kriegerischen Stamm der Auca in Ecuador. Man hat die Reisenden gewarnt - es sind Weiße attackiert worden in dem Gebiet, auf das Erdölgesellschaften ihr Auge geworfen haben.

Mit Schraubenzieher und Kombizange wird der Häuptling behandelt

Garve aber entdeckt bei den Auca so etwas wie seine eigentliche Bestimmung. Hier gibt er seinen Reisen - seinem Traum - einen Sinn. Der Häuptling des Stammes heißt Kempede und klagt über Zahnschmerzen. Garve soll ihm helfen, aber er hat nur Anästhesiespritzen im Gepäck. Was tun? Er denkt an die Haft in Brandenburg, wo er sich eine Zelle mit sechs Mördern teilen musste. Dort hat er überlebt, weil er als Kampfsportler trainiert war - und weil er helfen konnte, wenn einer der Insassen Zahnschmerzen hatte. Damals hat er gelernt, mit einfachstem Werkzeug Zähne zu ziehen. Das hat selbst den Mördern Respekt abverlangt.

Mit Schraubenzieher und Kombizange behandelt er jetzt auch den Häuptling der Auca. Kempede revanchiert sich und zeigt seinem Gast, wie er das tödliche Gift Curare anmischt, wie er es auf die Pfeilspitzen aufträgt und das passende Blasrohr herstellt. Da fährt es Garve wie ein Blitz durch den Kopf: Er kommt nicht mit leeren Händen zu den Urvölkern. Er hat etwas zu bieten! Die meisten Eingeborenen, sagt Garve, hätten noch nie einen Medizinmann wie ihn gesehen.

"Vielleicht ist schon mal ein Arzt da gewesen, aber noch nie ein Zahnarzt. Wenn sie Zahnschmerzen hatten, mussten sie die ertragen oder sind schlimmstenfalls an Vereiterungen gestorben. Insofern war es gut, dass ich ihnen die schmerzhaften Zähne gezogen oder Füllungen gelegt habe." Anders als mancher denken mag, haben Naturmenschen oft schlechte Zähne. Sie kauen auf Zuckerrohr herum, trinken süßes Maniokbier oder radieren sich die Zähne mit dem Sand ab, der am Fleisch klebt, das sie im Feuer garen. Die Folge sind Karies und Entzündungen.

Auf den Tisch kommt auch mal ein gegarter Affenkopf

Einige Stämme in Brasilien und Neuguinea besucht Garve regelmäßig, um nach ihrem Gebiss zu schauen. "Sie geben mir dafür die Chance, mit ihnen zu schwatzen, zu essen, zu jagen. Das ist der schönste Dank" - auch wenn es manchmal Überwindung kostet, die Sitten zu teilen. "Im Urwald wird nicht mit Messer und Gabel gegessen, sondern aus der Hand in den Mund. Was einem angeboten wird, darf man nicht zurückweisen, sei es ein Wurm oder ein gegarter Affenkopf. Das isst man dann auch."

Garve hat sich im Westen schnell in die ethnologische Forschungsliteratur eingelesen. Er wird Stammgast in der Bibliothek des Hamburger Völkerkundemuseums, er beginnt, Expeditionen auszurüsten und zu leiten. Da er ein besessener Sammler ist, erwirbt er Federhauben, Blasrohre, Masken, mit denen er ganze Ausstellungen bestückt. Als die Mauer fällt, knüpft er enge Bande zu den Völkerkundemuseen in Dresden und Leipzig. Bald publiziert er selbst großformatige Bildbände über die Urvölker West-Papuas und des Amazonasbeckens.

Ein glücklicher Zufall lässt Garve neben dem Zahnbohrer ein zweites Instrument im Kontakt mit den Urvölkern finden: die Filmkamera. Es ist im Sommer 1990, als er Lutz Rentner, Kuno Richter und Otto Sperlich kennenlernt, drei DDR-Filmemacher, die nach dem Ende des Sozialismus auf der Suche nach neuen Stoffen sind. Mit ihnen fährt er an den Amazonas, nach Afrika, auf die Philippinen. Meistens bezahlt er die Reise. Dafür lernt er von ihnen: Umgang mit der Kamera, Perspektiven, Dramaturgie.

Die Selbstmordindianer am Rio Purús

Ihre Filme laufen bald im Fernsehen; mittlerweile sind 15 Dokumentarfilme entstanden. Darin hat Garve auf die Regenwaldzerstörung durch Holzfäller und Goldsucher hingewiesen. Er hat Hilfe für die hungernden Himba, die Buschmänner, in Namibia organisiert, hat die Bedrohung der Ureinwohner West-Papuas durch Missionare und Siedler dokumentiert. Vor allem hat er sich für die Völker Amazoniens eingesetzt, etwa die mysteriösen Selbstmordindianer am Rio Purús. Mehr als einmal geriet er dabei in Lebensgefahr.


 

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