Prof. Robert Sader im Interview

"Die Ästhetik ist häufig das Zünglein an der Waage!"

Ästhetik wird in der Zahnmedizin zunehmend wichtiger - auch weil die Patienten immer mehr fordern. Prof. Dr. Dr. Dr. Robert Sader, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische Zahnmedizin (DGÄZ), schildert seine Erfahrungen.

"Da ist einerseits der Patient, der ein bestimmtes Bild vor Augen hat und damit einen ästhetischen Wunsch, der aber andererseits medizinisch nicht immer realisierbar ist", beschreibt Prof. Robert Sader das Spannungsfeld, in dem sich der Zahnarzt befindet. deniskomarov_Fotolia

Prof. Dr. Dr. Dr. Robert Sader; Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische Zahnmedizin (DGÄZ), und Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie am Universitätsklinikum Frankfurt/Main| Copyright: Privat

Was hat Sie motiviert, sich aktiv mit dem Thema Zahnästhetik auseinanderzusetzen? Gab es da einen Schlüsselmoment?

Prof. Dr. Dr. Dr. Robert Sader: Mit der DGÄZ verbindet mich spätestens seit der 2. INTERNA in 2005, auf der ich als Referent eingeladen war, ein langjähriger gemeinsamer Weg. Als MKG-Chirurg bin ich zwar quasi nur zu 50 Prozent Zahnmediziner, aber Ästhetik und Funktion spielen bei meiner Tätigkeit eine ähnlich große Rolle wie auch in der „normalen“ Zahnmedizin.

Ein klassischer Fall ist beispielsweise die Behandlung einer Dysgnathie, bei der die Kiefer operativ versetzt werden und der Patient nach Abschluss oft ästhetisch völlig anders aussieht. Auch wenn dabei die Funktionswiederherstellung im Zentrum der Behandlung steht, damit der Patient beispielsweise wieder richtig kauen kann, wird durch den Eingriff nahezu immer auch die Ästhetik mit verändert. 

Inwieweit halten Sie die Lehrsituation, was die Zahnästhetik angeht, für ausreichend beziehungsweise verbesserungswürdig? 

Sader: Die Zahnästhetik, aber auch alles andere, das zum Umfeld der Ästhetik gehört, sollte schon im Studium relativ früh eine zentrale Rolle spielen. Das betrifft auch Thematiken wie die Patientenkommunikation.

Zu erkennen, was der Patient wirklich will, wie seine Erwartung ist, kann ebenso erlernt werden wie das Finden eines Gleichgewichts bei der medizinischen Behandlung, wenn es verschiedene Therapieoptionen gibt. Denn diese können ab einem bestimmten Punkt durchaus in unterschiedliche Richtungen gehen, und häufig ist dann die Ästhetik das Zünglein an der Waage. Mit diesen Themen sollte sich auch der Student frühzeitig beschäftigen, damit ihm die damit verbundenen Problematiken bewusst werden. 

Sie sprechen hier, wie in der Vergangenheit schon häufiger, das Spannungsfeld zwischen medizinischer Notwendigkeit und ästhetischer Erwartung an. Wodurch oder durch wen wird dieses Spannungsfeld in der Regel induziert? 

Letztlich sind zwei Seiten zu einem gewissen Grad Auslöser des Spannungsfelds. Da ist einerseits der Patient, der ein bestimmtes Bild vor Augen hat und damit einen ästhetischen Wunsch, der aber andererseits medizinisch nicht immer realisierbar ist.

Zahnstellung und Kronenform eines George Clooney lassen sich heute zahntechnisch zwar nachbauen, aber ...

So ließen sich zum Beispiel Zahnstellung und Kronenform eines George Clooney zahntechnisch zwar nachbauen, allein dadurch kann aber in der Regel nicht auch derselbe Gesamteindruck erzielt werden, den der Patient eventuell im Sinn hat. Dessen Anatomie, sein individuelles Lächeln, das ja wesentlich von der Muskulatur mitbestimmt wird, und sein persönlicher Ausdruck müssen ja ebenfalls dazu passen. Dies zu erkennen und mit dem Patienten zu diskutieren, ist Aufgabe des behandelnden Arztes - und mitunter keine leichte. 

Eine meiner Hauptaufgaben als Professor ist es, Gerichtsgutachten zu schreiben. Sehr häufig liegt bei Klagen vonseiten des Patienten jedoch gar kein Behandlungsfehler vor. Ganz im Gegenteil: Man kann den behandelnden Zahnärzten oft nur ein Kompliment aussprechen, weil sie das Beste aus der bestehenden Situation gemacht haben. Und doch ist der Patient nicht zufrieden, da er sich mehr oder doch (ästhetisch) etwas völlig anderes erwartet hat.

Nehmen Sie das Beispiel eines Kollegen, den ich sehr gut kenne, zu dem eine Patientin mit einer 9-mm-Rezession an der Unterkieferfront und akut drohendem Zahnverlust in die Behandlung kam. Dieser Kollege erbrachte die hervorragende Leistung, die Rezession bis auf einen Millimeter zu decken. Seine Patientin jedoch blickte nach Behandlungsabschluss in den Spiegel und stellte fest, dass ihre Zahnhälse auch weiterhin sichtbar waren. Dieser verbleibende Millimeter im sichtbaren Bereich stellte also für sie den gesamten Behandlungserfolg infrage. Obwohl das medizinisch Machbare getan und die unmittelbare Gefahr des Zahnverlustes gebannt war, war sie ästhetisch nicht zufrieden. 

Sind die Erwartungen und das ästhetische Empfinden der Patienten in den vergangenen zehn Jahren größer geworden?

Sader: Ja, eindeutig. Hier erleben wir eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Unsere Ansprüche an Lebensqualität sind deutlich gestiegen. Ein Zeichen dafür, dass der ästhetische Anspruch der Patienten höher wird, ist beispielsweise die massive Zunahme an Schönheitsoperationen, und das lässt sich auf die Zahnmedizin übertragen.

Wir erleben heute Patienten, die in jeder Beziehung viel aufgeklärter, aber auch viel fordernder sind.

Wir erleben heute Patienten, die in jeder Beziehung viel aufgeklärter, aber auch viel fordernder sind. Diese Patienten wissen, dass wir gute Zahnmedizin machen können. Das reicht ihnen aber nicht mehr, sie wollen nicht nur medizinisch bestmöglich versorgt werden, sondern auch — aus ihrer Sicht — ästhetisch möglichst perfekt aussehen. 

Seite 1: "Die Ästhetik ist häufig das Zünglein an der Waage!"
Seite 2: Generalisierung vs. Spezialisierung
alles auf einer Seite
222702220429220430220431223740 222184 224253
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare