Assistenz

Kein Job für schwache Nerven

Studium, Examen, Assistenzzeit - und dann? Auf diese Frage können Zahnärztinnen und Zahnärzte heute eine Fülle von Antworten geben. Welche Formen der zahnärztlichen Arbeit möglich sind, zeigt unsere Reihe "Berufswelten". Im vierten Teil berichtet Zahnärztin Jana Kalk aus Schwedt über den Alltag im Öffentlichen Gesundheitsdienst.

Wenn es kein Untersuchungszimmer gibt, findet die Untersuchung in einem Büro oder leerstehenden Klassenraum statt. Zahnärztlicher Gesundheitsdienst Schwedt
Manchmal steht das Büro auch nicht leer. Zahnärztliche Gesundheitsdienst Schwedt
Action in der Kita. Zahnärztlicher Gesundheitsdienst Schwedt
Geputzt wird unter Anleitung. Zahnärztlicher Gesundheitsdienst Schwedt
Kindern gesunde Ernährung nahe zu bringen, ist auch ein Thema für die Zahnärztin ÖGD. Zahnärztlicher Gesundheitsdienst Schwedt
Vorlsen in der Kita. Immer mit dabei: das Zahnkrokodil Kroki, Zahnärztlicher Gesundheitsdienst Schwedt
Auch an Kroki wird das Zähneputzen geübt. Zahnärztlicher Gesundheitsdienst Schwedt
Jana Kalk mit einem Kollegen. Zahnärztlicher Gesundheitsdienst Schwedt

Frau Kalk, fanden Sie einen Job im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) schon während des Studiums interessant?

Jana Kalk: Als Studentin habe ich überhaupt nicht in diese Richtung gedacht. Während meines Studiums kam gerade die Möglichkeit auf, als angestellte Zahnärztin in einer Praxis zu arbeiten. Das war damals für mich eine attraktive Perspektive für die Zukunft.

Haben Sie das dann auch nach Ihrem Abschluss gemacht?

Ja. Ich habe fünf Jahre als angestellte Zahnärztin bei meinem Hauszahnarzt in einer Gemeinschaftspraxis in Schwedt gearbeitet. Vor circa drei Jahren fragten mich meine Arbeitgeber, wie ich mir meine weitere berufliche Laufbahn vorstelle und ob ich einmal die Praxis übernehmen möchte. Vor der damit verbundenen Verantwortung und den hohen Kosten hatte ich aber großen Respekt. Das Angestelltenverhältnis fand ich angenehmer. 

"Dann entdeckte mein Mann in der Regionalzeitung eine Stellenanzeige"

Wie ging es dann weiter?

Zeitgleich zu der Frage, wie ich mir meine berufliche Zukunft vorstelle, entdeckte mein Mann in der Regionalzeitung eine Stellenanzeige für den Zahnärztlichen Dienst im ÖGD hier in Schwedt. Ich hätte sie glatt überlesen, fand die Möglichkeit aber sofort gut habe mich auf die Anzeige beworben und die Stelle bekommen.

Zogen Sie es alternativ in Betracht, woanders wieder in die Anstellung zu gehen?

Nein. Als Angestellte hatte ich auch Arbeitszeiten bis teilweise 20 Uhr, weshalb ich den einen oder anderen Termin meiner Kinder in der Kita oder in der Schule versäumt habe. Das passiert mir heute nicht mehr, familienfreundlicher als beim ÖGD geht es nicht. 

Welche Vorstellung hatten Sie von dem Job, als sie anfingen?

Was ganz genau auf mich zukommen würde, wusste ich nicht, außer dass ich viel mit Kindern und Jugendlichen arbeiten werde. Das hat mir zugesagt. Als angestellte Zahnärztin hatte ich bereits viele Kinder und Jugendliche behandelt. Ihre offene und ehrliche Art hat mir schon immer zugesagt.

Was gehört alles zu Ihren Aufgaben?

Eine ganze Menge: Hauptaufgabe des Zahnärztlichen Dienstes ist die jährliche zahnärztliche Vorsorgeuntersuchung bei Kindern und Jugendlichen in Kitas und Schulen zur Früherkennung von Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten. Weiterhin führen wir Gruppenprophylaxemaßnahmen durch. Dazu gehören altersgemäße Vorträge über Themen wie adäquate Mundhygiene oder gesunde Ernährung. Hinzu kommen Fluoridierungsmaßnahmen für Kinder mit erhöhtem Kariesrisiko in Schwerpunkteinrichtungen wie Förderschulen und teilweise in Grundschulen.

In unser Aufgabenfeld fällt außerdem das Betreuungscontrolling von Kindern und Jugendlichen mit auffälligen Befunden. Wir kümmern uns um die Öffentlichkeitsarbeit in Form von Elternversammlungen, wir schulen Paten, Lehrer und Erzieher in unserem Aufgabengebiet, schreiben Gutachten für verschiedene Ämter, etwa Jugend- und Sozialamt, oder andere Institutionen. Ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Dokumentation und Auswertung unserer Untersuchungsbefunde, unter anderem in Form einer jährlichen Gesundheitsberichterstattung. Nicht zu vergessen sind die zahlreichen Aktionstage in Kitas oder Schulen zum Thema Zahngesundheit. Dort organisieren wir beispielsweise Theaterstücke.

Wie sieht der Tagesablauf bei der Arbeit des Zahnarztes im ÖGD aus?

Mein Arbeitstag beginnt um 6:30 Uhr. Gegen 7 Uhr fahren meine Prophylaxehelferin und ich zu den jeweiligen Einrichtungen, also Schule oder Kindergärten, wo wir meistens um 8:30 Uhr anfangen. Pro Klasse habe ich circa eine Unterrichtsstunde Zeit, um einen etwa zehnminütigen Vortrag über gesunde Ernährung und die richtige Zahnpflege zu halten. Dafür haben wir ganz viele verschiedene Anschauungsmaterialien, unter anderem demonstrieren wir den Kindern die Zahnzwischenraumpflege.

"Pro Tag schaffen wir meistens vier Schulklassen"

Anschließend gehen wir gemeinsam in Gruppen die Zähne unter meiner Anleitung putzen, um abschließend die zahnärztliche Untersuchung in unserem Untersuchungszimmer, meistens ein Büro oder ein leer stehender Klassenraum, durchzuführen. Das Zeitfenster von 45 Minuten kann, gerade bei sehr großen Klassen, knapp werden, so dass wir oft stundenübergreifend arbeiten müssen. Pro Tag schaffen wir es meistens, vier Schulklassen zahnärztlich zu untersuchen. 

"Immer mit dabei: unser Kroki"

Wie läuft die Untersuchung im Kindergarten ab?

Ähnlich. Im Vorfeld setze ich mich mit den Kindern im Halbkreis hin und lese entweder eine Geschichte über gesunde Zähne vor oder spiele mit ihnen ein Spiel. Mit dabei ist immer unser Kroki, das Zahnkrokodil, das den Kindern zeigt, in welcher Reihenfolge man sich die Zähne putzen soll. Dabei lernen die Kinder Reime, um das Erlernte schneller zu verinnerlichen. Anschließend gehen wir auch hier mit den Kindern gemeinsam Zähne putzen, um danach die frisch gereinigten Zähne untersuchen zu können.

Nach getaner Arbeit in den Schulen und Kitas fahren wir ins Amt zurück, bereiten die Instrumente auf und kümmern uns um die Dokumentation sowie Auswertung der erhobenen Daten. Am Nachmittag oder auch in den Abendstunden finden regelmäßig Elternversammlungen, Beratungsgespräche oder Begutachtungen statt. Wir sind integriert im „Netzwerk für gesunde Kinder“ und arbeiten mit Hebammen zur Schulung junger Mütter und Paten zum Thema Zahn- und Mundgesundheit zusammen.

"Das Handwerkliche hat mir am Anfang sehr gefehlt!"

Welche zahnmedizinischen Arbeiten führen Sie durch?

Im Prinzip führe ich nur noch zahnärztliche Befunde und Beratungen zum Thema Zahngesundheit durch. Behandlungen im Sinne von Füllungen legen mache ich gar nicht mehr. Das Handwerkliche hat mir am Anfang sehr gefehlt. Mittlerweile kann ich das besser akzeptieren - obwohl es mich bei manch einem Kind mit kariösen Zähnen immer noch in den Fingern juckt, den Bohrer in die Hand zu nehmen. Was mich dafür entschädigt, ist, dass wir im zahnärztlichen Dienst wichtige Aufklärungsarbeit betreiben und als Mittelsmänner zwischen den niedergelassenen Kollegen und den Kindern beziehungsweise deren Eltern agieren. 

"Mit Kindern zu arbeiten, macht jede Menge Spaß"

Was mögen Sie besonders an Ihrem Beruf?

Mit Kindern zu arbeiten, macht jede Menge Spaß, da man hier wichtige Grundsteine für ihr Leben legt. Gerade im Kindesalter sind viele neugierig, wissbegierig und saugen Informationen in sich auf wie ein Schwamm. Durch die spielerische Heranführung an den Zahnarztbesuch, können wir vielen Kindern dabei helfen, ihre Angst vorm Zahnarzt zu verlieren. Für mich ist ein weiterer Pluspunkt an der Arbeit im öffentlichen Dienst, mit vielen Menschen, Institutionen und Organisationen in Kontakt zu treten.

Mir gefällt auch, dass ich die meiste Zeit unterwegs und nicht nur an einen Ort gebunden bin. Die flexible Arbeitszeiteinteilung ist sehr familienfreundlich und am Monatsende hat jeder sein geregeltes, festes Einkommen. Im Großen und Ganzen ist es ein sehr schöner, abwechslungsreicher und erfüllender Beruf.

Gibt es überhaupt keine Stressfaktoren oder Nachteile?

Wenn man vor einer großen Klasse mit knapp 30 Kindern steht und nur 45 Minuten mit ihnen hat, kann das durchaus stressig werden. Ein weiterer Stressfaktor ist der straffe Zeitplan, da die zahnärztlichen Untersuchungen nur am Vormittag stattfinden können und die Fahrtwege teilweise sehr lang sind. Darüber hinaus war für mich die Umstellung von der freien Wirtschaft in den öffentlichen Dienst anfangs gewöhnungsbedürftig, da der bürokratische Aufwand für Genehmigungen jeglicher Art höher ist. Hier hat man als angestellter Zahnarzt nicht nur einen Vorgesetzten, der sämtliche Anträge unterschreiben muss, sondern gleich mehrere.

Wie viel Gestaltungsspielraum haben Sie in Ihrer Arbeit?

Wir arbeiten nach dem Leitfaden für Zahnärztliche Dienste der Gesundheitsämter im Land Brandenburg. Wie wir Wissen vermitteln, ist individuell verschieden. Wir haben mehrere Hilfsmittel, um den Kindern die Zahngesundheit „schmackhaft“ und verständlich zu veranschaulichen. Mir Aktionen einfallen zu lassen und sie zu realisieren, macht mir großen Spaß. In einigen Kitas haben wir zum Beispiel ein gesundes Frühstück organisiert, bei dem die Kinder den Umgang und auch die Bedeutung von gesundem Essen erlernen. Dabei war handwerkliches Geschick ebenso gefragt wie Vorkenntnisse in Bezug auf ausgewogene Ernährung. Das sind immer wieder sehr schöne Termine, die aber aufgrund unseres straffen Zeitplans eher Ausnahmen darstellen.

"Es geht hier um das Wohl des Kindes!"

Tauschen Sie sich mit anderen medizinischen Fachbereichen im ÖGD aus?

Wir arbeiten eng mit dem jugendärztlichen Dienst zusammen und darüber hinaus mit dem Jugendamt. Manchmal besteht bei einem Kind über längere Zeit eine umfangreiche Behandlungsbedürftigkeit, wie etwa viele stark kariös zerstörte Zähne bei Early Childhood Caries. Dann ist es unsere Aufgabe, geeignete Maßnahmen in die Wege zu leiten, zum Beispiel unser Betreuungscontrolling, bei dem die Eltern direkt angeschrieben oder angerufen werden, mit der Bitte sich umgehend mit ihrem Kind beim Hauszahnarzt vorzustellen. Führen diese Maßnahmen nicht zum gewünschten Erfolg, wenden wir uns ans Jugendamt und bitten um Mithilfe durch den Einsatz von Familienhelfern. Immerhin geht es hier um das Wohl des Kindes.

"Es kann mitunter schon sehr laut werden!"

Welche Aufstiegsmöglichkeiten haben Sie?

Zum einen  kann man im ÖGD den Fachzahnarzt für das öffentliche Gesundheitswesen machen. Zum anderen gibt es die Möglichkeit, wenn mehrere Zahnärzte gleichzeitig im Landkreis tätig sind, Sachgebietsleiter für den zahnärztlichen Dienst zu werden. 

Für wen ist der Job nicht das Richtige?

Gerade in Kindergärten kann es mitunter sehr laut werden. Wer diesen „Nervfaktor“ nicht aushalten kann, ist in dem Job fehl am Platze. Außerdem muss die Bereitschaft gegeben sein, Vorträge vor vielen Menschen zu halten, nicht nur Kindern und Jugendlichen. Wer wirklich handwerklich arbeiten will, wird mit einer Vollzeitstelle im zahnärztlichen Gesundheitsdienst nicht glücklich werden. Aber es gibt auch manche Stellenangebote, die in Teilzeit ausgeschrieben sind, so dass man nebenbei weiter als praktizierender Zahnarzt tätig sein kann. 

Haben Sie Ihren Traumjob gefunden?

Ja. Es macht mir einfach Spaß, zur Zahngesundheit von so vielen Kindern und Jugendlichen beizutragen.
 
Zur Person
Jana Kalk, 38 Jahre, verheiratet, zwei Kinder, machte im Jahr 2006 ihren Abschluss in Zahnmedizin an der Charité in Berlin. Seit 2012 arbeitet sie, zusammen mit einer Kollegin, beim Jugendzahnärztlichen Dienst im Landkreis Uckermark.

Die Fragen stellte Susanne Theisen.
 

 

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