Spezialisierung

Wie werde ich Fachzahnarzt für Oralchirurgie?

Wie lange dauert die Weiterbildung zum Oralchirurg und welche Inhalte werden vermittelt? Ein Interview mit Dr. Joel Nettey-Marbell.

Fingerspitzengefühl ist bei oralchirurgischen Operationen gefragt. Bernd Schunk/DÄV

Dr. Joel Nettey-Marbell hat die Weiterbildung der Oralchirurgie durchlaufen. Seit 2012 führt er gemeinsam mit Kollegen die oralchirurgische Überweiser- und Mehrbehandlerfachpraxis Dentalwerk in Hamburg. Im Interview spricht er über seine Weiterbildung und die berufspolitische Stellung der Oralchirurgie. 

Herr Dr. Nettey-Marbell, die Weiterbildung der Oralchirurgie umfasst eine Vielzahl von operativen Therapieverfahren. Welchen Behandlungsweg finden Sie besonders spannend?

Dr. Joel Nettey-Marbell: Mein Tätigkeitsschwerpunkt liegt zum großen Teil in der dentalen Implantologie und den dazugehörigen  augmentativen Verfahren. Grundsätzlich empfinde ich aber die gesamte Oralchirurgie und die Zahnmedizin insgesamt als ein sehr interessantes und abwechslungsreiches Tätigkeitsfeld mit immer neuen Herausforderungen.

Die Weiterbildung zum Fachzahnarzt für Oralchirurgie

Drei Jahre dauert die Weiterbildung zum Fachzahnarzt für Oralchirurgie, zusätzlich muss ein allgemeinzahnärztliches Jahr absolviert werden. Aufgrund dieses Weiterbildungscurriculums sind Oralchirurgen neben Kieferorthopäden, Fachzahnärzten für Öffentliches Gesundheitswesen und Fachzahnärzten für Parodontologie die einzigen Zahnärzte, die den Titel Fachzahnarzt bundesweit führen dürfen.

Sie haben Ihre Weiterbildung in der Privatzahnklinik Schloß Schellenstein absolviert. Wie kamen Sie gerade auf diese Klinik?

Die Arbeit des Direktors Dr. Joachim Schmidt und des Chefarztes Prof. Dr. Fouad Khoury sind national und international sehr hoch angesehen und haben mich auf Anhieb begeistert. Die Ausbildung beinhaltete  ambulante und die stationäre Therapieverfahren. Ein besonderer Schwerpunkt der Ausbildung lag in der Durchführung und Weiterentwicklung von augmentativen Verfahren in der Implantatchirurgie. 

Welche Kriterien sollten bei der Wahl der Klinik beziehungsweise Praxis als Weiterbildungsstätte eine Rolle spielen?

Joel Nettey-Marbell ist zertifiziert in Implantologie, Parodontologie, Funktionsdiagnostik und Funktionstherapie. Seit 2012 gehört er zu dem erweiterten Vorstand des Berufverbandes der Oralchirurgen (BDO) und ist Landesbeauftragter für die Hansestadt Hamburg. | Privat

Die Weiterbildungsstätten unterscheiden sich in ihren Schwerpunkten. Idealerweise sollte sich der Schwerpunkt mit den Interessen und dem angestrebten zukünftigen Tätigkeitsfeld des weiterzubildenden Zahnarztes decken. Dann kann nahezu jede Weiterbildungsstelle die richtige sein.

Viele Kollegen schätzen auch den kollegialen Austausch während der Weiterbildungszeit. Ich halte es für besonders wichtig, dass die Weiterbildung hierbei Inhalte der ambulanten und der stationären Behandlung vermittelt. Um sich im Bereich der Oralchirurgie zu orientieren und auf dem aktuellen Stand zu bleiben, kann ich die regelmäßige Teilnahme an der  Jahrestagung unseres Berufsverbandes http://www.oralchirurgie.orgDeutscher Oralchirurgen (BDO) empfehlen. Diese findet jedes Jahr, in der Regel im November, in Berlin statt.

In der Vergangenheit gab es zwischen dem BDO und der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG) immer wieder Diskussionen über Zuständigkeiten. Wie bewerten Sie als Mitglied des erweiterten BDO-Vorstands den aktuellen Stand? 

In der berufspolitischen Zusammenarbeit begegnen sich die Oralchirurgie und die Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie seit vielen Jahren auf Augenhöhe. Das ist eigentlich auch naheliegend, da eine überwiegende Anzahl der erbrachten Eingriffe der niedergelassenen Oral- und MKG-Chirurgen aus dem Bereich der Oralchirurgie stammt.

Beide Seiten begrüßen die stärker werdende Zusammenarbeit der vergangenen zehn Jahre, die zu vielen synergetischen Effekten geführt hat. Zudem werden politisch motiviert die oralchirurgischen Lehrstühle immer weiter abgebaut und die Zusammenarbeit mit der MKG ist hier Voraussetzung, um die zahnärztliche Chirurgie auf wissenschaftlich hohem Niveau zu halten. 

Inhalte der Weiterbildung

Ein Oralchirurg ist aufgrund seiner Weiterbildung in der Lage, Erkrankungen der Zähne, des Mundes, des Kiefers und der bedeckenden Weichteile zu erkennen und zu behandeln. Die Weiterbildung zum Fachzahnarzt für Oralchirurgie dauert 3 Jahre (Vollzeit), dabei werden Inhalte aus den Fachbereichen Anästhesie, Pharmakologie, Notfallmanagement und Praxisstruktur/Hygiene erlernt. Zudem muss vor der Weiterbildung ein allgemeinzahnärztliches Jahr absolviert werden. Bis zu drei Jahre der Weiterbildung können in einer chirurgischen Abteilung einer Hochschuleinrichtung für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, an einer oralchirurgischen Abteilung eines Krankenhauses oder einer vergleichbaren Einrichtung abgeleistet werden. Auch in der Praxis eines niedergelassenen Fachzahnarztes für Oralchirurgie oder eines Facharztes für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie kann die dreijährige Weiterbildung absolviert werden, sofern die Praxis als Weiterbildungsstätte anerkannt ist. Eine Liste, welche Kliniken und Praxen weiterbildungsermächtigt sind, ist bei den zuständigen Zahnärztekammern abrufbar.

Laut BDO gibt es Strömungen innerhalb der Zahnärzteschaft, die eine zahnärztliche Chirurgie, die über eine Chirurgie des Alveolarfortsatzes hinausgeht, ablehnen. Wie stehen Sie dazu?

In der Tat ist es eine für Oralchirurgen unerklärliche Tendenz, die zahnärztliche Kompetenz und die Behandlungsmöglichkeiten einschränken zu wollen. Die Basis für unsere Tätigkeit ist das Zahnheilkundegesetz. Die operative Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde muss im internationalen Vergleich erhalten bleiben. Ein breit gefächertes Tätigkeitsfeld kann allen approbierten Zahnärzten zum Vorteil sein.

Beispiele um die es hier geht, sind die Analgosedierung oder die Versorgung von Verletzungen der Kiefer und angrenzender Gebiete im Bereich der Traumatologie. Hier spielt die Versorgung von Weichteilverletzungen durch Oralchirurgen für die Kollegen der Bundeswehr eine besondere Rolle. Bei den aktuell vielfältigen politischen Strömungen auf verschiedenen Ebenen ist es gerade als junger Kollege wichtig, sich berufspolitisch zu engagieren, damit wir auch in Zukunft unseren Beruf noch nach unseren Vorstellungen zum Wohle unserer Patienten ausüben können. Da kann ich nur an jeden appellieren, sich am aktuellen Geschehen zu beteiligen.

Gibt es derzeit Behandlungen, die Sie als Oralchirurg per se nicht durchführen dürfen, während ein MKG-Chirurg dazu befugt ist? 

Ganz bestimmt. Extraorale Eingriffe ohne orale Ursache oder Indikation sind im Wesentlichen der MKG zugeschrieben. Die Grenzen zwischen den angrenzenden Fachgebieten, wie auch der HNO oder der Neurochirurgie, sind in der Regel fließend. Hier ist stets die interdisziplinäre Zusammenarbeit zum Wohle des Patienten gefordert. Auch hier ist das Zahnheilkundegesetz für die Oralchirurgie die Basis. Es beschreibt dabei die Diagnostik und Therapie von Erkrankungen der Zähne, des Mundes, des Kiefers und der bedeckenden Weichteile.

Operative Therapieverfahren

  • Grundprinzipien chirurgischer Praxis (wie Wundheilung, Schnittführung, Präparation der Gewebe)
  • Dentoalveoläre Chirurgie
  • Präprothetische Chirurgie
  • Operative Therapie von Kieferhöhlenerkrankungen
  • Tumorchirurgie
  • Traumatologie
  • Septische Chirurgie
  • Implantologie und augmentative Chirurgie
  • Laserchirurgie

Operationsverfahren

  • operative Weisheitszahnentfernung
  • Entfernung verlagerter Zähne
  • chirurgische Endodontie
  • Zahntransplantation und Reimplantation
  • chirurgische Parodontitisbehandlung
  • Behandlung von dentogenen Kieferhöhlenerkrankungen
  • Zahnfreilegungen
  • Lippen- und Zungenbändchenkorrektur
  • Hemisektion, Prämolarisierung
  • Zystostomie, Zystektomie
  • Tumorchirurgie
  • Implantologie

Sie führen selbst eine Fachpraxis zusammen mit Kollegen. Haben Sie sich jeweils auf bestimmte Eingriffe spezialisiert, um eine interdisziplinäre Zusammenarbeit möglich zu machen?

Genau so ist es! Meine Kollegen sind in weiteren Bereichen der Zahnmedizin spezialisiert, wie der Zahnerhaltung, der Mikroendodontie und der endodontischen Mikrochirurgie, der Prothetik oder auch der Funktionsdiagnostik und Therapie. Hierdurch kann der Patient die stets bestmögliche Behandlung erhalten und der überweisende Zahnarzt aussuchen, welche Bereiche ihm zugearbeitet werden sollen. 

Gibt es Behandlungen, die Sie gar nicht mehr durchführen und dem Hauszahnarzt des Patienten überlassen, wie etwa Füllungstherapien?

Die gesamte Therapie wird mit dem Hauszahnarzt abgesprochen und dann werden die Behandlungsschritte abgestimmt. Dieses Vorgehen ist von besonders hoher Bedeutung bei größeren Rehabilitationen, um ein für den Patienten optimales Ergebnis zu erreichen und die Nachsorge zu gewährleisten. Eine Schmerztherapie wird immer kurzfristig durchgeführt.

Werfen wir zum Abschluss  noch einen Blick in die Zukunft. Wie bewerten Sie die Digitalisierung innerhalb der Oralchirurgie? Gibt es bestimmte Innovationen oder Entwicklungen, die Ihrer Meinung nach kommen werden?

Die Digitalisierung ist nicht nur eine Herausforderung für alle Zahnärzte, sondern generell für alle Menschen. In der Medizin ist die Tendenz zum gläsernen Patient sicherlich ein besonderer Schritt, der noch viel diskutiert wird.

Die Digitalisierung bringt aber auch viele Vorteile. Diese liegen bisher überwiegend im Bereich der Administration und der Diagnostik. Zukünftig können wir mit weiteren digitalen Verfahren in der Therapie rechnen. Ihre Bewertung muss von wissenschaftlicher Seite noch erfolgen, bevor altbewährte Routineverfahren der Vergangenheit angehören. Man konnte in den vergangenen Jahren allerdings in vielen Bereichen beobachten, dass digitale Verfahren dennoch relativ schnell eine große Verbreitung finden und kann davon ausgehen, dass sich dieser Trend weiter verstärken wird. Im Rahmen der Implantologie soll der Versorgungsprozess einfacher, schneller und kostengünstiger - eben effizienter - werden.

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