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Die Bewertung von Zahnarztpraxen – Teil 1

Wie errechnet sich der Wert einer Praxis? Diese dreiteilige Reihe geht auf die unterschiedlichen Verfahren ein und liefert Fachwissen zu einem komplexen Thema.

Sie sind Laie auf dem Gebiet der Bewertungstechniken? Hier gibt es einige Handreichungen zu den gängigen Verfahren. [M]_zm-© ratch0013 - Fotolia

Die Bewertung von Zahnarztpraxen ist ein Spezialgebiet der Unternehmensbewertung, welches sich einerseits an der Fortentwicklung der betriebswirtschaftlichen Unternehmensbewertungslehre und andererseits an der höchstrichterlichen Rechtsprechung zu orientieren hat. Abweichend hiervon werden aber noch immer Bewertungsverfahren angewandt, die den oben beschriebenen Vorgaben nicht entsprechen. Der Grund hierfür ist, dass diese Verfahren historisch gewachsen und einfach anzuwenden sind, und dass diese Verfahren von ihren Protagonisten als hinreichend genau angesehen werden.

Diese Beitragsreihe soll neben dem „Goldstandard“ (modifiziertes Ertragswertverfahren) auch andere, zur Zeit noch gebräuchliche, Bewertungsverfahren darstellen, und anhand von Beispielen aufzeigen, wo die Stärken und Schwächen der jeweiligen Vorgehensweise liegen. Außerdem sollen einige Überlegungen angestellt werden, wie der „bewertungstechnische Laie“ ein Gutachten auf Plausibilität überprüfen kann. Schließlich soll dargestellt werden, mit welchen Entwicklungen in Bezug auf die Bewertungsmethodik einerseits und die Wertentwicklung von Praxen andererseits nach heutigem Kenntnisstand zu rechnen ist.

Weiterführende Aspekte

Der Leser möge dabei berücksichtigen, dass diese Abhandlung im Wesentlichen ökonomische, nicht aber ethische Aspekte der Praxisführung in den Vordergrund stellt. Die – teilweise komplizierten – steuerlichen Regelungen, die bei der Praxisbewertung zu beachten sind, werden nicht im Detail dargestellt. An geeigneter Stelle erfolgt aber ein Hinweis, wie steuerrechtliche Bestimmungen sich bei Praxisbewertungen auswirken. Ebenfalls nicht behandelt wird das bei Zugewinnausgleichsverfahren auftretende Problem der sogenannten „latenten Steuerlast“: Sofern in einem Scheidungsverfahren die Praxis zum Zugewinn zählt, ist gemäß der ständigen Rechtsprechung des BGH die Steuerlast zu berücksichtigen, die bei der Veräußerung der Praxis anfallen würde, wenn sie am Bewertungsstichtag (Eingang des Scheidungsantrages beim Familiengericht) zum Verkehrswert verkauft würde – auch wenn die Praxis weiterbetrieben und während des Scheidungsverfahrens nicht veräußert wird. Die (vereinfachte) Begründung hierfür ist, dass der Praxisbetreiber bei einem späteren Verkauf der Praxis den Gewinn aus dem Praxisverkauf alleine zu versteuern hat: Der geschiedene Partner müsste sich ohne Berücksichtigung der „latenten Steuerlast“ nicht an den auf den Praxisverkauf entfallenden Steuern beteiligen, ihm würde vielmehr der auf ihn entfallende hälftige Anteil des Praxiswertes zugerechnet, ohne Berücksichtigung der hierauf entfallenden Steuern.   

Was bei allen Unternehmensbewertungen gilt

Die Betriebswirtschaftslehre hat eine Reihe von Grundsätzen entwickelt, die unabhängig von der Art der zu bewertenden Unternehmung berücksichtigt werden sollten. Betriebswirtschaftlich gesehen handelt es sich bei einer Zahnarztpraxis um ein kleines bis mittelgroßes Dienstleistungsunternehmen. Die bei der Bewertung von Klein- und Mittelbetrieben wichtigsten Grundsätze sind: 

  • Es gibt keine Methode der Unternehmensbewertung, die allen Bewertungssituationen gerecht wird. Daher ist die angewandte Bewertungsmethode für die Verhältnisse des Einzelfalles sachgerecht auszuwählen und gegebenenfalls anzupassen.
  • Der Bewertungszweck ist maßgeblich für die Unternehmenswertermittlung: Zum Beispiel ist ein Gutachtenauftrag zur Ermittlung eines „gerechten Schiedspreises“ nach anderen Maßstäben durchzuführen, als wenn dem Sachverständigen die Aufgabe gestellt wird, den Preis zu ermitteln, der seitens des Käufers (Verkäufers) gerade noch als Kaufpreis (Verkaufspreis) akzeptiert werden kann. Zu Beginn der Bewertung muss festgelegt werden, in welcher Funktion der Sachverständige tätig wird.
  • Grundsätzlich soll der Unternehmenswert  zu einem bestimmten Stichtag ermittelt werden, indem die Ertragskraft des Unternehmens, die aus dem Zusammenwirken materieller und immaterieller Faktoren erwächst, berechnet wird.
  • Bei jeder Unternehmensbewertung müssen die Daten der Vergangenheit erfasst, berechnet, ggf. bereinigt und ausgewertet werden. Sie dienen - sofern das Bewertungsverfahren es erlaubt - als Basis für eine Prognose der für die Zukunft erwarteten Umsätze, Kosten, Gewinne und sonstiger Kennzahlen.
  • Die Bewertungsansätze müssen nachvollziehbar sein.   

Übersicht der dargestellten Verfahren

Alle Bewertungsverfahren können grob in zwei Gruppen eingeteilt werden: 

Vergangenheitsorientierte Verfahren korrigieren die in der Vergangenheit erzielten betriebswirtschaftlichen Ergebnisse um außergewöhnliche Einflüsse und leiten aus den korrigierten Zahlen der Vergangenheit den immateriellen Praxiswert ab. Da sie trotz ihrer systematischen Mängel manchmal immer noch verwendet werden, sollen sie hier kurz dargestellt werden: 

  • die „Umsatzmethode“
  • die „Gewinnmethode“. 

Zukunftsorientierte Verfahren verwenden die in der Vergangenheit erzielten betriebswirtschaftlichen Ergebnisse als Ausgangsgrößen für die Erstellung einer Prognose der erwarteten Umsätze, Kosten und Erträge und leiten aus der Ertragsprognose den Praxiswert ab. Bei dieser Vorgehensweise können erwartete zukünftige Entwicklungen angemessen berücksichtigt werden und in die Wertermittlung einfließen. Im Einzelnen sollen hier dargestellt werden:

  • die sogenannte „Neue Ärztekammermethode“
  • das modifizierte Ertragswertverfahren. 

Im Rahmen einer Praxisbewertung ist in der Regel auch eine Bewertung des Praxisinventars erforderlich. Da diese Erfordernis unabhängig von dem verwendeten Bewertungsverfahren besteht, wird diesem Komplex ein eigener Abschnitt gewidmet, in dem die Grundlagen der Substanzbewertung erläutert werden. Die Ermittlung des materiellen Praxiswertes ist nicht zu verwechseln mit den nachfolgend dargestellten „Substanzwertverfahren“.   

Vergangenheitsorientierte Verfahren 

Die vergangenheitsorientierten Verfahren werden oft auch unter dem Begriff „Substanzwertverfahren“ zusammengefasst. Dabei versteht man unter „Substanzwert“ den tatsächlichen Wert aller materiellen und immateriellen Wirtschaftsgüter, aus denen ein Unternehmen besteht. Insofern ist der Begriff etwas irreführend. Der Substanzwert setzt sich daher zusammen aus:

  • Teilreproduktionswert und
  • originärem Praxiswert. 

Der Teilreproduktionswert entspricht dabei dem Wert der materiellen Wirtschaftsgüter. Der originäre Praxiswert entspricht dem Firmenwert oder Goodwill.

In der Praxis ist es nicht möglich, den originären Praxiswert in seine Komponenten (z.B. Patientenstamm, eingespieltes Praxispersonal, Lage der Praxis, Verkehrsanbindung usw.) zu zerlegen. Man behilft sich, indem man bestimmte Messzahlen aus der Bilanz bzw. der Einnahmenüberschussrechnung ermittelt und als Grundlage der Berechnung des originären Praxiswertes verwendet. Die gebräuchlichsten Messzahlen sind Umsatz oder Gewinn.   

Umsatzmethode 

Aus den Umsätzen der letzten 3 - 5 Jahre wird das arithmetische Mittel der Jahresumsätze gebildet. Vom originären Praxiswert wird angenommen, dass er zum Beispiel 25% eines so ermittelten Jahresumsatzes beträgt. Individuelle Praxismerkmale, welche auf eine positive oder negative Veränderung des "Goodwills" hindeuten (z.B. Qualifikation des Personals, Organisation der Praxisabläufe usw.), werden durch Zu- oder Abschläge berücksichtigt. Aus der Addition von materiellem und immateriellem Praxiswert ergibt sich der gesamte Unternehmenswert.  

Gewinnmethode 

Aus den Gewinnen der letzten 3 - 5 Jahre wird das arithmetische Mittel der Jahresgewinne gebildet. Vom originären Praxiswert wird angenommen, dass er zum Beispiel 50% eines so ermittelten Jahresgewinnes beträgt. Auch hier errechnet sich der gesamte Praxiswert aus der Addition von materiellem und immateriellem Praxiswert. Individuelle Praxismerkmale werden bei beiden Methoden mit prozentualen Zu- und Abschlägen berücksichtigt.  

Kritik am Verfahren

Die Kritik an der Substanzwertermittlung setzt im Wesentlichen an folgenden Punkten an: 

  • Der gewählte Prozentsatz zur Ermittlung des Goodwills ist willkürlich. Es ist nicht ersichtlich, weshalb der Firmenwert gerade 25% des Praxisumsatzes +/- Zu- bzw. Abschläge betragen soll und nicht etwa 20% oder 30%. Die Wahl der Bezugsgröße "50% des durchschnittlichen Praxisgewinns" ist aus dem gleichen Grund angreifbar.
  • Praxisumsatz und Praxisgewinn sind manipulierbar, indem Umsätze oder Kosten zeitlich verlagert werden und dadurch das wirtschaftliche Erscheinungsbild der Praxis verändern. Durch die Ermittlung von durchschnittlichen Praxisumsätzen bzw. -gewinnen lassen sich solche Manipulationen zwar verringern, nicht aber ausschließen.
  • Der wichtigste Kritikpunkt bezieht sich jedoch auf die Tatsache, dass die Substanzwertermittlung rein vergangenheitsorientiert ist und Entwicklungen, die außerhalb der Praxissphäre liegen, völlig außer Acht lässt (z.B. Sozialgesetzgebung, Wirtschaftslage etc.). Dies widerspricht dem ökonomischen Grundgedanken, dass Investitionen getätigt werden, weil man sich in der Zukunft einen Gewinn aus dem angelegten Geld erhofft: "Für das Vergangene gibt der Kaufmann nichts."
  • Es wird - zu Recht - immer wieder betont, dass Erfolg oder Misserfolg einer Praxis stark vom jeweiligen Praxisinhaber bestimmt werden. Daraus muss geschlossen werden, dass auch Praxisumsatz und Praxisgewinn im Wesentlichen von der Person des Praxiseigentümers beeinflusst werden. Für den Erwerber kann sich die Umsatz- und Gewinnsituation der Praxis aus vielerlei Gründen völlig anders darstellen; z.B. kann er den Schwerpunkt seiner Tätigkeit auf andere zahnmedizinische Behandlungsalternativen legen als der Verkäufer, und höchstwahrscheinlich wird er eine andere Persönlichkeit besitzen als sein Vorgänger.  Zu Gunsten der Substanzwertermittlung spricht, dass das Verfahren relativ leicht durchführbar ist. Die Rechtsprechung akzeptiert das Substanzwertverfahren nicht mehr als ein mögliches Verfahren zur Ermittlung des Praxiswertes.  

Beispiel 

Folgendes Beispiel mag die Problematik erläutern: Eine Praxis hat in der Vergangenheit immer einen Umsatz von ca. 600.000 Euro und einen Gewinn von ca. 200.000 Euro im Jahr erzielt. Der Praxiseigentümer arbeitet aber aus privaten (oder gesundheitlichen) Gründen seit drei Monaten nur noch halbtags und hat einen Ausbildungsassistenten eingestellt. Die Patientenzahl geht bereits zurück, das schlägt sich aber noch nicht im Praxisumsatz nieder, weil die Quartale mit den geringeren Patientenzahlen noch nicht abgerechnet sind. Es ist absehbar, dass der Praxisgewinn niedriger ausfallen wird. In der Berechnung des Praxiswertes fließt diese Veränderung aber nicht ein, da keine Prognoserechnung erstellt wird. Der Käufer würde einen zu hohen Kaufpreis entrichten, wenn er einen dem Bewertungsergebnis entsprechenden Kaufpreis zahlt. 
Außerdem ist bei dieser Vorgehensweise völlig unwichtig, ob der Gewinn mit einem Umsatz von 400.000 Euro, 600.000 Euro oder von 800.000 Euro erzielt wurde: Unterstellt man, dass der Goodwill 50% des Gewinns beträgt, ergibt sich für den Goodwill ein Betrag von 100.000 Euro. Nimmt man hingegen den Umsatz als Bezugsgröße, ergibt sich (wohlgemerkt bei gleichem Gewinn!)  ein Goodwill in Höhe von 100.000, 200.000 oder 400.000 Euro, je nachdem, welchen Umsatz die Praxis erzielt hat.