Praxisgründer: Businessplan erstellen

Die Bewertung von Zahnarztpraxen – Teil 2

Wie errechnet sich der Wert einer Praxis? Diese dreiteilige Reihe geht auf die unterschiedlichen Verfahren ein und liefert Fachwissen zu einem komplexen Thema.

Bei der Berechnung des Praxiswerts werden viele Aspekte auf die Waage gelegt. vichie81 - Fotolia

Diese Beitragsreihe bringt Licht ins Dickicht der Bewertungsverfahren. Sie stellt die unterschiedlichen Verfahren vor und zeigt anhand von Beispielen, wo deren Stärken und Schwächen liegen.

Zukunftsorientierte Verfahren

Im Rahmen von zukunftsorientierten Bewertungsverfahren wird regelmäßig eine Prognoserechnung erstellt, mit deren Hilfe die zu erwartenden Praxiserträge ermittelt werden sollen. Um die Auswirkungen der Bewertungssystematik und den korrekten Ansatz der beeinflussenden Faktoren deutlich zu machen, werden bei den dargestellten Bewertungsverfahren die Beispielrechnungen jeweils auf die gleichen Ausgangsdaten bezogen (statistischer Durchschnitt von Umsatz, Kosten und Gewinn einer Zahnarztpraxis, pro Praxisinhaber, Gesamt-Deutschland, ungewichtet): 

2011

2012

2013

ungewichteter

Durchschnitt

Umsatz

407.392

422.363

446.800

425.518

Kosten

276.981

283.762

297.900

286.214

Gewinn

130.411

138.601

148.900

139.304

Praxiseinrichtung am

Bewertungsstichtag

 

45.000

 

50.000

 

47.000

Neue Ärztekammermethode  

Im Jahr 1987 wurde seitens der Bundesärztekammer (nicht der Zahnärztekammer) erstmals eine „Richtlinie zur Bewertung von Arztpraxen“ veröffentlicht, aber nie offiziell verabschiedet. Diese Richtlinie wurde aus wirtschaftstheoretischen Gründen heftig kritisiert, weil sie 

  • rein vergangenheitsorientiert ausgerichtet war,
  • ohne Berücksichtigung von Kosten und Gewinn einseitig auf den Praxisumsatz abstellte, indem sie
  • den Durchschnittsumsatz der drei Jahre vor dem Bewertungsstichtag um ein Oberarztgehalt kürzte und das Ergebnis durch drei teilte. Fertig war die Bewertung, sie passte auf eine halbe Schreibmaschinenseite.

Im Jahr 2008 - also „schon“ 21 Jahre nach der gerechtfertigten Kritik an der Vorgehensweise - reagierte die Bundesärztekammer und veröffentlichte „Hinweise zur Bewertung von Arztpraxen“, die im Sprachgebrauch der mit Bewertungsfragen befassten Fachöffentlichkeit als „Neue Ärztekammermethode“ bezeichnet wird.  

Bewertungssystematik 

Im Einzelnen sehen die „Hinweise“ folgende Vorgehensweise vor: Zunächst werden übertragbarer Umsatz sowie übertragbare Kosten der Praxis ermittelt.

Der durchschnittliche übertragbare Umsatz wird aus dem Mittel der Umsätze der letzten drei Jahre vor dem Bewertungszeitpunkt gebildet. Es werden folgende Korrekturen („nicht übertragbare Umsatzanteile“) vorgenommen: Individuelle, nur dem Praxisinhaber zurechenbare Umsätze werden gekürzt (z.B. Gutachtertätigkeit, personengebundene Abrechnungsgenehmigungen, Belegarzttätigkeit, Miet- und Zinserträge usw.). Vorhersehbare künftige Änderungen (z.B. geänderte Abrechnungsbestimmungen) werden berücksichtigt.

Die durchschnittlich übertragbaren Kosten werden aus dem Mittel der Kosten der letzten drei Jahre vor dem Bewertungszeitpunkt gebildet; es werden folgende Korrekturen vorgenommen: Mit nicht übertragbaren Umsatzanteilen zusammenhängende Kosten werden eliminiert. Steuerliche Gestaltungsmöglichkeiten (wie zum Beispiel Ansparabschreibungen), Finanzierungskosten, zu hohe oder zu niedrige Gehaltszahlungen usw. werden berücksichtigt. Zukünftig entstehende veränderte Kosten wie z.B. Mietzahlungen für Praxisräume, die im Eigentum des Praxisabgebers stehen, werden erfasst (kalkulatorische Kosten).

Gehalt und Prognosefaktor

Dann wird ein Arztgehalt unterstellt: Der Ausgangswert für 2008 belief sich unter Berücksichtigung von Facharztgehältern im Krankenhaus, bei Verbänden und in der Pharmaindustrie auf 76.000  €. Heute wird man den derzeit gezahlten Betrag für angestellte Oberärzte unterstellen. Bei einem übertragbaren Umsatz von unter 40.000 € erfolgt kein Abzug; darüber erfolgt eine prozentuale Abstaffelung, so dass ab einem übertragbaren Umsatz von 240.000 € das „volle“ alternative Arztgehalt abgesetzt wird.

Schließlich wird ein sogenannter „Prognosefaktor“ berücksichtigt: Die Höhe dieses Multiplikators hängt von der Zahl der Jahre ab, in der von einer Patientenbindung an den alten Praxisinhaber ausgegangen werden kann (Goodwill-Reichweite). Für eine Einzelpraxis wurden pauschal zwei Jahre veranschlagt. Der mit dem Prognosemultiplikator errechnete immaterielle Wert kann sich nun u. U. bis zu plus / minus 20% aufgrund der nachfolgend genannten Faktoren verändern: 

  • Ortslage der Praxis
  • Praxisstruktur
  • Arztdichte
  • Qualitätsmanagement
  • Dauer der Berufsausübung, u.v.m. 

Zu dem so ermittelten immateriellen Wert wird der Betrag hinzugerechnet, mit dem der materielle Praxiswert in Ansatz gebracht wird. Die Summe der beiden Teilbeträge ergibt den Praxiswert. 

Kritik am Verfahren

Als Fortschritt gegenüber der „alten“ Vorgehensweise ist zu werten, dass die Bewertung des Goodwills nicht allein umsatzbezogen erfolgt, sondern auch die Praxiskosten berücksichtigt werden. Es wurde versucht, eine Orientierung an zukünftigen Erträgen in die alte „Ärztekammermethode“ einzubringen. Vom wirtschaftstheoretischen Ansatz her betrachtet, ist das Ergebnis der Bemühungen eine verunglückte Vermengung verschiedener Ansätze: 

Entgegen der seit Jahrzehnten herrschenden und allgemein akzeptierten Ansicht, dass der Wert eines Unternehmens abhängig ist von seinen Ertragsaussichten und eine getrennte Bewertung von materiellem und immateriellem Unternehmenswert nicht sachgerecht ist, verharrt auch die „neue“ Ärztekammermethode auf dem verfehlten Ansatz, die beiden Wertkomponenten getrennt zu ermitteln.

Mit Willkür rechnen

Nicht nur im Hinblick auf das Urteil des Bundesgerichtshofes vom 06.02.08 (AZ: XII ZR 45/06), nach dem bei einer Praxisbewertung ein den individuellen Verhältnissen entsprechender Unternehmerlohn anzusetzen ist, dürfte zumindest in Scheidungsfällen der pauschaleprozentuale Ansatz eines kalkulatorischen Arztgehaltes verfehlt sein. Auch die vorgeschlagene Abstaffelung ist willkürlich und bereitet Schwierigkeiten, weil zum Beispiel  

  • niemand bereit ist, unterhalb eines bestimmten Mindesteinkommens als Arzt zu arbeiten,
  • das Umsatzvolumen in unterschiedlichen (fach)ärztlichen Disziplinen nicht vergleichbar ist - zum Beispiel dürfte ein Jahresbruttogehalt von rund 98.000 € für einen angestellten Zahnarzt, der die Arbeit des Praxiseigentümers verrichtet, nicht immer realistisch sein. 
  • Der „Prognosefaktor“ ist willkürlich gewählt: An keiner Stelle der Richtlinie wird erläutert oder begründet, weshalb der Faktor gerade 2,0 betragen oder einen anderen Wert annehmen soll.

Soweit „wertbeeinflussende Faktoren“ den nach der Ärztekammermethode ermittelten immateriellen Praxiswert beeinflussen, ist die Gewichtung dieser Faktoren rein willkürlich: Führt eine Innenstadtlage in einer Großstadt zum Beispiel dazu, dass der immaterielle Praxiswert um 5% (oder 10%) steigt, weil es sich um eine „Lauflage“ handelt, oder dazu, dass der immaterielle Praxiswert sinkt, weil die Konkurrenz zu anderen Praxen viel schärfer ist als in einer Randlage oder in ländlicher Umgebung?

Wie wird gewichtet?

Es ist auch zu fragen, ob die wertbeeinflussenden Faktoren bei einer gewissenhaften (ertragsorientierten) Ermittlung des „übertragbaren Umsatzes“ nicht bereits berücksichtigt werden bzw. wie die Abgrenzung zwischen bereits im Rahmen der Ermittlung des „übertragbaren Umsatzes“ berücksichtigten Einflussgrößen und bei den „wertbeeinflussenden Größen“ zu erfassenden Faktoren erfolgen soll.

Immer dann, wenn eine Praxis in ihrer Struktur von den statistischen Durchschnittswerten abweicht, muss mit deutlichen Verzerrungen des Bewertungsergebnisses gerechnet werden. Bereits bei einer geringen Änderung der Annahmen verändert sich der immaterielle Praxiswert gravierend (vgl. Beispielrechnung).

Speziell mit Bezug auf Zahnarztpraxen ist von einer Anwendung der neuen Ärztekammermethode daher abzuraten, zumal sie nicht für Zahnarztpraxen, sondern für Arztpraxen entwickelt wurde. Die Kostenstruktur von Zahnarztpraxen unterscheidet sich in der Regel deutlich von der einer Arztpraxis. Zahnärztliche Körperschaften oder Fachleute waren an der Ausarbeitung der „neuen Ärztekammermethode“  nicht beteiligt. 

Die nachfolgende Tabelle stellt die tatsächlich gezahlten, durchschnittlichen Werte bei der Übernahme einer zahnärztlichen Einzelpraxis in den Alten Bundesländern im Jahr 2013 dar: 

Übernahme

Einzelpraxis 2013

Materieller Wert (Substanzwert)

47.000

Immaterieller Wert (Goodwill)

107.000

Gesamter Praxiswert

154.000

Quelle: KZBV-Jahrbuch 2015, Tab. 5.53

Die Werte für 2014 liegen sogar noch etwas höher.  

Rechenbeispiele

Es werden zwei Alternativen dargestellt: Einmal wird unterstellt, dass Umsatz und Kosten jeweils zu 95% auf einen Nachfolger übertragen werden können, bei der anderen Alternative beträgt der übertragbare Umsatz nur 90%, der Anteil der übertragbaren Kosten beträgt wie in der ersten Alternative 95%: 

 

übertragbarer Umsatz 95%, übertragbare Kosten 95%

übertragbarer Umsatz 90%, übertragbare Kosten 95%

Durchschnittlicher Umsatz der Jahre

2011, 2012 und 2013 (s.o.)

425.518

425.518

./. Nicht übertragbare personen- gebundene Umsatzanteile (5% bzw.

10% des Umsatzes), z.B. Gutachter-

honorare

21.276

42.552

= übertragbarer Umsatz

404.242

382.967

./.  übertragbare Kosten

(100%=286.214 €)

 

 

271.904

 

 

271.904

= übertragbarer Gewinn

132.339

111.063

./.  Oberarztgehalt (Entgeltgruppe Ä3, Stufe 3)

97.772

97.772

= erzielbarer Gewinn

34.567

13.291

mal Prognosefaktor

2

2

= immaterieller Wert

69.134

26.582

+/- wertbeeinflussende Faktoren

Nicht erfasst

Nicht erfasst

= immaterieller Wert, gesamt

69.134

26.582

+ materieller Wert der Praxiseinrich- tung (Durchschnittszahlen aus 2013)

47.000

47.000

= Praxiswert gesamt

116.134

73.582

 

Aus dem Rechenbeispiel ist ersichtlich, dass bei Anwendung der „Neuen Ärztekammermethode“ geringe Änderungen eines Parameters (hier: Übertragbarkeit der Umsätze) signifikante Auswirkungen auf das Bewertungsergebnis haben. Außerdem ist erkennbar, dass der Abstand des Bewertungsergebnisses zu  den tatsächlich am „Markt“ bezahlten Preisen sehr groß ist. Beide Aspekte lassen die Anwendung der „Ärztekammermethode“ auf Zahnarztpraxen als zweifelhaft erscheinen.

Modifiziertes Ertragswertverfahren

Das „modifizierte Ertragswertverfahren“ ist auf der Grundlage des „reinen“ Ertragswertverfahrens entstanden. Dem Ertragswertverfahren liegt folgender Gedanke zugrunde (vgl. Institut der Wirtschaftsprüfer, IDW-Standard S1):

Der Wert eines Unternehmens bestimmt sich unter der Voraussetzung ausschließlich finanzieller Ziele durch den Barwert der mit dem Eigentum an dem Unternehmen verbundenen Nettozuflüsse an die Unternehmenseigner (Nettoeinnahmen als Saldo von Ausschüttungen bzw. Entnahmen, Kapitalrückzahlungen und Einlagen). Zur Ermittlung dieses Barwerts wird ein Kapitalisierungszinssatz verwendet, der die Rendite aus einer zur Investition in das zu bewertende Unternehmen adäquaten  Alternativanlage repräsentiert. Demnach wird der Wert des Unternehmens allein aus seiner Ertragskraft, d. h. seiner Eigenschaft, finanzielle Überschüsse für die Unternehmenseigner zu erwirtschaften, abgeleitet. (TZ 4). ... Dieser Wert ergibt sich grundsätzlich aufgrund der finanziellen Überschüsse, die bei Fortführung des Unternehmens und Veräußerung etwaigen nicht betriebsnotwendigen Vermögens erwirtschaftet werden (Zukunftserfolgswert). 

Die hohe Kunst der Ertragsprognose

Wendet man diesen Grundsatz auf Zahnarztpraxen an, so bedeutet das: Der Alteigentümer verzichtet durch den Praxisverkauf auf die zu erwartenden (Netto-)Erträge ausder Praxistätigkeit und erhält dafür vom Neueigentümer die abdiskontierte Summe der zu erwartenden (Netto-)Erträge aus ebendieser Praxistätigkeit. Unter "Abdiskontierung" (Abzinsung) versteht man ein finanzmathematisches Verfahren, bei dem berechnet wird, welchen Wert ein in der Zukunft anfallender Geldbetrag zum Stichtag (hier: Verkaufszeitpunkt) hat. Generell gilt, dass weiter in der Zukunft erwirtschaftete Gewinne einen geringeren Gegenwartswert haben als in naher Zukunft erzielte Gewinne. Um der Grundüberlegung des Ertragswertverfahrens gerecht zu werden, muss also eine möglichst zuverlässige Ertragsprognose erstellt werden, ausgehend von den in der Vergangenheit erzielten betriebswirtschaftlichen Zahlen zu Umsätzen, Kosten und Gewinnen. Bei der Erstellung einer derartigen Ertragsprognose wären unter anderem folgende Faktoren zu berücksichtigen: 

  • gesamtwirtschaftliches Umfeld
  • gesundheitspolitische Änderungen
  • demographische Entwicklungen im Umfeld der Praxis
  • absehbare Veränderungen bei dem Behandlungsbedarf der Bevölkerung
  • Spezialisierungen des Praxisbetreibers
  • Praxisstruktur
  • Praxisorganisation
  • Altersstruktur des Klientels usw. 

Die Liste lässt sich (fast) beliebig verlängern und ist - abhängig von den individuellen Praxisgegebenheiten - auch nicht für jede Praxis gleich. Eine Ermittlung des materiellen Praxiswertes ist im Rahmen des reinen Ertragswertverfahrens nicht erforderlich. Nach der Erstellung der Ertragsprognose müssen die prognostizierten Erträge auf den Bewertungsstichtag abgezinst werden. Die Addition der abgezinsten Nettoerträge ergibt den (gesamten) Unternehmenswert. Auch das Ertragswertverfahren ist nicht unumstritten: 

  • Die Ermittlung des Reingewinns orientiert sich zunächst an den Ergebnissen der Vergangenheit. Geringe Fehler bei der Prognoserechnung haben große Auswirkungen auf das Bewertungsergebnis.
  • Die Abhängigkeit des betriebswirtschaftlichen Praxisergebnisses vom Praxiseigentümer bleibt unberücksichtigt.
  • Werden die Reinerträge als zeitlich begrenzt oder zeitlich unbegrenzt angesehen? Jede Prognoserechnung wird umso ungewisser, je weiter sie in die Zukunft reicht.
  • Wenn die Reinerträge als zeitlich begrenzt angesehen werden: Wie viele Perioden (Jahre) sind zu berücksichtigen?

Da der gesamte prognostizierte Gewinn des Praxisverkäufers kapitalisiert wird, kann bei dem „reinen“ Ertragswertverfahren der Käufer nur von demjenigen Gewinn seinen Lebensunterhalt bestreiten und seine Investitionen tätigen, den er über den Gewinn des Verkäufers hinaus erwirtschaftet. Dies würde dazu führen, dass die betreffende Praxis nach den Prinzipien der Gewinnmaximierung geführt werden müsste, was aus Sicht der Gesundheitspolitik und der ärztlichen Ethik nicht hingenommen werden kann. Die errechneten Werte entsprechen auch nicht den tatsächlich am „Markt“ für Zahnarztpraxen erzielbaren Preisen. 

Vorteil und Risiko

Der wichtigste Vorteil des Ertragswertverfahrens besteht darin, dass eine Prognoserechnung für Umsätze, Kosten und Gewinne erstellt wird. Dieser Vorteil beinhaltet aber auch das Risiko, dass die bei der Prognose verwendeten Parameter nicht korrekt bestimmt werden und dadurch zu Gunsten oder zu Lasten des (Ver)Käufers eine falsche Prognose erstellt und als Grundlage für die Abzinsung der Gewinne angewandt wird. Dieses Problem wird umso gravierender, je weiter die Prognose in die Zukunft reicht. Ein weiterer Vorteil der Ertragswertermittlung besteht darin, dass die Berechnungsweise die gesonderte Ermittlung des Teilreproduktionswertes und des originären Praxiswertes (wie beim Substanzwertverfahren) überflüssig macht.

Entwicklung des modifizierten Ertragswertverfahrens

Die einerseits richtige Grundüberlegung des „reinen“ Ertragswertverfahrens („der Wert eines Unternehmens ist abhängig von den nachhaltig in der Zukunft erzielbaren Erträgen“), die aber andererseits unübersehbaren Schwächen dieser Vorgehensweise in Bezug auf die Bewertung von Arzt- und Zahnarztpraxen (siehe Kritik oben) haben dazu geführt, dass das Ertragswertverfahren zum sogenannten „modifizierten Ertragswertverfahren“ weiterentwickelt wurde. Hierbei waren folgende Grundüberlegungen ausschlaggebend: 

  • Wie lange dauert es, bis sich der Goodwill eines „alten“ Praxiseigentümers verflüchtigt hat, wenn er aus der Praxis ausscheidet? Bzw. wie lange dauert es, bis ein „neuer“ Praxiseigentümer einen Goodwill aufgebaut hat, der dem Goodwill des „alten“ Praxiseigentümers entspricht?
  • Was kostet es, die zu bewertende Praxis insgesamt zu „reproduzieren“, also eine gleichartige und gleichwertige Praxis aufzubauen? 

Der erste Punkt beinhaltet die Frage nach der sogenannten „Goodwill- Reichweite“. Der zweite Punkt beschäftigt sich mit dem Problem, dass - bedingt durch die Abkehr vom Postulat der zeitlich unbegrenzten Berücksichtigung der prognostizierten Gewinne - ein Weg zu finden ist, wie - insbesondere wichtig bei Praxen, die einen hohen Kapitaleinsatz erfordern - in angemessenem Umfang der materielle Praxiswert berücksichtigt werden kann. Der grundlegende Gedanke, dass der Wert eines Unternehmens sich aus den prognostizierten Nettoerträgen des betriebsnotwendigen Vermögens ergibt, sollte auf jeden Fall beibehalten werden. Ansatzpunkte für die Modifikationen war daher in erster Linie der Zeitraum, für den die prognostizierten Gewinne zu berücksichtigen sind, also die Goodwill-Reichweite. Es besteht unter den Fachleuten Einigkeit, dass im Rahmen des modifizierten Ertragswertverfahrens nur diejenigen Gewinne zu berücksichtigen sind, die bis zum Ende der Goodwill-Reichweite prognostiziert werden.

Bewertungssystematik

Die aus den vergangenen Jahren verfügbaren betriebswirtschaftlichen Unterlagen der Praxis  werden ausgewertet, aufbereitet und erforderlichenfalls korrigiert (zum Beispiel um Umsätze, Kosten und Gewinne, die zwar in den Einnahmen-Überschussrechnungen enthalten sind, aber nicht zur Leistungserstellung der Praxis erforderlich sind. Beispiele hierfür: Kosten einer Luxuslimousine, Gutachterhonorare, mitarbeitende Familienangehörige, die nicht ihrem Arbeitseinsatz entsprechend, zu hoch oder zu gering entlohnt werden, usw.). Die so gewonnenen Unterlagen werden als Ausgangsdaten für eine Prognose der in der Zukunft erwarteten Umsätze, Kosten und Gewinne verwendet. Parallel hierzu müssen wesentliche Parameter, die bei jeder Praxisbewertung einen großen Einfluss auf das Bewertungsergebnis haben, sachverständig und bezogen auf die zu bewertende Praxis bzw. deren Eigentümer bestimmt und begründet (!) werden:

  • Goodwill-Reichweite
  • Kalkulatorischer Unternehmerlohn
  • Kalkulationszins

Unter Berücksichtigung dieser Parameter sind die für den Zeitraum der Goodwill-Reichweite prognostizierten Gewinne um den individuell ermittelten kalkulatorischen (Zahn)Arztlohn zu kürzen und mit dem Kalkulationszinsfuß auf den Bewertungszeitpunkt abzuzinsen. Die Summe der auf den Bewertungszeitpunkt abgezinsten Gewinne bildet den Ertragswert. Der materielle Wert der Praxis wird in Anlehnung an die Vorschriften des IDW–Standards IDW S 1 für zeitlich begrenzt fortgeführte Unternehmen berücksichtigt. Dies bedeutet, dass im Rahmen des modifizierten Ertragswertverfahrens der Fortführungszeitwert, der am Ende des Zeitraums der Goodwill-Reichweite vorhanden ist, in die Bewertung mit einfließt, weil die Praxisausstattung nach Ende des Zeitraums der Goodwill-Reichweite von der Praxis weiterhin genutzt werden kann. 

Praxiswert: Kunstwerke oder PKW gehören nicht dazu

Die Addition der auf den Bewertungsstichtag abgezinsten Gewinne aus den berücksichtigten Perioden und des auf den Bewertungsstichtag abgezinsten Fortführungszeitwertes am Ende des Zeitraums der Goodwill-Reichweite ergeben den Praxiswert. Nicht-betriebsnotwendiges Vermögen (wie z.B. PKW, Kunstgegenstände etc.) wird in der Praxisbewertung selbst nicht berücksichtigt, sondern getrennt aufgeführt. Sofern nicht betriebsnotwendiges Vermögen zu bewerten und beim Praxiswert zu berücksichtigen ist, ist es mit dem Liquidationswert am Bewertungsstichtag anzusetzen.

Fast alle öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen wenden das modifizierte Ertragswertverfahren an, wobei es aber durchaus Unterschiede in der Art der Anwendung gibt. Ausgehend von dieser Feststellung hat die Vereinigung der vereidigten Sachverständigen für die Bewertung von Arzt- und Zahnarztpraxen (VSA) Leitlinien erarbeitet, welche den Rahmen festlegen sollen, innerhalb dessen im Normalfall die Bewertung von Arzt- und Zahnarztpraxen erfolgt. Diese Leitlinien sind veröffentlicht worden und können im Internet nachgelesen und heruntergeladen werden unter www.praxisbewertung-wertgutachten.de.

Exkurs: Berücksichtigung von Ertragssteuern im Rahmen einer Praxisbewertung  

In der Verlautbarung der VSA (Vereinigung der öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen für die Bewertung von Arzt- und Zahnarztpraxen), betreffend das modifizierte Ertragswertverfahren bei der Bewertung von Arzt- und Zahnarztpraxen, heißt es hierzu unter anderem:  

„In Anlehnung an die Empfehlungen des IDW-Standards S1 sowie unter Berücksichtigung der neuesten BGH-Rechtsprechung ist in der Regel auf das sogenannte Nettoverfahren abzustellen, also die Ermittlung des Praxiswertes nach Steuern. Ist die Bewertungsfunktion diejenige eines neutralen Gutachters, ist die steuerliche Situation aus Sicht eines potentiellen idealtypischen Praxisinhabers nicht bekannt. Ebenso wie seine Existenz zu typisieren ist, ist auch seine Steuerlast zu typisieren, so dass der typisierende Steuersatz von 35% anzuwenden ist. Ein anderer Steuersatz als 35% kann ausnahmsweise gewählt werden, wenn dieser Steuersatz erkennbar unangemessen ist (z.B. bei sehr hohen Praxiseinkünften). Im Einzelnen erfordert dies, dass  

  • die prognostizierten Gewinne aus den berücksichtigungsfähigen Ergebniszeiträumen um den typisierten Steuersatz von 35% gekürzt werden
  • der Basis-Kapitalisierungszinssatz entsprechend der Höhe der Abgeltungssteuer um (derzeit) 26,375% reduziert wird (sofern auf eine Marktrisikoprämie nach Steuern zurückgegriffen wird, entfällt die Kürzung um eine Ertragssteuerbelastung)
  • der fiktive Veräußerungsgewinn (Veräußerungserlös ./. Buchwert ./. Veräußerungskosten) aus eventuell vorhandenem, nicht betriebsnotwendigem Vermögen um den typisierten Steuersatz von 35% gekürzt wird
  • Gewerbe- und Körperschaftssteuern nur dann unterstellt und berücksichtigt werden, wenn sie auf Grund der Gesellschaftsform oder der Art des medizinischen Betriebes tatsächlich anfallen.“    

Begründung:  

Aus Gründen der Vergleichbarkeit von Anlagealternativen ist bei Praxisverkäufen generell eine Nachsteuerbetrachtung vorzunehmen. Abhängig von der Funktion (neutraler Gutachter oder Berater), in der der Gutachter tätig wird, kann sich aber die Berücksichtigung von Steuern ändern, z.B. weil ein Erwerber einen (bezahlten) Praxisgoodwill steuerlich als Betriebsausgabe geltend machen kann. Die Berücksichtigung der Steuern hat auch deshalb im Bewertungsmodell explizit zu erfolgen, weil sich die Reduktion des Kapitalisierungszinsfußes (Erhöhung Barwert) und Kürzung der aus der Praxis zu erwartenden Zahlungsüberschüsse (Minderung Barwert) durch den Steuereinfluss wechselseitig nicht kompensieren. Das nicht betriebsnotwendige Vermögen, das annahmegemäß bei der Veräußerung der Praxis direkt verkauft wird, ist ebenfalls nach Steuern zu berechnen und zu bewerten.

Sofern die (Zahn)Arztpraxis als Einzelpraxis oder Personengesellschaft betrieben wird, ist Steuersubjekt nach Einkommensteuergesetz allein die dahinter stehende(n) Person(en). Prinzipiell ist daher im Rahmen der Beratungsfunktion mit einem individuellen Steuersatz zu rechnen. Im Rahmen der neutralen Gutachterfunktion (objektivierte Bewertung) ist mit einem typisierten Steuersatz zu rechnen, da individuelle Besonderheiten, die in den Lebens- und Anlageumständen der Steuersubjekte begründet sind, nicht berücksichtigt werden dürfen. Das IDW sowie die höchstrichterliche Rechtsprechung gehen hier übereinstimmend von einem typisierten Steuersatz von 35% aus. Gewerbesteuern fallen naturgemäß und üblicherweise bei (Zahn)Arztpraxen nicht an. Ausnahmen hiervon können zum Beispiel bei Laborärzten und großen überörtlichen Berufsausübungsgemeinschaften mit vielen angestellten Ärzten auftreten und sind im Einzelfall zu prüfen. Abgezinst werden die laufenden Erträge nach Steuern mit einem Zinssatz, der keine Gewerbesteuer berücksichtigt, weil auch die Alternativanlage regelmäßig nicht der Gewerbesteuer unterliegt. Die Abgeltungssteuer liegt derzeit  bei  25%  zzgl.  5,5% Solidaritätszuschlag, insgesamt 26,375%.“      

Kritisches Fazit  

Wie auch in dem u.a. Rechenbeispiel zu zeigen sein wird, kommt der Bestimmung der Parameter, mit deren Hilfe das Gutachten erstellt wird, eine wesentliche Bedeutung zu:  

  • Je länger die Goodwill-Reichweite, desto höher der Praxiswert. In der Regel bewegt sich die Goodwill-Reichweite zwischen zwei bis maximal fünf Jahren. Die Goodwill-Reichweiten sind für Einzelpraxen und Berufsausübungsgemeinschaften unterschiedlich.
  • Gleiches gilt für eine Änderung des Kalkulationszinses: Je höher der Kalkulationszins ist, desto geringer sind die abgezinsten Gewinne.
  • Auch Veränderungen des kalkulatorischen Unternehmerlohnes haben unmittelbaren Einfluss auf den Praxiswert.
  • Die Vorgehensweise ist vergleichsweise aufwändig, führt aber zu nachvollziehbaren und begründbaren Ergebnissen, wenn die Parameter richtig gewählt werden.  

Insgesamt lässt sich erkennen, dass es nicht ratsam ist, sich an Praxiswertermittlungen selbst zu versuchen. Derartige Berechnungen übersteigen - soweit es sich um Ermittlungen zum immateriellen Praxiswert handelt - in der Regel auch die Fähigkeiten der Mitarbeiter von Dentaldepots, Praxis- und Finanzierungsvermittlern.

Rechenbeispiel  

Neben den in Tabelle 1 enthaltenen Zahlen zu Umsatz, Kosten und Gewinn sowie dem materiellen Praxiswert (am Bewertungsstichtag) sind noch (begründete!) Annahmen zu der Länge der Goodwill-Reichweite, der Höhe des kalkulatorischen Unternehmerlohnes und dem Kalkulationszinssatz zu treffen. Um die Rechenbeispiele übersichtlich zu halten, wird unterstellt, dass der kalkulatorische Unternehmerlohn mit 97.772 Euro pro Jahr überall in Deutschland gleich sei (vgl. Rechenbeispiel bei der „Ärztekammermethode“) und der Kalkulationszinssatz bei 5% liegt. Die Goodwill-Reichweite wird mit vier Jahren angenommen. Ebenfalls aus Vereinfachungsgründen wird unterstellt, dass die in der Vergangenheit erwirtschafteten betriebswirtschaftlichen Zahlen nicht korrigiert werden müssen und der prognostizierte Gewinn im Vergleich zum Vorjahr jedes Jahr um 3,5% steigt (das entspricht der durchschnittlichen jährlichen Steigerungsjahren in dem Zeitraum 2004 bis 2013).  

Hinweis: Wenn der Umsatz nur zu 95% übertragbar ist, bedeutet das nicht, dass die Kosten ebenfalls um 5% auf 95% sinken, da die Fixkosten - die in einer Zahnarztpraxis etwa 85 bis 90% der Gesamtkosten ausmachen - gleich bleiben. Daher wird für dieses Beispiel angenommen, dass die Kosten nur um 1% sinken.  

Der materielle Praxiswert zum Bewertungsstichtag wird in gleicher Höhe unterstellt wie in der anderen Beispielrechnung, also mit 47.000 Euro. Bei dem modifizierten Ertragswertverfahren fließt der Substanzwert jedoch nur mit dem Betrag in die Berechnungen ein, welcher am Ende der Goodwill-Reichweite unterstellt wird. Dieser Wert ist deutlich geringer als der Fortführungszeitwert der Praxiseinrichtungsgegenstände am Bewertungsstichtag. Aus Vereinfachungsgründen wird daher ein pauschaler Abschlag auf den materiellen Praxiswert in Höhe von 35% vorgenommen. Der materielle Praxiswert wird somit mit 30.550 Euro angenommen.  

Ebenfalls aus Vereinfachungsgründen wird unterstellt, dass die Abgeltungssteuer 35% beträgt und somit keine Ertragssteuern berücksichtigt werden müssen (vgl. Exkurs zur Steuerproblematik). Aus Gründen der Übersichtlichkeit werden nicht alle Rechenschritte explizit dargestellt.

Goodwillreichweite

4 Jahre

Bemerkungen

in der Vergangenheit erwirtschafteter durchschnittlicher Umsatz

425.518

vgl. Tab. 1

in der Vergangenheit erwirtschaftete durchschnittliche Kosten

286.214

vgl. Tab. 1

in der Vergangenheit erwirtschafteter durchschnittlicher Gewinn

139.304

vgl. Tab. 1

Korrekturen an den in der Vergan- genheit erwirtschafteten Zahlen

0

Vereinfachung

Aus der Umsatz- und Kostenprog- nose prognostizierter Gewinn

1. Jahr: 144.180

2. Jahr: 149.226

3. Jahr: 154.449

4. Jahr: 159.855

Vereinfachung: jedes

Jahr 3,5 Prozent mehr

Gewinn, siehe Prämissen

Gewinnprognose bei zu 95% über- tragbarem Umsatz und Rückgang der

Kosten auf 99 Prozent

1. Jahr: 125.121

2. Jahr: 129.501

3. Jahr: 134.033

4. Jahr: 138.725

siehe Hinweis

Abzüglich kalk. Unternehmerlohn

4x97.772

vgl. Goodwill-Reichweite

Berücksichtigungsfähiger abzuzin- sender Gewinn

1. Jahr: 27.349

2. Jahr: 31.729

3. Jahr: 36.261

4. Jahr: 40.953

fließt in die Wertermitt- lung ein

Kalkulationszins

5,0%

Abgezinster berücksichtigungsfähiger

Gewinn im 1. Jahr

26.047

Abzinsungsfaktor

0,95238

Abgezinster berücksichtigungsfähiger

Gewinn im 2. Jahr

28.779

Abzinsungsfaktor

0,90703

Abgezinster berücksichtigungsfähiger

Gewinn im 3. Jahr

31.324

Abzinsungsfaktor

0,86384

Abgezinster berücksichtigungsfähiger

Gewinn im 4. Jahr

33.692

Abzinsungsfaktor

0,82270

abgezinste Gewinne insgesamt

119.842

zzgl. Fortführungszeitwert des In- ventars am Ende der Goodwill-

Reichweite

30.550

vgl. Text

Praxiswert gesamt

150.392

Vergleicht man den mittels des modifizierten Ertragswertverfahrens berechneten Praxiswert mit den statistischen Durchschnittswerten aus Tabelle 2, ist erkennbar, dass beide Werte nahe beieinander liegen. Eine Goodwill-Reichweite von etwa vier Jahren plus/minus ein Jahr deckt sich dabei mit der praktischen Erfahrung aus mittlerweile mehr als 20 Jahren Gutachtertätigkeit bei der Bewertung von Zahnarztpraxen.