Praxisgründer

Darum eine Praxis (auch) für Rollstuhlfahrer

"Wer zum ersten Mal im Rollstuhl durch eine zu schmale Tür muss, hat sofort ein Aha-Erlebnis." Warum man seine Praxis barrierefrei bauen soll, erzählt Architekt Frank Opper im Interview.

Zugänglichkeit schaffen - in der Praxis und um die Praxis herum. Damit der Weg zum Zahnarzt nicht schon am Eingang scheitert. Alex Wohlrab

Wie ist es in Deutschland um die Barrierefreiheit von Zahnarztpraxen bestellt?

Frank Opper: In Deutschland ist erst ein Drittel aller Praxen barrierefrei gestaltet. Das wären ungefähr 80.000 - und zwar sowohl allgemeine Arzt- wie auch Zahnarztpraxen. Diese Zahlen gehen auf eine Erfassung zurück, die das Ministerium für Arbeit und Soziales 2010 veranlasst hat. Die Angaben basieren allerdings auf der Selbsteinschätzung der Ärzte und sind insofern nicht zu 100 Prozent repräsentativ.

Barrieren kann es viele geben - was sind Beispiele für häufige Hindernisse in Zahnarztpraxen?

Das Entscheidende ist zuerst die Zugänglichkeit des Gebäudes und der Praxis. Das betrifft die mobil eingeschränkten Menschen, die eine große Anzahl der Betroffenen darstellen. Für sie kann es auch zum Problem werden, dass keine barrierefrei zugängliche WC-Anlage da ist, etwa weil die Türen zu schmal sind. Aber natürlich gibt es auch viele Menschen, die seheingeschränkt sind, eventuell blind oder höreingeschränkt - auch deren Belange sind zu beachten.

Während mobil Eingeschränkte einen möglichst schwellenfreien, ebenen Eingang und unter Umständen einen Aufzug brauchen - dazu am besten wenig Kanten -, ist es für den seheingeschränkten Menschen wichtig, dass starke Kontraste gebildet werden und es eine helle Ausleuchtung gibt, damit er taktil seinen Weg erkennen kann. Menschen benötigen taktile Leitsysteme. Für den Gehörlosen steht die Kommunikationsfrage im Vordergrund. Dies betrifft dann die Schulung der Angestellten in der Praxis. Man muss auf die einzelnen Bedürfnisse der verschiedenen Beeinträchtigungen individuell eingehen.

Aber die Zugänglichkeit mit dem Rollstuhl betrifft die Bauaufgabe am stärksten?

Genau. Dabei muss ja theoretisch nicht jeder Behandlungsraum barrierefrei sein. Aber ich muss überlegen: Wie kommen die Leute möglichst selbstständig in meine Praxis? Wenn ich denn niemanden hochtragen möchte. Das geht zwar theoretisch auch, entspricht aber nicht dem Grundgedanken der Gleichstellungsdefinition und ist vielleicht auch nicht sinnvoll für die Angestellten (lacht). Obwohl ich das bei meinem Zahnarzt selber so erlebe. Der kommt raus und hebt mich mit seiner Angestellten die Stufen hoch. Aber das ist natürlich nicht im Sinne der Sache.

Wie kommen Praxisinhaber in der Regel zur Entscheidung, Barrierefreiheit anzubieten?

Ein Beispiel: Bei uns im Ort wurde gerade ein neues Ärztehaus gebaut. Da sind daraufhin die beiden Hausärzte eingezogen, weil sie vorher drei, vier Stufen vor der Praxistür hatten. Wir sind hier eine Schlafstadt im Außenbereich von Düsseldorf, die Bevölkerung wird immer älter. Und die Ärzte stellten fest, dass sie immer mehr Hausbesuche machen müssen, weil die Patienten teilweise nicht mehr zu ihnen in die Praxis kommen können. Das ist ein grundsätzliches Problem: Wenn meine Patienten immer älter werden und etwaige Barrieren vor und in meiner Praxis nicht mehr so leicht überwinden können, wechseln sie eventuell den Arzt.

Im Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der UNO-Behindertenrechtskonvention ist vorgesehen, bis zum Jahr 2020 Arztpraxen zunehmend barrierefrei zugänglich zu machen. Ist dieses Ziel für Deutschland realistisch?

Das ist natürlich nicht realistisch. Für entscheidende Änderungen brauchen wir, denke ich, eher zehn Jahre. Es ist gut, dass Ziele gesetzt werden. Aber wenn, wie im Augenblick, bei den Ärzten und Zahnärzten noch alles auf privater Basis läuft und ein barrierefreier Umbau aus eigenen Finanzierungsmitteln gezahlt werden muss, wird sich wahrscheinlich noch nicht gravierend viel tun. Allerdings wird sich die Gesellschaft bis 2060 extrem verändern und dementsprechend müssen wir da reagieren.