Praxisgründer

Der gut designte Zahnarztstuhl

Sieht man sich heute Behandlungseinheiten an, ist es kaum zu glauben, dass noch vor rund 200 Jahren Menschen mit Zahnschmerzen auf samtgepolsterten Holzstühlen behandelt wurden, die uns an eine altbackene Wohnzimmereinrichtung erinnern. Doch was hat dazu geführt, dass sich das Design so stark verändert hat?

Zahnarztstuhl mit Doriotgestänge und Fußantrieb, etwa aus den 1940er Jahren. “Dental Surgery of 1940s and 1950s” von Gaius Cornelius. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Das Aussehen von Dentaleinheiten ist auch immer ein Spiegelbild der Zeit und des wissenschaftlichen Kenntnisstands. 1834 führte ein Wiener Wund- und Zahnarzt überhaupt erst das Prinzip ein, dass der Patient in die Räume des Zahnarztes kommt, damit dieser alle seine Hilfsmittel zur Verfügung hat. Zur gleichen Zeit etwa wurde auch der erste zahnärztliche Behandlungsstuhl entworfen: Es handelte sich um einen gepolsterten Armstuhl mit einer mittels Raste zu verstellenden Rückenlehne, zu dem außerdem noch eine Kopfstütze, eine Lampe und ein Spiegel sowie ein an der rechten Armlehne angebrachtes Tischchen gehörten.

Nur 15 Jahre später entwickelte der Amerikaner M.W. Hanchett einen Behandlungsstuhl mit Kopfstütze und verstellbarer Kopf- und Rückenlehne. In den 1860er Jahren war der Owen-Stuhl en vogue. Hier ließ sich mithilfe eines Seilzuges die Höhe der Sitzfläche verstellen. Der erste hydraulische Behandlungsstuhl kam 1877 auf dem Markt.

Von Frisierstühlen inspiriert

Zur gleichen Zeit wurden die ehemals aus Holz gefertigten Stühle gusseisern. Seine für Jahrzehnte gültige Ausformung, mit einem runden Fuß sowie einer hydraulischen Höhenverstellbarkeit, hatte der Stuhl etwa um die Jahrhundertwende erreicht. Erst in den 1950/1960er Jahren erfuhr die Behandlungstechnik wieder einen bedeutenden Wandel: „KaVo hat in den 50er Jahren mit seinen Dentaleinheiten die liegende Behandlung in den Markt eingeführt“, erklärt Edwin Fieseler, Marketingleiter von KaVo, einem international agierenden Unternehmen der Dentalbranche mit Hauptsitz in Biberach an der Riss. Tatsächlich wurde diese Produktinnnovation durch die damals üblichen Stühle in Friseursalons beeinflusst. Und das nachhaltig: Die Behandlungstechnik wird bis heute angewandt.

„In den vergangenen Jahrzehnten hat vor allem die Integration von immer mehr Funktionen und Geräten in die Einheit selbst zu einer Veränderung des Aussehens geführt“, sagt Oliver Racine, Leiter des internationalen Produktmanagements bei KaVo. „Früher beinhaltete eine Behandlungseinheit lediglich eine Turbine und einen Motor, und es gab viele Einzelgeräte. Heute sind es bis zu acht Instrumente, die alle von der Behandlungseinheit zentral gesteuert werden.“

Somit wurden die Einheiten immer komplexer. Aber nicht sperriger: „Neue Werkstoffe mit höherer Festigkeit führen dazu, dass das Eigengewicht der Behandlungseinheiten geringer wird und dadurch auch das Design mehr Leichtigkeit ausstrahlt - und trotzdem die Hubkraft der Patientenstühle dem steigenden Patientengewicht gerecht wird“, weiß Ekkard Miedke. Er ist Pressesprecher der Dental-Manufaktur ULTRADENT aus München, die durch ihr Innovationsengagement zum Beispiel als einziger Hersteller in Deutschland einen Kinderbehandlungsplatz („Fridolin“) entwickelt und dafür einen Gebrauchsmusterschutz erhalten hat.

Ergonomie als wichtiger Einflussfaktor

 

Wie eine Behandlungseinheit beschaffen sein muss, wird wesentlich durch gewachsene Ansprüche an Workflow und ergonomische Anforderungen bestimmt. „Für eine Optimierung des Workflows besteht die Möglichkeit, Endo- und Implantologie-Funktionen zu integrieren. Aus ergonomischer Sicht muss eine Einheit rückengerechtes Arbeiten ermöglichen. Dazu gehören eine aufrechte Sitzposition, genügend Beinfreiheit unter dem Behandlungsstuhl sowie optimale Greifwege für die Instrumente.

Durch die Diversität der Behandler und Patienten ergibt sich eine große Herausforderung an ergonomische Behandlungseinheiten: „Sie müssen gewährleisten, dass Personen unterschiedlicher Größe an ihr arbeiten können“, sagt Susanne Schmidinger, Leitung Produktmanagement Behandlungseinheiten von Dentsply Sirona, dem weltweit bekannten Hersteller von Dentalprodukten. „Es muss ebenso sichergestellt sein, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene unterschiedlichen Alters komfortabel liegen und auf ergonomische Weise behandelt werden können. Individuelle Einstellungsmöglichkeiten sind hierfür wichtig.“ Jedoch kann keine noch so ergonomisch geformte Einheit eine schonende Arbeitshaltung ersetzen, die in der Regel während der (universitären) Ausbildung erlernt wird.

Heutzutage haben sich drei technische Lösungsmöglichkeiten für Dentaleinheiten durchgesetzt:

  • die geteilte Einheit (split unit), bei der die Liege den Tray-Tisch mit Instrumenten und die Einheitssäule „teilt“
  • die Cart Variante, bei der Tisch und Instrumente eine Art „Beistelltisch“ bilden, der durch Kabel mit der Säule verbunden ist
  • die Peitschenform, entweder mit Schwingbügel, der über der Patientenliegefläche verläuft, oder als Kompakteinheit mit den Einheitsinstrumenten am Tray-Tisch.

 

„Für uns als internationalen Hersteller ist interessant, dass in Deutschland schwerpunktmäßig Einheiten mit Tray-Tischen und hängenden Schläuchen nachgefragt werden“, so Racine. „Ein Schwingen-Tisch als Alternative verspricht eine bessere Arbeitsergonomie. Der Arzt sitzt in 12-Uhr-Stellung hinter dem Patienten und muss zum Ergreifen seiner Instrumente nur nach vorn fassen.“ In anderen Ländern wie Österreich, den skandinavischen Staaten und in Südeuropa würden unter anderem wegen der verbesserten Ergonomie die Schwingen-Einheiten viel besseren Absatz finden.