Praxisgründer

"Der Putzmittelraum wird gern vergessen!"

Die Planung und Einrichtung von Zahnarztpraxen bringt viele Herausforderungen mit sich - von den Hygienerichtlinien über die Netzwerkplanung bis hin zu Ergonomie, Beleuchtung und Akustik. Auch Feng Shui darf nicht fehlen. Innenarchitekt Giorgio Nocera im Interview.

Die Einrichtung von Zahnarztpraxen ist anspruchsvoll. pixelfokus - Fotolia

Sie sind auf die Einrichtung von Zahnarztpraxen spezialisiert. Inwiefern ist eine Praxis anders als andere Räume?

Giorgio Nocera: Bei der Einrichtung von Praxisräumen geht die Planung weit über die klassische Möbeleinrichtung hinaus. Ausbau und Einrichtung gestalten sich sehr anspruchsvoll. Neben ästhetischen Aspekten sind auch Themen wie ein gut funktionierendes Hygienemanagement, die weitere Praxisentwicklung - zum Beispiel eine spätere Praxiserweiterung - oder die Arbeitsschritte des Praxisbetreibers und seiner Mitarbeiter im Auge zu behalten. Hier sollte man bei der Bedarfsanalyse die Funktionsabläufe dezidiert bewerten, denn Fehler können sich dabei sehr negativ auswirken. Als Beispiel: Das Behandlungszimmer und der Hygieneraum befinden sich in entgegengesetzter Richtung. Also muss mit den Instrumenten eine viel längere Wegstrecke zurückgelegt werden. Solch eine „Fehlkalkulation“ kann schnell eine 30-prozentige höhere Arbeitsbelastung für den Zahnarzt und sein Team bedeuten. Nur durch die Zusammenarbeit mit Fachexperten und eine detaillierte Planung gestaltet man diese Abläufe effektiver.

Was sind weitere Anforderungen an eine Praxis – etwa im Vergleich zu einer Gewerbefläche?

Da gilt es zum einen, die gesetzlichen und behördlichen Vorgaben einzuhalten, wie etwa die neuesten Hygiene-Richtlinien. Zum anderen gibt es technischen Besonderheiten wie die Planung der Anschlusspunkte für medizinische Geräte. Die Frage, wie eine optimale, also neutrale, gleichmäßige und verschattungsfreie Beleuchtung in einem Behandlungsraum erreicht werden kann, kann ein typisches Lichtstudio vor echte Herausforderungen stellen. Für die Planer aus der Dentalbranche gehören diese Fragen aber zum Alltag. Sie wissen aus vielen bereits realisierten Planungen und der Zusammenarbeit mit Baurechtsbehörden und Gesundheitsämtern, wo die Fallstricke lauern und auf welche Aspekte und vermeintliche Kleinigkeiten man besonders achten muss.

Was sind gängige Tücken bei der Einrichtung?

Technische, hygienische und rechtliche (Stichwort Mietvertrag, Nutzung der Fläche als Zahnarztpraxis) Aspekte bergen oft Tücken und sind im Vorfeld genau zu betrachten. Weitere Fallstricke lauern bei einer unzureichenden Zielgruppen- oder Standortanalyse. Will ich beispielsweise schwerpunktmäßig Implantologie in meiner Praxis betreiben, muss ich dafür mein Umfeld genau unter die Lupe nehmen. Eine einkommensstarke Region ist hier sicher hilfreich für den Erfolg. Von der Spezialisierung lässt sich in der Regel der Patientenstamm ableiten. Häufig werden auch die Kosten für spezifische Umbauten am Objekt unterschätzt oder das Praxiskonzept wurde nicht „bankgerecht“ aufbereitet, sodass die Finanzierung nicht reibungslos über die Bühne geht.

Welche Richtlinien technischer, rechtlicher und hygienischer Art müssen bei der Einrichtung der Räume beachtet werden? Und woran denken viele Praxisgründer dabei meist nicht?

Es gibt viele Verordnungen, Gesetze oder Richtlinien, wie RKI-Linien, das Medizinprodukte-Gesetz, die Röntgenverordnung, die Landesbauordnung, um nur ein paar wenige zu nennen. Ganz zu schweigen von den zusätzlichen regionalen Unterschieden. Die Fülle dieser Vorgaben macht es für Praxisbetreiber teils schwierig, einen Überblick zu behalten. Häufig vernachlässigt wird das Thema Mitarbeiter- und Patientenschutz – oder mögliche Zusatzräume, die für einen optimal funktionierenden Praxisablauf notwendig sind. Es gibt zum Beispiel genaue Vorschriften, wie groß ein Spind für jeden Mitarbeiter sein muss. Ein anderes Beispiel ist der Putzmittelraum, der gern vergessen wird. Ein vermeintlich kleiner Raum, der aber aufgrund der Hygienevorschriften geplant werden muss und dessen Fehlen sich negativ auf den Praxisablauf niederschlägt.