Praxisgründer

Hauptsache, die Praxis sieht nicht wie eine Praxis aus!

Wenn der Patient von fahlem Licht und Bohrergeräuschen empfangen wird, es nach Desinfektionsmitteln riecht, geht der Puls nach oben. Und das Gefühl sagt: Nichts wie weg! Hier setzt die Healing Architecture an.

Die Zahnarztpraxis KU64 am Berliner Ku'damm soll wie alles Mögliche aussehen – nur nicht wie eine Zahnarztpraxis. Architekten-Karhard

Das Feuer knistert und der Geruch von frischem Kaffee durchzieht die Zahnarztpraxis KU64. Gerüche und akustische Reize gehören zum Konzept, denn die Architekten von GRAFT und Praxisinhaber Stephan Ziegler wollen alle Sinne der Patienten ansprechen. hiepler brunier architekturfotografie
Die Praxis auf dem Berliner Kudamm gilt als Vorreiter einer neuen Generation von Zahnarztpraxen. Hier passt der Begriff "Dental Spa". hiepler brunier architekturfotografie
So sieht das Wartezimmer aus: Rote Liegen mit iPad-Ausstattung und Blick durch hohe Fenster empfangen die Patienten. Darf's dazu ein Drink sein? hiepler brunier architekturfotografie
Wüstenwellen. Praxisinhaber Stephan Ziegler hat sich bei seiner Wunschgestaltung von Dünen inspirieren lassen. hiepler brunier architekturfotografie
Die Wüste lebt. In den Räumen gibt es immer wieder kleine Inseln von Grün. Auch in den Behandlungszimmern. hiepler brunier architekturfotografie
KU64 soll aussehen wie alles Mögliche - nur nicht wie eine Zahnarztpraxis. Dafür braucht es Mut zum Design. hiepler brunier architekturfotografie
Blick in eins der neuartigen Intensivzimmer der Charité - gestaltet von den GRAFT-Architekten in enger Zusammenarbeit mit Ärzten und der Pflege und angepasst an Patientenbedürfnisse. Kunststoff in Holzoptik und ein dunkler Fußboden ersetzen das typische klinische Weiß. Die piepsenden Geräte sind am Kopfende der Betten hinter einer Wand versteckt. Tobias Hein, Berlin
"Parametrische (T)Raumgestaltung" heißt das weltweit einzigartige Pilotprojekt der Intensivmedizin. Wie sich die Raumgestaltung auf den Heilungsverlauf der Patienten auswirkt, wird auch in kommender Zeit weiter beobachtet und ausgewertet. Tobias Hein, Berlin
Die Lichtdecke wölbt sich von Kopf bis Fuß über den Patienten und füllt so das komplette Blickfeld aus. Lichtstärke und -stimmungen wechseln im Laufe des Tages. Auch die Live-Daten des Deutschen Wetterdienstes können eingespielt werden. Tobias Hein, Berlin
Bei der Praxis Mondzorg im niederländischen Middenmeer mischen sich die Ansätze der Healing Architecture mit ökologischem Bauen. Das Architekturbüro ORGA unternahm eine Gestaltung nach dem Vorbild der Natur: mit viel Licht, Holz und einem Blick nach draußen. ORGA
Ein isolierendes Gründach und dämmender Efeu tragen zur Energieeffizienz der Zahnarztpraxis bei. Schön aussehen tun sie auch. ORGA
Besonders bei Kindern löst ein Krankenhausbesuch oft Angst aus. Der Entwurf für die geplante Neue Haunersche Kinderklinik in München lässt die Zimmer der Kinderpatienten bewusst wohnlich wirken. Nickl & Partner Architekten AG
Sechs begrünte Innenhöfe gehören zum Entwurf der Architekten Nickl & Partner. Die Höfe laden nicht nur zum Spazieren ein, sondern bringen Licht in alle Ebenen des Gebäudes. Nickl & Partner Architekten AG

Es klingt logisch und auch nicht besonders esoterisch: Unsere Umgebung beeinflusst uns. Mit all seinen Sinnen erfahren wir Stresssignale oder aber nehmen angenehme Reize wahr. Die „Heilende Architektur“ möchte Räume gestalten, die das psychische und physische Wohlbefinden positiv beeinflussen und Stressfaktoren möglichst ausschalten: durch gute Belichtung und Belüftung, durch angenehme Farbgebung, harmonisches Design, gute Orientierung und Lärmreduktion.

Mehr Fenster, frische Luft und weniger Krach durch lärmendes Personal, das forderte im 19. Jahrhundert schon Florence Nightingale, die Begründerin der modernen westlichen Krankenpflege. 1984 untersuchte der US-amerikanische Architekturprofessor Roger Ulrich die Regeneration zweier Patientengruppen nach einem chirurgischen Eingriff. Die erste Gruppe blickte vom Krankenhausbett auf die Mauer eines anderen Gebäudes. Gruppe zwei schaute durchs Fenster auf Bäume. Die Probanden mit Blick ins Grüne hatten einen deutlich kürzeren Klinikaufenthalt und brauchten weniger Schmerzmittel.

Dental Spa in Berlin

 

Weltweit wächst die Zahl solcher Studien, die nachweisen, wie das Umfeld den Heilungsprozess beeinflusst. „Nicht nur wir Architekten sind der Meinung, dass Architektur heilen kann. Mittlerweile machen auch immer mehr Mediziner das zum Kern ihrer Forschung“, sagt Thomas Willemeit, einer der Gründer von GRAFT Architekten. GRAFT hat unter anderem den Bau verschiedener Zahnarztpraxen realisiert, darunter die Praxis KU64 auf dem Berliner Kurfürstendamm. Auf sie passt die Wortneuschöpfung „Dental Spa“. Man könnte auch sagen, sie sieht aus wie ein knallgelbes Raumschiff. Praxisinhaber Stephan Ziegler hat sich bei seiner Wunschgestaltung von Dünen inspirieren lassen. KU64 zeigt Mut zum Design und soll wie alles Mögliche aussehen – nur nicht wie eine Zahnarztpraxis.

 

Nicht nur wir Architekten sind der Meinung, dass Architektur heilen kann.

Thomas Willemeit

 

 

Hmm, hier riecht es nach Kaffee!

„Es ist absolut unterschätzt, wie viel es ausmacht, wenn man eine Praxis betritt und es nach frischem Kaffee riecht“, sagt Architekt Willemeit. „Genau das haben wir bedacht. Und das Feedback ist extrem gut.“ Für die Gestaltung von KU64 wurden auch Gerüche und akustische Reize mit einbezogen, um bei den Besuchern ein wohliges Gefühl zu erzeugen. In der kalten Jahreszeit knistert das Kaminfeuer. Pflanzen sprießen. Im Wartezimmer laden kuschelige Liegen mit iPad-Ausstattung und Blick durch hohe Fenster zum Träumen ein. Über den Behandlungsstühlen sind Flachbildschirme montiert. Alle Formen auf den Fluren sind fließend gewellt. Nichts hier soll abschrecken und Angst machen.

(T)Raumgestaltung auf der Intensivstation

Eine beruhigende Raumatmosphäre steht auch bei einer anderen Arbeit des Architekturbüros im Vordergrund. „Parametrische (T)Raumgestaltung“ heißt die vom Bundesministerium für Wirtschaft geförderte Kooperation zwischen der Charité und GRAFT. Hinter dem rätselhaften Titel verbirgt sich ein weltweit einzigartiges Pilotprojekt der Intensivmedizin. Es begann mit einer umfangreichen mehrjährigen Forschung zu den stressauslösenden Faktoren auf Intensivstationen. Mit dem so gewonnenen Wissen wurden 2013 zwei Intensivzimmer gestaltet.

Gerade Patienten auf Intensivstationen erleben eine lebensbedrohliche Extremsituation, sind besonders vulnerabel und in Gefahr, in einen schockähnlichen Zustand zu verfallen. Ein Drittel von ihnen erlebt auf normalen Stationen Delirien, bei zwei Dritteln treten psychische Probleme auf. Es fällt schwer, die Selbstheilungskräfte in einem Raum zu mobilisieren, der immer gleich hell erleuchtet ist, in dem der Mensch ohne Intimsphäre und Einflussmöglichkeiten an ein Bett gefesselt ist, umgeben von lärmenden Maschinen, und ihm nur bleibt, die monotone Decke anzustarren.

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