Praxisgründer: Entscheidung treffen

Welche Praxisform passt zu mir?

Einzelpraxis oder Gemeinschaftsmodell – Existenzgründern stehen verschiedene Niederlassungsformen offen.

Allein oder mit Kollegen unter einem Dach? Am Anfang steht die Entscheidung über die Niederlassungsform. © photofranz56 - Fotolia

Die Wahl der geeigneten Praxisform ist eine der ersten und wichtigsten Entscheidungen, die im Rahmen der zahnärztlichen Existenzgründung zu treffen ist. Praxisinhaber, Praxiskonzept und Praxisform sollten zueinander passen, um die eigene Praxis zukunftsfest zu gestalten. Und so führt die Frage nach der geeigneten und angemessenen Praxisform schnell zu den grundlegenden Fähigkeiten und Zielen des Existenzgründers.

„Wesentliches Merkmal einer Einzelpraxis ist die Alleinverantwortlichkeit des Praxisinhabers für sämtliche unternehmerischen Entscheidungen und sein zahnärztliches Handeln“ (BZÄK, 2011). Die Berufsausübung ist an einen Praxissitz gebunden. Ergänzend kann eine Zweigpraxis gegründet werden, wenn die Versorgung der Versicherten am Ort der Zweigpraxis verbessert und die ordnungsgemäße Versorgung der Versicherten am Ort der regulären Praxis nicht beeinträchtigt wird. Seit 2007 besteht zudem die Möglichkeit einer Anstellung von bis zu zwei vollzeitbeschäftigten oder bis zu vier halbzeitbeschäftigten Zahnärzten.

Im Hinblick auf die gängigen Praxisformen wird oft zwischen der „Einzelpraxis“ auf der einen Seite und der „Kooperation“ auf der anderen Seite unterschieden. Rein rechtlich sind diese Praxisformen nach wie vor gut voneinander abgrenzbar. In ökonomischer und organisatorischer Hinsicht verwischen die Grenzen aber zusehends, nicht zuletzt aufgrund der Möglichkeiten, mit angestellten Zahnärzten zu arbeiten und sich über diesen Umweg auch als Inhaber einer Einzelpraxis quasi-kooperativer Formen zu bedienen. Insofern ist auch die bisweilen geäußerte Gleichsetzung „Einzelpraxis = Einzel­kämpfertum“ (Kanzler, 1997) veraltet, wenn sie mit Blick auf das Praxisteam überhaupt je zutreffend war. Der entscheidende Aspekt, der mit der Praxisform der Einzelpraxis einhergeht, ist die Alleinverantwortlichkeit des Praxisinhabers.

Einzelpraxen - Übernahmen - Berufsausübungsgemeinschaften. Zum Vergrößern anklicken.

„Wesentliches Merkmal einer Einzelpraxis ist die Alleinverantwortlichkeit des Praxisinhabers für sämtliche unternehmerischen Entscheidungen und sein zahnärztliches Handeln“ (BZÄK, 2011). Die Berufsausübung ist an einen Praxissitz gebunden. Ergänzend kann eine Zweigpraxis gegründet werden, wenn die Versorgung der Versicherten am Ort der Zweigpraxis verbessert und die ordnungsgemäße Versorgung der Versicherten am Ort der regulären Praxis nicht beeinträchtigt wird. Seit 2007 besteht zudem die Möglichkeit einer Anstellung von bis zu zwei vollzeitbeschäftigten oder bis zu vier halbzeitbeschäftigten Zahnärzten.

„Einzelkämpfer“ vs. Kooperation

Die Einzelpraxis war in der ambulanten Zahnmedizin in der Tat lange das vorherrschende Modell bzw. der „Königsweg“ zur Niederlassung. Im Jahr 1976 waren die deutschen Zahnärzte zu 96,5 Prozent in der Einzelpraxis niedergelassen; lediglich 3,5 Prozent der niedergelassenen Zahnärzte arbeiteten in einer Gemeinschaftspraxis. In der ganzen Republik gab es zu diesem Zeitpunkt lediglich 21 Zahnarztpraxen mit mehr als zwei Inhabern (KZBV, 2014). In den folgenden vierzig Jahren stieg die Anzahl der Kooperationen dann allerdings deutlich an. Knapp jede fünfte Zahnarztpraxis arbeitete im Jahr 2007 in Form einer Berufsausübungsgemeinschaft (siehe Abbildung). Obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits das Ende der Einzelpraxis prophezeit wurde, stieg der Anteil der Kooperationen jedoch nicht weiter, sondern er ist seither sogar wieder leicht rückläufig.

Gemeinschaften bilden

„Kennzeichnend für eine zahnärztliche Berufsausübungsgemeinschaft ist, dass sich mehrere niedergelassene Zahnärzte zur gemeinsamen zahnärztlichen Tätigkeit in gemeinsamen Räumen mit gemeinsamer Praxiseinrichtung, gemeinsamer Karteiführung und gemeinsam angestelltem Personal auf gemeinsame Rechnung und unter gemeinsamen Namen zusammenschließen“ (BZÄK, 2011). Die an der Berufsausübungsgemeinschaft beteiligten Zahnärzte tragen gemeinsam die Budgetverantwortung. Überörtliche Berufsausübungsgemeinschaften sind zulässig, wenn die Erfüllung der Versorgungspflicht am eigenen Vertragszahnarztsitz aufrecht erhalten wird und die Tätigkeit an anderen Vertragszahnarztsitzen ein Drittel der Zeit der vertragszahnärztlichen Tätigkeit nicht überschreitet.

Fließende Übergänge

Faktisch sind die Grenzen zwischen der Einzelpraxis und der Berufsausübungsgemeinschaft allerdings oft fließend, weil der Einstieg neuer Mitinhaber in eine Einzelpraxis ebenso möglich ist wie der Ausstieg eines Mitinhabers aus einer Berufsausübungsgemeinschaft. Ein gutes Beispiel ist die „zeitlich gestreckte Praxisübernahme“. Hier nimmt der alte Praxisinhaber einen Mitinhaber auf mit der mittelfristigen Absicht, die Praxis nach einer gewissen Übergangszeit ganz an den Nachfolger zu übergeben.

Die Berufsausübungsgemeinschaft wäre dann von vornherein nicht auf Dauer angelegt. Der Vorteil einer solchen Konstruktion liegt darin, dass die Patientenbindung des alten Praxisinhabers behutsam auf den neuen Praxisinhaber erweitert werden kann. Dies dient dem Erhalt des sogenannten ideellen Wertes der Zahnarztpraxis, der im Schnitt aktuell etwa 110.000 Euro ausmacht (Klingenberger und Köhler, 2015). Zu bedenken ist allerdings, dass die Vorstellungen des alten und des neuen Praxisinhabers bezüglich des Praxiskonzeptes teilweise deutlich voneinander abweichen können (Klingenberger und Sander, 2014), was Konfliktpotential bietet. Die zeitliche Frist einer solchen „Übergangslösung“ sollte insofern auch nicht zu lange gewählt sein.

Vor- und Nachteile

Beide Praxisformen, die Einzelpraxis wie die Berufsausübungsgemeinschaft, haben Vor- und Nachteile. Der Vorteil der Einzelpraxis liegt in der Alleinverantwortung, die nicht durch die Mitspracherechte weiterer Inhaber begrenzt wird. Die Berufsausübungsgemeinschaft bietet demgegenüber möglicherweise ökonomische Größenvorteile (economies of scale) durch eine bessere Auslastung der Praxisressourcen. Die Praxisgemeinschaft, eine weitere verbreitete Praxisform, zielt darauf ab, die Vorteile dieser beiden Praxisformen miteinander zu verbinden.

Eine Praxisgemeinschaft „ist der organisatorische Zusammenschluss mehrerer Zahnärzte zur gemeinsamen Nutzung von Praxisräumen oder Praxiseinrichtungen oder zur gemeinsamen Inanspruchnahme von Praxispersonal“ (BZÄK, 2011). Jeder Gesellschafter der Praxisgemeinschaft führt seine Praxis eigenverantwortlich mit eigenem Patientenstamm und getrennter Patientendokumentation. Behandlungsverträge werden nicht mit der Praxisgemeinschaft, sondern dem jeweiligen Praxisinhaber geschlossen. Es handelt sich insofern nicht um eine Berufsausübungsgemeinschaft, sondern lediglich um eine „Kostengemeinschaft“.

Kein Ende der Einzelpraxis

Und wie entscheiden sich die niederlassungswilligen Zahnärzte heute? Über die Praxisform der neu gegründeten Zahnarztpraxen geben die Daten des InvestMonitor Zahnarztpraxis, einem kontinuierlichen Projekt des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ) mit der Deutschen Apotheker- und Ärztebank, Auskunft (Klingenberger und Köhler, 2015). Die hier abgebildeten Finanzierungen zahnärztlicher Existenzgründungen, die einen empirischen Ausschnitt aus der Gesamtheit der Neuniederlassungen darstellen, bilden den Zufluss (die sog. Stromgröße) neuer Praxen ab und beeinflussen damit auch mehr oder weniger merklich die Struktur des Gesamtbestandes (d.h. die Bestandsgröße).

Es zeigt sich, dass über die letzten Jahre hinweg jeweils zwischen einem Viertel und einem Drittel der neu gegründeten Zahnarztpraxen in der Form der Berufsausübungsgemeinschaft praktizieren (siehe Abbildung). Die Stromgröße liegt derzeit noch über der Bestandsgröße, die insofern mittelfristig noch leicht ansteigen dürfte. Vom Ende der Einzelpraxis kann jedoch, wie auch der Blick auf die neu hinzugekommenen Praxen zeigt, angesichts der empirischen Lage keine Rede sein.

Mittelstandsland Deutschland

Bei der Wahl der Praxisform stellt sich für den Existenzgründer die Frage, wie „groß“ man sich aufstellen sollte, um mit der Konkurrenz „mithalten“ zu können. Im Durchschnitt sind in einer deutschen Zahnarztpraxis knapp über fünfeinhalb Mitarbeiter beschäftigt und der Umsatz je Praxis beträgt 422.000 Euro (KZBV, 2014). Wie sind diese statistischen Durchschnittswerte einzuordnen?

Die Zahnarztpraxen werden generell den klein- und mittelständischen Unternehmen (kurz: KMU) zugerechnet, die in Deutschland einen vergleichsweise hohen Stellenwert für das Wirtschaftsgeschehen haben: „Deutschland gilt international als klassisches Mittelstandsland“ (Kayser, 1997). Es gibt aktuell etwa 3,63 Mio. Unternehmen, d.h. rein rechnerisch kommt auf 22 Einwohner ein Unternehmen!

Der Blick in das Unternehmensregister des Statistischen Bundesamtes (siehe Tabelle) zeigt, dass nach der Definition des Instituts für Mittelstands­forschung (IfM) neun von zehn Unternehmen „kleine Unternehmen“ mit weniger als 10 Beschäftigten bzw. einem Umsatzerlös von weniger als 1 Mio. Euro sind. Dieser empirische Befund ist nach wie vor relativ stabil.

Tabelle 1: Anteil der klein- und mittelständischen Unternehmen laut Unternehmensregister (Stand: Mai 2015)

Anteil der Unternehmen bis 9 Beschäftigten (in %)

Anteil der Unternehmen mit einem Umsatz unter 1 Mio. Euro (in %)

G

Handel; Instandhaltung und Reparatur von Kraftfahrzeugen

90,6

81,7

M

Erbringung von freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen

94,5

93,8

F

Baugewerbe

90,6

89,0

L

Grundstücks- und Wohnungswesen

98,8

95,6

C

Verarbeitendes Gewerbe

74,5

73,0

I

Gastgewerbe

93,5

95,8

Q

Gesundheits- und Sozialwesen (2015)

83,8

97,8

Gesamt

Alle Wirtschaftszweige (2015)

90,7

90,0

Q

Gesundheits- und Sozialwesen (2002)

87,5

n.v.

Gesamt

Alle Wirtschaftszweige (2002)

90,9

n.v.

Quelle: Destatis.

Die Unternehmensgröße streut allerdings in den verschiedenen Wirtschaftszweigen stark. Die betrieblichen Erfordernisse und erzielbaren Größenvorteile stellen sich je nach Branche offenkundig sehr unterschiedlich dar, im verarbeitenden Gewerbe anders als im Grundstücks- und Wohnungswesen. Auffallend ist, dass im Gesundheits- und Sozialwesen der Anteil der Unternehmen mit einem Umsatzerlös von weniger als einer Mio. Euro vergleichsweise am höchsten ist. Gerade einmal 2,2 Prozent der Unternehmen erwirtschaften einen Umsatz von einer Mio. Euro und mehr. Im Branchenvergleich zeigt sich das Gesundheits- und Sozialwesen also eher als beschäftigungsstark (16,2 Prozent der Unternehmen haben 10 oder mehr Mitarbeiter) und weniger als umsatzstark. Dies gilt insbesondere für die sogenannte Mundgesund­heits­wirtschaft (vgl. Klingenberger et al., 2012). Der Bereich der ambulanten zahnmedizinischen Versorgung zählt zu den persönlich erbrachten Dienstleistungen und ist insofern vergleichsweise arbeitsintensiv. Das persönliche Vertrauensverhältnis zwischen Zahnarzt und Patient legt überdies vergleichsweise kleinere Praxiseinheiten nahe.

MVZ – Praxisform der Zukunft?

Da mag es nicht verwundern, dass größere Praxiseinheiten im Bereich der ambulanten Zahnmedizin nach wie vor die Ausnahme darstellen. Ende 2013 gab es im vertragszahnärztlichen Bereich 23 medizinische Versorgungszentren (MVZ) mit 131 angestellten Zahnärzten. In weiteren 9 kommunalen, staatlichen oder freigemeinnützigen Gesundheitseinrichtungen waren 18 angestellte Zahnärzte tätig (vgl. KZBV, 2014).

Das medizinische Versorgungszentrum (MVZ), das als mögliche Praxisform seit 2004 existiert, definierte sich ursprünglich als „eine fachübergreifende (zahn)ärztlich geleitete Einrichtung, in denen Ärzte oder Zahnärzte als Angestellte oder Vertrags(zahn)ärzte tätig sind“ (BZÄK, 2011). Aufgrund des Merkmals „fachübergreifend“ war das MVZ bislang keine praktikable Praxisform für Zahnärzte. Im neuen GKV-Versorgungsstärkungsgesetz vom Juni 2015 ist nun diese Gründungsbarriere mit der Einführung des Begriffs „fachgruppengleich“ weggefallen.

Inwieweit diese neue Praxisform der MVZ den besonderen Bedingungen des zahnmedizinischen Versorgungsbereiches, den Bedürfnissen der Patienten und den beruflichen Entwicklungsvorstellungen der jungen nachrückenden Zahnärzte entspricht, wird sich erst noch zeigen müssen. Klar ist aber auch, dass die herkömmlichen Praxisformen, angereichert durch die Optionen der Filialpraxis, der Überörtlichkeit sowie der Anstellung, auch künftig viel Entwicklungspotential für den niederlassungswilligen Zahnarzt bieten.

Literatur:
Bundeszahnärztekammer (BZÄK): Formen zahnärztlicher Berufsausübung, Berlin, September 2011.
Kanzler, Reinhard: Serviceunternehmen Zahnarztpraxis, München/Wien/Baltimore 1997.
Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV): Jahrbuch 2014 – Statistische Basisdaten zur vertragszahnärztlichen Versorgung, Köln 2014.
Kayser, Gunter: Struktur und Entwicklung der Unternehmensgrößen in Deutschland, in: Greif, Siegfried; Laitko, Hubert; Parthey, Heinrich (Hrsg.): Wissenschaftsforschung, Jahrbuch 1996/1997, S. 189-201.
Klingenberger, David; Köhler, Bernd: Investitionen bei der zahnärztlichen Existenzgründung 2014 (InvestMonitor Zahnarztpraxis), IDZ Information 3/2015.
Klingenberger, David; Ostwald, Dennis A.; Daume, Paul; Petri, Michael; Micheelis, Wolfgang: Wachstums- und Beschäftigungseffekte der Mundgesundheitswirtschaft. Ergebnisse einer gesundheitsökonomischen Trendanalyse bis 2030. IDZ-Materialienreihe Band 33, Köln 2012.
Klingenberger, David; Sander, Thomas: Stellenwert des Sozialkapitals in Praxisbewertungsverfahren – Eine kritische Reflexion theoretischer Ansätze anhand empirischer Fallrekonstruktionen, IDZ-Information 1/14.