Eine spanische Zahnärztin erzählt

"Die Zahnbehandlung ist hier eine Verkaufsveranstaltung!"

Zahnärztin Paola Fraboulet Torres praktiziert in Valencia. Im Interview verrät sie, wie viel sie verdient und warum sich ein Friseursalon in Spanien kaum von einer Zahnarztpraxis unterscheidet.

In Deutschland folgt auf die Approbation eine zwei- bis vierjährige Ausbildungsassistenz. Erst nach erfolgreich bestandener Prüfung darf man GKV-Patienten behandeln. Wie ist das in Spanien?

Paolo Torres: Bei uns gibt es eine solche Ausbildung nicht. Man kann direkt nach dem Studium mit der Behandlung von Patienten beginnen. Theoretisch. Aber natürlich hat man noch sehr wenig Praxiserfahrung. Ich bin deshalb in eine ambulante Einrichtung auf Mallorca für Privatpatienten gegangen. Dort waren neben mir 18 weitere Zahnärzte und Zahnärztinnen angestellt. 

Aus welchem Grund haben Sie sich für ein privates Versorgungszentrum entschieden?

Die zahnärztliche Versorgung in Spanien wird nicht voll über die gesetzliche Krankenkasse abgedeckt. Nur die Kontrolluntersuchung und Extraktionen werden von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Alle weiteren Leistungen werden entweder nach der Behandlung beglichen oder über eine private Zusatzversicherung abgerechnet. 

Das heißt, eine simple Kariesbehandlung wird bereits nicht mehr von der gesetzlichen Kasse bezahlt?

So ist es. 

Und das Mittel der Wahl ist dann die Extraktion? 

Ich habe tatsächlich schon Patienten behandelt, die mich aufgefordert haben, den betroffenen Zahn bei Karies zu ziehen. Diese Methode kennt vor allem die ältere Generation vom Land. „Raus mit ihm“ heißt es dann. Zum einen, weil die Patienten Kosten sparen wollen, zum anderen, weil sie „modernen“ Methoden, wie zum Beispiel das Abtöten des Nervs, skeptisch gegenüberstehen.

Es gibt da diese Geschichte aus den 70-ern von einem Ehepaar aus meinem erweiterten Verwandtenkreis. Sie ging zum Dorfzahnarzt, weil sie ´mal wieder Zahnschmerzen hatte. Ihr reichte es, sie wollte, dass der Zahnarzt alle Zähne zog, damit Ruhe ist. Das hat der Zahnarzt dann auch getan. Und als bei ihr alle Zähne gezogen waren, forderte sie ihren Mann auf, der ein gesundes Gebiss hatte, dass er sich auch alle Zähne ziehen lässt. Also setzt auch er sich auf den Behandlungsstuhl und tut, was ihm seine Frau befiehlt. Sie waren damals beide noch keine 40 Jahre alt und tragen, jetzt über 80-jährig, bereits mehr als 40 Jahre lang ein Gebiss.  
Zum Glück passiert es heute nur noch sehr selten, dass mich Patienten auffordern, einen schmerzenden Zahn zu ziehen.

Wenn nur die Basisversorgung von der Kasse gezahlt wird, ist die Zahnbehandlung für viele Menschen in Spanien mit zum Teil erheblichen Kosten verbunden. Welche Möglichkeiten gibt es für sozial schwache Patienten? 

Damit auch ärmere Menschen sich die Zahnbehandlung leisten können, gibt es soziale Initiativen. Ehemalige Kommilitonen von mir haben in Valencia die Solidarische Zahnmedizin (Odontología Solidaria) gegründet, eine Einrichtung, in der Patienten eine möglichst ganzheitliche, zahnärztliche Versorgung in Anspruch nehmen können. Gearbeitet wird hier ehrenamtlich, die Materialien werden gespendet. Aber solche Initiativen sind keinesfalls flächendeckend in Spanien vorhanden. Sie sind eben Initiativen von sozial engagierten Kollegen. 

Wie ist die Niederlassung in Spanien geregelt? 

Ich kann nur für Valencia und für Mallorca sprechen, weil ich dort gearbeitet habe. Aus meiner Erfahrung heraus, wird die zahnärztliche Versorgung per Gesetz nicht als integrativer Bestandteil der Gesundheitsversorgung betrachtet. Es ist genauso leicht, eine Zahnarztpraxis zu eröffnen wie einen Friseursalon oder ein Nagelstudio. Das einzige, was man braucht, ist eine Person mit einer zahnärztlichen Approbation, die verantwortlich zeichnet.

Die Praxis auf Mallorca, in der ich nach meinem Studium gearbeitet habe, gehörte einem Polizisten. Seine Nichte war Zahnärztin und hat alle erforderlichen Papiere unterschrieben, aber er hat die wirtschaftlichen Entscheidungen getroffen. Es gibt große Praxisketten, wie zum Beispiel Vitaldent oder Unidental, die wie Franchise-Unternehmen geführt werden. Die erste zahnärztliche Behandlung  ist kostenfrei. Wenn die Patienten nach Hause gehen, haben sie aber alle erforderlichen Weiterbehandlungsverträge unterschrieben. Teilweise nehmen sie Kredite mit langen Laufzeiten für komplizierte Zahnbehandlungen auf. Die Zahnbehandlung ist hier keine ethische Angelegenheit mehr, sondern eine Verkaufsveranstaltung. Je mehr gemacht wird, desto besser. 

Sie führen selbst eine Praxis. Gibt es viele Patienten, die Sie nicht behandeln können, weil es für sie zu teuer ist?

Wenn jemand keine Möglichkeiten hat, eine Behandlung zu bezahlen, verweise ich auf die Odontología Solidaria. Wenn ein Besuch dort aus bestimmten Gründen nicht möglich ist, gebe ich einen Rabatt. Leider kann ich meine Patienten nicht kostenlos behandeln, ich muss ebenfalls Rechnungen bezahlen. Dennoch bin ich der Meinung, dass es bei unserem Beruf nicht darum geht, möglichst viele Implantate zu verkaufen, sondern den Patienten von einem Leiden zu befreien. Ein Komposit kostet bei mir 45 bis 60 Euro. Manche Patienten haben eine Zahnzusatzversicherung und trotzdem sehe ich dann, dass sie gemäß Tarif bei einer Füllung eine Zuzahlung leisten müssen, die über meinen Preisen liegt. Und das, obwohl sie bereits monatlich einen Beitrag in die Versicherung einzahlen. Da juckt es mich schon manchmal, den Preis für eine Füllung anzuheben. 

Sie sind Mutter von Zwillingen im Alter von sechs Jahren und Valencia liegt am Meer. Wie funktioniert die Work-Life-Balance in Spanien?

Wie wohl auch in Deutschland ist der Schritt in die Selbstständigkeit mit einer hohen finanziellen Belastung verbunden. Zu Beginn kann man noch nicht ausreichend Patienten in der eigenen Praxis behandeln, deshalb ist man in Spanien freiberuflich nebenher noch in anderen Praxen tätig. So sind die eigenen Patienten von Anfang an daran gewöhnt, dass die eigene Praxis an manchen Vor- oder Nachmittagen geschlossen ist.

Ich habe meine Praxis, damals zusammen mit einer Partnerin, gegründet, als ich noch nicht Mutter war und Vollzeit arbeiten konnte. Jetzt, wo sich die Praxis trägt und ich nicht mehr für andere Zahnärzte arbeiten muss, verbringe ich die freigewordenen Vor- und Nachmittage mit meinen Kindern. Ich arbeite circa 24 Stunden die Woche, die restliche Zeit bin ich zuhause. Das ist für mich ein großes Privileg. 

In Deutschland verdienen 55 Prozent der Zahnärzte zwischen 75.000 und 200.000 Euro brutto im Jahr. Wie sieht es in Spanien aus?

Mit meinen ehemaligen Kommilitonen spreche ich nicht über den Verdienst, deshalb sind meine Angaben nicht repräsentativ. Wenn ich nur mein eigenes Gehalt betrachte, dann sind es plus/minus 4.000 Euro brutto im Monat. Das heißt, ich habe einen Jahresverdienst von 48.000 Euro brutto bei 24 Stunden pro Woche. 

Auch Fortbildungen und Spezialisierungen verursachen Kosten. In Deutschland ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass Ärzte und Zahnärzte sich fortbilden.

Hier in Spanien ist das nicht so. Ich habe gehört, dass ein verpflichtendes Curriculum in Planung ist. Allerdings habe ich hier noch keine konkrete Info bekommen. 

Zum Schluss vielleicht noch ein Tipp an die deutschen Kollegen. Gibt es ein Praxisutensil, das sie uneingeschränkt empfehlen können? 

Ich schwöre auf den Sattelstuhl. Seit sechs Jahren benutze ich ihn und habe seitdem keine Rückenschmerzen mehr. 

Paola Fraboulet Torres, 41, hat an der staatlichen Universität de Valencia Zahnmedizin studiert und das Studium im Jahr 1998 abgeschlossen. Danach arbeitete sie in einer großen ambulanten Einrichtung auf Mallorca, ehe sie in Valencia eine eigene Praxis gründete. Sie besitzt neben ihrer zahnärztlichen Approbation (Licenciatura en Odontologìa) einen Master in Implantologie und Orale Rehabilitation (Implantologia y Rehabilitación Oral).

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