Gründung

Diese Patienten behandeln Sie im Jahr 2030

Wer wissen will, wie es im Jahr 2030 in vielen Zahnarztpraxen aussieht, kann schon heute in den Landkreis Suhl in Thüringen blicken: Hier ist der Altersdurchschnitt in Deutschland am höchsten. Dr. Karin Naumann hat sich dort niedergelassen.

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Schon mit 32 Jahren hat sie ihre eigene Praxis geführt: Dr. Karin Naumann aus Suhl in Thüringen. Katrin Zober

In Suhl sind die Einwohner durchschnittlich 50,2 Jahre alt - rund 6 Jahre älter als im Bundesdurchschnitt. Setzt sich der prognostizierte demografische Wandel fort, könnte es im Jahr 2030 in vielen Landstrichen so aussehen. Wie stellt man sich als Zahnarzt auf ältere Patienten ein? Dr. Karin Naumann, praktizierende Zahnärztin in Suhl, berichtet im Interview über ihre Erfahrungen. 

zm-online: Frau Dr. Naumann, grob geschätzt: Wie hoch ist der prozentuale Anteil von Patienten in Ihrer Praxis, die älter als 50 Jahre sind?

Dr. Karin Naumann: Ich hab´s ausgerechnet. 2016 waren circa 65 Prozent der Patienten im Jahrgang zwischen 60 und 79 Jahren. Ich war ein bisschen erschrocken, als ich gesehen habe, dass der Anteil der älteren Patienten so hoch ist. Es gibt zudem noch eine große Zahl an Patienten zwischen 30 und 40 Jahren. Die älteste Patientin ist 94 Jahre alt.

Wie kam es dazu, dass Sie Ihre Praxis in Suhl gegründet haben?

Ich habe 2005 mein Staatsexamen gemacht und 2006 hier bei meiner Vorgängerin und Mentorin meine Assistenzzeit begonnen. Ich stamme ursprünglich aus Suhl und bin der Liebe wegen wieder hierher gekommen. Das hat ganz gut gepasst. Meine Vorgängerin war damals in einem Alter, in dem sie sich um eine Nachfolgerin gekümmert hat. Ich habe dann von 2006 bis 2008 meine Assistenzzeit hier gemacht. Von 2008 bis 2010 hatten wir eine Berufsausübungsgemeinschaft und im Dezember 2010 musste ich die Praxis übernehmen, weil sie im November verstorben ist. Es ging alles ein bisschen schnell. Ich war zu diesem Zeitpunkt 32 Jahre alt. 

Sie haben die Praxis 2013 neu eingerichtet. Haben Sie speziell altersgerechte Infrastruktur berücksichtigt?

Ich habe darauf geachtet, dass es so barrierefrei wie möglich ist. Wir haben in der Praxis keine Türschwellen mehr, es ist alles ebenerdig. Der Vorteil ist, die Praxis liegt im Erdgeschoss. Ich habe nur zwei Stufen und für diese zwei Stufen gibt es eine Auffahrrampe. Patienten, die im Rollstuhl gebracht werden, was ja bei älteren Patienten auch häufiger der Fall ist, können sich so störungsfrei in der Praxis bewegen. Und wir haben einen Behandlungsstuhl mit einem abknickbaren Fußteil. Das heißt, die Patienten können sich drauf setzen wie auf einen normalen Stuhl. Sie müssen nicht die Beine hoch schwingen. Das fällt insbesondere älteren Patienten schwer. Durch die Anschaffung des digitalen Röntgens können die Patienten außerdem auf dem Behandlungsstuhl sitzen bleiben, was die älteren als sehr angenehm empfinden.

Mit welchen Symptomen kommen die älteren Patienten am häufigsten zu Ihnen?

Die Parodontitis ist ein Behandlungsschwerpunkt, aber zu mir kommen die Patienten eher, weil sie Probleme mit ihrem Zahnersatz haben. Schlecht sitzender Zahnersatz oder nicht mehr funktionierender Zahnersatz, das sind häufige Beschwerden. In zunehmendem Alter, gerade wenn die Hilfsbedürftigkeit einsetzt, ist die Mundhygiene nicht mehr so gegeben. Auch hier leisten wir Hilfestellung.

Mussten Sie sich als Zahnärztin für mehrheitlich ältere Patienten im eigenen Verhalten umstellen?

Ja, es gibt einen anderen Pflegebedarf. Wir haben Patienten, die kommen im Schnitt alle acht Wochen, um zu reinigen, weil dem Pflegepersonal Zuhause einfach die Zeit fehlt und es gehört immer noch nicht zum Standard in der ambulanten Pflege. Hierbei ist Fingerspitzengefühl ganz wichtig. Außerdem braucht man bei älteren Patienten viel Einfühlungsvermögen und Improvisationstalent.

Gerade bei der Patientengruppe 75 aufwärts, ist es für die Patienten ganz schwer, sich überhaupt an einen neuen Zahnersatz zu gewöhnen. Da muss man dann schauen, dass man den vorhandenen Zahnersatz so anpasst, dass die Patienten wieder damit zurechtkommen. Außerdem bieten wir unseren älteren Patienten auch die Möglichkeit des Hausbesuches an. So können wir viele Probleme wie eine Unterfütterung einer Prothese vor Ort bei den Patienten lösen, ohne dass sie den Weg in die Praxis gehen müssen.

Die Älteren sind zudem dankbar, wenn sie sich gut umsorgt und ehrlich betreut fühlen, wenn auch mal kleine Wehwehchen beachtet werden und sie nicht nur irgendein Patient von vielen sind. Sie freuen sich darüber, wenn man mal mit Ihnen ein Wort über die Zahnmedizin hinaus spricht, nach den Kindern oder Enkeln fragt. Auf Grund der geringen Fluktuation kenne ich meine Patienten schon sehr lange und damit auch Ihre Lebensgeschichten und Umstände, dies schafft eine gewisse persönliche Ebene, die mir meine Arbeit erleichtert und durch die ich auch in schwierigen Situationen Zugang zu meinen Patienten finde.

Haben Sie nach der Praxisübernahme spezielle Marketingmaßnahmen ergriffen? Einen Facebook-Account haben Sie zum Beispiel nicht.

Das ist richtig. Ich bin kein Freund von  Facebook. Ich sage immer: Meine beste Werbung sind meine eigenen Patienten. Es gibt eine Website für die jüngeren Patienten, wo online Anfragen gestellt werden können. Das reicht, was die Online-Präsenz angeht, in unserer Region aus.

Neue Patienten kommen auf Empfehlung von Bekannten, Verwandten und Freunden?

Genau so ist es. Man kann sagen zu 95 Prozent kommen sie auf Empfehlung. Oder wenn Kollegen aufhören, was bei uns auch vorkommt. Die Altersstruktur der Kollegen hier liegt im Durchschnitt bei circa 50 – 55 Jahren. Wenn eine Praxis schließt, dann suchen sich die Patienten einen Zahnarzt, der der jüngeren Generation angehört.

Es gibt bei Ihnen täglich eine Schmerzsprechstunde von 9:30 Uhr bis 10:00 Uhr. Hier kann man ohne Termin in die Praxis kommen. Ist dies ein Zugeständnis an ältere Patienten?

Die Schmerzsprechstunde haben wir eingerichtet, um die Patienten mit Termin nicht warten lassen zu müssen und den Tagesablauf planbar zu machen. Bei mir warten Patienten maximal zehn Minuten. Es gibt aber auch längere „Reparaturzeiten“, die wir extra für ältere Patienten eingerichtet haben, zum Beispiel, um Prothesen wieder in Stand zu setzen.

Für alle diejenigen Zahnärzte, die ebenfalls eine Praxis gründen möchten, welche Tipps würden Sie geben? Welche Kompetenz muss man mitbringen?

Viel Engagement, Enthusiasmus und Idealismus. Die Politik tut gerade nicht sehr viel dafür, dass sich junge Kollegen niederlassen. Es zeichnet sich ab, dass junge Kollegen eher in ein Anstellungsverhältnis gehen als sich selber niederzulassen. Wenn sie über eine Niederlassung nachdenken, dann sind die Großstädte die Favoriten. Die ländliche Gegend und Kleinstädte sind da eher unattraktiv. Hier bin ich der Meinung, dass die Politik mehr gefordert ist, um entsprechende Anreize zu schaffen. Die Verantwortung, die man mit einer niedergelassenen Praxis trägt, ist sehr groß. Man muss davon überzeugt sein, dass die Einzelpraxis die Form ist, die für einen gut ist und dann kann man mit der entsprechenden Unterstützung loslegen.

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