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Hinter Gittern - Zahnmedizin im Strafvollzug

ZFA Tanja Küstner und Zahnarzt Ulrich Lohr: Die größte Herausforderung ist das flexible Arbeiten. Sonja Schultz
Der Behandlungsraum: Das Hauptproblem sind die Folgen von Karies. Lohr sagt: "Wenn man sich die Befunde ansieht, kann man bei den wenigsten Patienten sagen: Das ist ein ordentlich gepflegtes Gebiss." Sonja Schultz
Die JVA Heidering von außen: Durch die ländliche Lage zwischen viel Grün und sich langsam drehenden Windrädern wirkt die Anstalt auf den ersten Blick fast idyllisch. Sonja Schultz
Besucher-, Andachts-, Fitnessraum und Bibliothek. m-zm-jva_heidering

"Was im Gefängnis die Regel ist, ist außerhalb die Ausnahme und umgekehrt."

Zu Ulrich Lohrs Patienten innerhalb der JVAs zählen gegenwärtig männliche Jugendliche von etwa 15 bis 26 Jahren mit all ihren altersspezifischen Problemen und Inhaftierte des Erwachsenenvollzugs bis ins Rentenalter hinein. Das zahnärztliche Behandlungsspektrum ist dabei relativ breit gefächert: „Was im Gefängnis die Regel ist, ist außerhalb die Ausnahme und umgekehrt. In der JVA gehen wir, gerade mit der konservierenden Behandlung, in Grenzbereiche, um Zähne zu erhalten und dem Patienten wieder eine Kaufunktion herzustellen.“ 

Die größte Herausforderung für Lohr und seine zahnmedizinischen Fachangestellten, Tanja Küstner und Lynn Gerlach, ist das flexible Arbeiten: Der Zahnarzt und die ZFAs müssen in der Lage sein, auf der Stelle auf spezielle Behandlungsproblematiken zu reagieren. In einer herkömmlichen Praxis werden komplexe Therapien längerfristig geplant und terminiert.

Klischee und doch die Ausnahme: Kugel im Kiefer

Dies ist bei den inhaftierten Patienten nur eingeschränkt möglich: „Im Gegensatz zur niedergelassenen Praxis  kann man im Justizvollzug nur sehr begrenzt planen und muss auch schwierige Behandlungen wie endodontische und chirurgische Eingriffe sofort vornehmen.“ Einmal musste der Zahnarzt einem Patienten sogar eine Luftgewehrkugel operativ aus dem Kiefer entfernen - dieser Eingriff blieb aber der einzige seiner Art. 

Ein großes Problem stellt die Behandlung von Parodontalerkrankungen infolge ungenügender Mundpflege dar. Denn diese hat bei den Insassen des Strafvollzugs meist nicht gerade Priorität. Viele greifen erst zum Vormeldeformular für den Zahnarztbesuch, wenn sie akut Schmerzen haben: „Mehr als 50 Prozent sind reine Schmerzpatienten. Wenn man sich die Befunde ansieht, kann man bei den wenigsten Patienten sagen: Das ist ein ordentlich gepflegtes Gebiss.“

Hauptproblem: unbehandelte Karies

Das Hauptproblem sind die Folgen von Karies, die aus verschiedenen Gründen über längere Zeit nicht behandelt wurden, frühzeitige unbehandelte Zahnverluste, chronische Zahnfleischentzündungen und Angstpatienten, die erst ein Vertrauensverhältnis aufbauen müssen. Viele Patienten waren über längere Zeit nicht krankenversichert oder kommen aus Ländern mit einer schlechten zahnmedizinischen Versorgung. Das führt zu einem hohen Behandlungsbedarf, besonders auf chirurgischem und prothetischem Gebiet.

Für den Anstaltszahnarzt steht die Schmerzbehandlung im Vordergrund: „Die kariesbedingten Zahndefekte sind größer als im Normalfall, die Konsequenz ist in vielen Fällen eine Wurzelkanalbehandlung mit anschließender Füllungstherapie.“ Dabei ist der Wunsch nach Lokalanästhesie bei den Patienten in der JVA generell groß. Häufig haben sie einen Drogenentzug hinter sich und dementsprechend ein erhöhtes Schmerzempfinden als in der Suchtphase.

Die Haftzeit hinterlässt auch psychosomatische Spuren: „Knirschen und Pressen kommt zum Beispiel bei Jugendlichen sehr oft vor. Die Folgen sind Zahnfleischentzündungen und zum Teil Zahnlockerungen. Wir motivieren die Patienten zu einer besseren Mundpflege und helfen ihnen durch eine gezielte Schienentherapie.“

Die Regelversorgung übernimmt der Staat

Neben der konservierenden, endodontischen und chirurgischen Zahnbehandlung gewährleistet Zahnarzt Lohr auch die prothetische Versorgung. Nach der Regelversorgung der GKV wird sowohl herausnehmbarer als auch festsitzender Zahnersatz angefertigt. Die Senatsverwaltung für Justiz trägt dabei die Kosten der gesamten Zahnbehandlung im Rahmen der Regelversorgung zu 100 Prozent. Beim Zahnersatz übernimmt sie grundsätzlich 60 Prozent. Anders als in niedergelassenen Praxisbetrieben üblich, gibt es aufgrund des häufig schlechten Zahnzustandes der Inhaftierten keine Budgetierung bei der konservierenden Behandlung.

Nach Möglichkeit führt Ulrich Lohr alle erforderlichen Arbeiten innerhalb der JVA aus, auch schwierige chirurgisch-operative Eingriffe. Denn Patienten extra für eine Operation auszuführen, ist sicherheitstechnisch sehr aufwendig. Manchmal lässt es sich dennoch nicht vermeiden, etwa bei einem Kieferbruch. 

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