Gründung

Hinter Gittern - Zahnmedizin im Strafvollzug

Seit über 30 Jahren versorgt Zahnarzt Ulrich Lohr Gefangene in Justizvollzugsanstalten. "Jeder hat den gleichen Anspruch auf Behandlung", sagt der Zahnmediziner.

ZFA Tanja Küstner und Zahnarzt Ulrich Lohr: Die größte Herausforderung ist das flexible Arbeiten. Sonja Schultz
Der Behandlungsraum: Das Hauptproblem sind die Folgen von Karies. Lohr sagt: "Wenn man sich die Befunde ansieht, kann man bei den wenigsten Patienten sagen: Das ist ein ordentlich gepflegtes Gebiss." Sonja Schultz
Die JVA Heidering von außen: Durch die ländliche Lage zwischen viel Grün und sich langsam drehenden Windrädern wirkt die Anstalt auf den ersten Blick fast idyllisch. Sonja Schultz
Besucher-, Andachts-, Fitnessraum und Bibliothek. m-zm-jva_heidering

Wie viele Schlösser Ulrich Lohr auf dem Weg zur Arbeit auf- und hinter sich wieder zusperren muss, hat er nicht gezählt. Es sind viele. Zwei- bis dreimal die Woche praktiziert er in der Justizvollzugsanstalt Heidering, die derzeit als modernste Haftanstalt Europas gilt.

Hinter den Horizont geht's nur im Kreis

Der 2013 eröffnete Gebäudekomplex bei Großbeeren in Brandenburg hat ungefähr 600 Haftplätze und ist fast voll belegt. Durch die ländliche Lage zwischen viel Grün und sich langsam drehenden Windrädern wirkt die Anstalt auf den ersten Blick fast idyllisch. Vor dem Eingang kreist eine meterhohe Skulptur um die eigene Achse: „Hinterm Horizont“ heißt das Kunstprojekt mit der goldenen Figur, die durch ein Fernglas ins Weite schaut. Dahinter allerdings beginnt der mehrreihige Metallzaun mit der Stacheldrahtkrone.

Über eine lange, glasumbaute Magistrale, die den Blick auf die Innenhöfe und die Arbeitsbetriebe freigibt, erreicht Ulrich Lohr nach dem Passieren vieler Türen die Arztgeschäftsstelle der JVA. Hier werden die Inhaftierten von verschiedenen Fachärzten medizinisch versorgt. Und hier befindet sich auch der zahnmedizinische Behandlungsraum.

Die Praxis innerhalb der JVA Heidering hat einen speziellen Vorteil: Sie wird regelmäßig modernisiert. Allgemein sind die Behandlungseinheiten in den Berliner Justizvollzugsanstalten nicht viel älter als sechs Jahre. Zur Ausstattung in Heidering gehören ein digitales Röntgengerät und eine intraorale Kamera. Das gesamte Instrumentarium wird vom Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) zertifiziert aufbereitet. Zusätzlich gibt es am Behandlungsplatz Geräte, um die Turbinen, die Hand- und Winkelstücke selbst aufzubereiten. 

Wegen der Chirurgie im Knast

Ulrich Lohr ist einer von sechs Zahnärzten, die die Insassen der verschiedenen Berliner Justizvollzugsanstalten zahnmedizinisch versorgen. Seit 1984 praktiziert er in diversen JVAs - den Beginn machte damals eine Frauenhaftanstalt. Nach seiner Approbation war der Zahnarzt besonders daran interessiert, seine chirurgischen Kenntnisse zu erweitern. Ein Oberarzt riet ihm: Bei den zahnärztlichen Behandlungen im Justizvollzug ist der Bereich der Chirurgie besonders wichtig. „Daher habe ich mich schon während meiner Assistententätigkeit in einer niedergelassenen Praxis bei der Justiz beworben.“

Zurzeit betreut Lohr drei JVAs: die Jugendstrafanstalt Berlin (JSA), die JVA Heidering und eine Teilanstalt der JVA Plötzensee. Zusätzlich arbeitet er seit 1989 als niedergelassener Kassenzahnarzt in seiner eigenen Praxis. Dorthin werden teilweise auch Patienten des Offenen Vollzuges Berlin überwiesen, wenn eine Zahnbehandlung nötig ist.

"Was im Gefängnis die Regel ist, ist außerhalb die Ausnahme und umgekehrt."

Zu Ulrich Lohrs Patienten innerhalb der JVAs zählen gegenwärtig männliche Jugendliche von etwa 15 bis 26 Jahren mit all ihren altersspezifischen Problemen und Inhaftierte des Erwachsenenvollzugs bis ins Rentenalter hinein. Das zahnärztliche Behandlungsspektrum ist dabei relativ breit gefächert: „Was im Gefängnis die Regel ist, ist außerhalb die Ausnahme und umgekehrt. In der JVA gehen wir, gerade mit der konservierenden Behandlung, in Grenzbereiche, um Zähne zu erhalten und dem Patienten wieder eine Kaufunktion herzustellen.“ 

Die größte Herausforderung für Lohr und seine zahnmedizinischen Fachangestellten, Tanja Küstner und Lynn Gerlach, ist das flexible Arbeiten: Der Zahnarzt und die ZFAs müssen in der Lage sein, auf der Stelle auf spezielle Behandlungsproblematiken zu reagieren. In einer herkömmlichen Praxis werden komplexe Therapien längerfristig geplant und terminiert.

Klischee und doch die Ausnahme: Kugel im Kiefer

Dies ist bei den inhaftierten Patienten nur eingeschränkt möglich: „Im Gegensatz zur niedergelassenen Praxis  kann man im Justizvollzug nur sehr begrenzt planen und muss auch schwierige Behandlungen wie endodontische und chirurgische Eingriffe sofort vornehmen.“ Einmal musste der Zahnarzt einem Patienten sogar eine Luftgewehrkugel operativ aus dem Kiefer entfernen - dieser Eingriff blieb aber der einzige seiner Art. 

Ein großes Problem stellt die Behandlung von Parodontalerkrankungen infolge ungenügender Mundpflege dar. Denn diese hat bei den Insassen des Strafvollzugs meist nicht gerade Priorität. Viele greifen erst zum Vormeldeformular für den Zahnarztbesuch, wenn sie akut Schmerzen haben: „Mehr als 50 Prozent sind reine Schmerzpatienten. Wenn man sich die Befunde ansieht, kann man bei den wenigsten Patienten sagen: Das ist ein ordentlich gepflegtes Gebiss.“

Hauptproblem: unbehandelte Karies

Das Hauptproblem sind die Folgen von Karies, die aus verschiedenen Gründen über längere Zeit nicht behandelt wurden, frühzeitige unbehandelte Zahnverluste, chronische Zahnfleischentzündungen und Angstpatienten, die erst ein Vertrauensverhältnis aufbauen müssen. Viele Patienten waren über längere Zeit nicht krankenversichert oder kommen aus Ländern mit einer schlechten zahnmedizinischen Versorgung. Das führt zu einem hohen Behandlungsbedarf, besonders auf chirurgischem und prothetischem Gebiet.

Für den Anstaltszahnarzt steht die Schmerzbehandlung im Vordergrund: „Die kariesbedingten Zahndefekte sind größer als im Normalfall, die Konsequenz ist in vielen Fällen eine Wurzelkanalbehandlung mit anschließender Füllungstherapie.“ Dabei ist der Wunsch nach Lokalanästhesie bei den Patienten in der JVA generell groß. Häufig haben sie einen Drogenentzug hinter sich und dementsprechend ein erhöhtes Schmerzempfinden als in der Suchtphase.

Die Haftzeit hinterlässt auch psychosomatische Spuren: „Knirschen und Pressen kommt zum Beispiel bei Jugendlichen sehr oft vor. Die Folgen sind Zahnfleischentzündungen und zum Teil Zahnlockerungen. Wir motivieren die Patienten zu einer besseren Mundpflege und helfen ihnen durch eine gezielte Schienentherapie.“

Die Regelversorgung übernimmt der Staat

Neben der konservierenden, endodontischen und chirurgischen Zahnbehandlung gewährleistet Zahnarzt Lohr auch die prothetische Versorgung. Nach der Regelversorgung der GKV wird sowohl herausnehmbarer als auch festsitzender Zahnersatz angefertigt. Die Senatsverwaltung für Justiz trägt dabei die Kosten der gesamten Zahnbehandlung im Rahmen der Regelversorgung zu 100 Prozent. Beim Zahnersatz übernimmt sie grundsätzlich 60 Prozent. Anders als in niedergelassenen Praxisbetrieben üblich, gibt es aufgrund des häufig schlechten Zahnzustandes der Inhaftierten keine Budgetierung bei der konservierenden Behandlung.

Nach Möglichkeit führt Ulrich Lohr alle erforderlichen Arbeiten innerhalb der JVA aus, auch schwierige chirurgisch-operative Eingriffe. Denn Patienten extra für eine Operation auszuführen, ist sicherheitstechnisch sehr aufwendig. Manchmal lässt es sich dennoch nicht vermeiden, etwa bei einem Kieferbruch. 

Ein Vielleicht funktioniert nicht

Selbst bedroht hat sich der Zahnmediziner in den Haftanstalten noch nie gefühlt - auch wenn das Aggressionspotenzial generell sehr hoch ist, besonders im Jugendstrafvollzug. Wichtig sei, immer konsequent und geradeheraus aufzutreten: „Ich muss klar Ja oder Nein sagen, ein Vielleicht funktioniert nicht.“ Je schwieriger und aggressiver der Patient ist, desto ruhiger und beruhigender müssen der Zahnarzt und seine zahnmedizinische Assistentin wirken. Zum Teil ist das - auch durch die Vielzahl der nicht deutsch-sprechenden Inhaftierten - nicht immer leicht. 

Probleme, eine Assistenz für den Einsatz in der JVA zu finden, hatte der Zahnarzt übrigens nicht. Tanja Küstner ist seit einem Jahr dabei und immer noch sehr glücklich mit ihrer Wahl. Die Patienten, die sie telefonisch zum Termin bestellt, werden von Mitarbeitern der JVA in den Warteraum begleitet. Der Betriebsablauf stockt nur, wenn gezählt wird oder, in seltenen Fällen, der Alarm schrillt. Auch Lynn Gerlach, die ebenfalls mit Zahnarzt Lohr in diversen JVAs tätig ist, gefallen die Herausforderungen ihres Arbeitsplatzes. 

HIV und Hepatitis geben die Regeln vor

Noch eine Eigenheit zeichnet die Arbeit im Gefängnis aus: Durch vormaligen Drogenkonsum ist der Anteil von Patienten mit HIV und Hepatitis sehr hoch. „Deshalb gibt es in der Zusammenarbeit zwischen mir und meiner Assistentin klare Regeln, wer was macht“, schildert Zahnarzt Lohr die Zusammenarbeit.

„Das in niedergelassenen Praxen übliche Anreichen von Instrumenten findet nicht statt. Die Verletzungsgefahr ist einfach zu groß. Wir verwenden generell Einmalspritzen, die nehme nur ich und entsorge sie direkt. Selbst Wurzelkanalinstrumente werden als Einweginstrumente genutzt und nicht wieder aufbereitet. In problematischen Fällen verwenden wir Einmalturbinen.“ 

Ulrich Lohr gefällt der ständige Wechsel zwischen der eigenen Niederlassung und den JVA-Besuchen. Das Praktizieren an verschiedenen Behandlungsstandorten mit sehr unterschiedlichen Patienten empfindet er nicht als Belastung, sondern als Bereicherung. Auf dem Behandlungsstuhl ist für den Zahnarzt dabei jeder Patient gleich: „Es geht um das, was im Mund ist.“
 
 

 

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