Praxisgründung

„Von meiner Ursprungsidee musste ich mich fast komplett lösen“

2011 schien Simon Lehners Weg vorgezeichnet: Facharztausbildung zum Oralchirurgen, anschließend Übernahme der väterlichen Praxis. Dann stellt eine schwerwiegende Diagnose seine Pläne auf den Kopf.

Oralchirurg Simon Lehner in seiner Praxis: Bei der technischen Ausstattung hat er sich für zwei Behandlungseinheiten entschieden, die ein Operieren im Stehen zulassen. Lehner

Herr Lehner, Ihre Gründungsgeschichte ist maßgeblich geprägt von einem Schicksalsschlag. Wie kam es dazu?

Simon Lehner: Mein Vater, Dr. Hans R. Lehner, hatte seit 1981 eine Praxis in Ravensburg. Geplant war mein Einstieg nach der Facharztausbildung zum Oralchirurgen. Nach geeigneten neuen Räumlichkeiten wurde bereits gesucht. Mein Vater wollte langsam aussteigen und sich dann ganz auf seine Tätigkeit als prothetischer Gerichtsgutachter der KZV Tübingen konzentrieren. 2011 änderte die – unerwartete – Botschaft, dass er unheilbar erkrankt sei und nur noch eine Lebenserwartung von sechs Monaten habe, alles. 

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine Ausbildung zum Fachzahnarzt für Oralchirurgie noch nicht abgeschlossen. Aber plötzlich waren alle Pläne hinfällig. Wir entschieden gemeinsam, dass es sinnvoller wäre, meine Facharztausbildung zu beenden und nicht aus emotionalen Gründen die Ausbildung abzubrechen und ohne Facharzt die Praxis weiterzuführen. Die Chirurgie war immer mein Traum gewesen, daher fiel die Entscheidung letztlich zugunsten der Beendigung der Facharztausbildung aus.

Der Blick ins Wartezimmer: Die Praxis ist klar strukturiert, weiß, zeitlos und von Kunst inspiriert. Lehner hat verschiedenen Künstlern Raum gegeben, sich in seiner Praxis zu präsentieren. | Lehner

Was geschah mit der Praxis Ihres Vaters?

Mein Vater verkaufte den Patientenstamm an einen Kollegen. Die Räumlichkeiten wurden gekündigt und die Praxis aufgelöst.

Inwieweit hat sich Ihre Gründungsplanung dadurch verändert?

Als mein Vater die Diagnose bekam, war ich im zweiten Weiterbildungsjahr in Falkensee bei Berlin angestellt. Durch einen glücklichen Zufall erreichte mich in dieser schwierigen Zeit der Anruf des Belegarztes für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Oberschwabenklinik Ravensburg: Er fragte, ob ich mein drittes klinisches Jahr bei ihm absolvieren möchte. Das hat mein Vater glücklicherweise noch mitbekommen und ihn sehr gefreut. Danach hat sich bei mir der Gedanke gefestigt, eine eigene Praxis führen zu wollen.

Warum haben Sie sich am Ende für die Neugründung einer Einzelpraxis entschieden?

Nach der ersten Planänderung wollte ich eigentlich eine Praxis in unmittelbarer Nähe der alten Praxis meines Vaters übernehmen, was dann aber unerwartet nicht zustande kam. Damit stand für mich der Entschluss fest, mich von niemanden mehr abhängig zu machen und eine Neugründung zu wagen.

Welche Kriterien waren für Sie bei der Standortwahl wichtig?

Interessant war ein Neubau, der sich in unmittelbarer Nähe der väterlichen Praxis befand. Die Infrastruktur ist optimal, und der Standort befindet sich in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt. Die Erreichbarkeit war somit zu Fuß, mit öffentlichen Verkehrsmitteln und durch Patientenparkplätze optimal gewährleistet.

Was waren die größten Herausforderungen bei der Gestaltung der Praxis?

Die Praxis war mit Pluradent bei 250 Quadratmetern auf zwei Behandler ausgelegt worden, dieses Konzept musste nach gescheiterten Verhandlungen komplett neu überdacht werden. Letztlich wurde daraus eine Einzelpraxis mit 171 Quadratmetern. Wir haben optimal effiziente Arbeitswege gesucht und beschlossen, dass die Praxis aus drei Behandlungszimmern besteht – da nicht vorherzusehen war, ob die Praxis rein zahnärztlich oder auch als Überweiserpraxis funktionieren würde. Daher habe ich mich entschieden, vorerst zwei Zimmer mit zahnärztlichen Behandlungseinheiten auszustatten, die auch Operationen zulassen. Im Laufe der Zeit kristallisierte sich heraus, dass die zahnärztliche Tätigkeit deutlich in den Hintergrund und die oralchirurgische Tätigkeit immer mehr in den Vordergrund rückte. Darum haben ich nochmals nachfinanziert und einen operativen Eingriffsraum bereits nach drei Jahren – und nicht wie geplant erst nach fünf Jahren – eingerichtet.

State of the Art oder Sparversion – wie haben Sie Ihre technische Start-Ausrüstung dimensioniert?

Bei der technischen Ausstattung habe ich mich für zwei Behandlungseinheiten der Firma KaVo entschieden, die ein Operieren im Stehen zulassen. Da zu diesem Zeitpunkt bereits Vollnarkosen geplant waren, war dies für mich eine gute Entscheidung.

Wie wichtig war bei den Entscheidungen für Sie Hilfe von außen? Wo haben Sie Know-how eingekauft, wo selbstständig geplant?

Die Praxisklinik habe ich von Anfang an mit Pluradent geplant, sei es der Grundriss oder die Einrichtung. Ein meiner Meinung nach weit unterschätzter Punkt ist die Zusammenarbeit mit dem Steuerberater. Die finanziellen Aspekte einer Gründung werden während des Studiums in keiner Weise berücksichtigt, sind aber ein wichtiger Punkt, um einen solchen Schritt zu wagen. Eine klare Absprache mit einem fachfremden Berufszweig halte ich darum für äußerst wichtig, auch im Hinblick auf die Altersvorsorge. Dass diese Zusammenarbeit so immens wichtig ist, war mir am Anfang meiner Existenzgründung absolut nicht klar. Da mussten Themen besprochen werden, in denen ich als Existenzgründer und Zahnarzt keinerlei Erfahrung hatte. So mussten ein Businessplan aufgestellt, die Altersvorsorge geplant und finanzielle Aspekte abgewogen werden.

Mein eigenes Interesse war, die Praxis für die Patienten angenehm zu gestalten, und ihnen die „Angst vor dem Zahnarzt“ zu nehmen. Meine Praxis sollte klar strukturiert, weiß, zeitlos und von Kunst inspiriert sein. Im Wartezimmer bieten wir den Patienten kostenfreies WLAN und ein ausgewogenes Zeitschriftensortiment. Des Weiteren fand ich es wichtig, meine Praxis schlicht und funktionell zu gestalten. Beispielsweise habe ich zusammen mit der Innenarchitektin im Bereich der Rezeption durch eine funktionelle und ausgeklügelte Schrank-Kombination in schlichtem und unaufdringlichem Weiß einen weiteren Arbeitsbereich erschaffen können, wo sich jetzt das Back-Office befindet, das vom Patienten an der Rezeption nicht einsehbar ist.

Mein spezielles Augenmerk lag darauf, auch zeitgenössischer Kunst einen Raum zu geben. Mein Interesse für Kunst habe ich meinem Vater zu verdanken. Dies habe ich nun versucht, auch in mein Praxiskonzept einfließen zu lassen, um eine harmonische Atmosphäre zu schaffen. Darum gab ich Künstlern wie Prof. Simon Gallus, Robert Schad, Willi Siber, Gerald Fritsche, Günther Uecker, Stefan Oberhofer und Ottmar Hörl die Möglichkeit, sich in meiner Praxis zu präsentieren.

Wir viel ist von Ihrer ursprünglichen Vision übriggblieben?

Von meiner ursprünglichen Planung musste ich mich wegen des Schicksalsschlags zu 100 Prozent lösen und habe einen kompletten Neustart gewagt.

Wie verlief Ihr Praxisstart und wie haben Sie Ihren Patientenstamm aufgebaut?

Der Praxisstart gestaltete sich – wie zu erwarten – anfangs schwierig. Aber durch Kontakte zu zahnärztlichen Kollegen, durch einen großen Bekanntenkreis in Ravensburg, durch dezente Werbung und nicht zuletzt durch positive Mundpropaganda hat sich mein Patientenstamm kontinuierlich erweitert.

Wie lautet Ihr Fazit? Gibt es etwas, was Sie mit der Erfahrung von knapp vier Jahren in eigener Praxis heute noch besser machen könnten?

Jederzeit würde ich eine Praxisgründung genauso wieder durchführen. Auch nach dieser schwierigen Zeit würde ich allen Kolleginnen und Kollegen zu diesem Schritt raten, da es absolut machbar ist. Man braucht nur die richtigen Partner an der Seite – und etwas Mut.

Die Fragen stellte Marius Gießmann.

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