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Warum die Freiberuflichkeit frei macht

FVDZ-Chefin Dr. Kerstin Blaschke: "Für eine qualitativ hochwertige und individuelle Versorgung brauchen wir freie Praxen." FVDZ

"Aber Frauen fanden damals nicht statt. "

Frauen können sich oftmals nicht aktiv in die Berufspolitik einbringen, weil sie dafür neben Beruf und Familie keine Kapazitäten haben. Da die Zahnmedizin zunehmend weiblicher wird, könnte das zum Problem werden - etwa wenn es darum geht, für grundlegende und übergeordnete Anliegen des Berufsstandes wie die Freiberuflichkeit einzutreten. Wie ist Ihre Erfahrung aus der Verbandsarbeit?

Bereits vor zehn Jahren habe ich den Berufsstand darauf aufmerksam gemacht, dass mehr Frauen Zahnmedizin studieren - und die Berufspolitik dies nicht ignorieren darf. Aber Frauen fanden damals nicht statt. Ich bin die erste Frau im FVDZ, die an der Spitze steht. Was mir aufgefallen ist, dass sich Frauen bis vor einigen Jahren, anders als ihre männlichen Kollegen, keine Netzwerke aufgebaut haben. Das ist inzwischen anders. Aus diesem Grund gibt es unser Netzwerk: ZoRA - Zahnärztinnen organisieren Recht und Arbeit. Damit haben wir eine Plattform geschaffen, eine Struktur, über die sich Frauen in die Verbandspolitik einbringen können.

Sie dürfen eines dabei ja nicht vergessen: Wir machen das alles ehrenamtlich, im Dreieck zwischen Praxis, Familie und Freizeit. Und wenn ich mich schon in der Verbandswelt engagieren will, dann will ich nicht erst die Ochsentour machen und mir dadurch die Freude an meinem Engagement für ein Projekt nehmen lassen. Frauen, das muss ich hier auch einmal sagen, kommunizieren nicht nur anders als Männer, sie arbeiten auch viel lieber an einzelnen Projekten.

Oft sind sich die jungen Zahnärzte gar nicht darüber im Klaren, was sich hinter dem Begriff der Freiberuflichkeit verbirgt, und was in juristischer und betriebswirtschaftlicher Hinsicht auf sie zukommt, wenn sie eine Praxis gründen oder übernehmen. Greift die Berufskunde an den Hochschulen zu kurz?

Freiberuflichkeit bedeutet wirtschaftliche Chancen und Risiken. Die Berufskunde sollte deshalb ein ganz wesentliches Element des Studiums sein, leider ist sie oftmals eine reine Pflichtveranstaltung. Zudem ist das Niveau an den einzelnen Hochschulen sehr unterschiedlich. Die Berufskunde wird im Idealfall von den drei Säulen getragen: Kammern, KZVen und FVDZ. Wir können nicht nur die Universitäten kritisieren, wir müssen auch selbstkritisch sein: Die Berufskunde ist eine Aufgabe, an der wir dringend arbeiten müssen.

In anderen Mitgliedstaaten Europas gelten Praxen – im Gegensatz zu Deutschland – als normale Unternehmen. Die Europäische Kommission will den Dienstleistungsbereich deregulieren und strebt eine Harmonisierung an. Dadurch gerät die Freiberuflichkeit unter Druck.

Auf europäischer Ebene existiert bereits die Charta der Freien Berufe, die die deutschen Zahnärzte maßgeblich mitgestaltet haben. Der Einfluss der EU auf die Gesundheitssysteme der Mitgliedstaaten ist begrenzt. Rein formal ist festgelegt, dass die Mitgliedsländer für ihre medizinische Versorgung selbst verantwortlich sind. Das ist auch gut und sollte so bleiben. Mit der Berufsanerkennungsrichtlinie nimmt die EU großen Einfluss – auch auf das deutsche Gesundheitssystem.

Gleiches gilt für die Medizinprodukterichtlinie. Hier haben wir im Grunde genommen eine Harmonisierung durch die Hintertür. Aufpassen müssen wir allerdings, wenn mehr EU-weite Freiheiten unsere Freiberuflichkeit in Gefahr bringen, die ja so in vielen Ländern gar nicht bekannt ist. Es darf keine Verwässerung der deutschen Ausbildungsstandards geben. Bei einer Ausrichtung an einem niedrigeren Niveau werden wir uns quer stellen. Wenn eine Angleichung der Systeme gewollt ist, dann eine an die hohen Standards in Deutschland.

Auch das TTIP-Abkommen könnte eine Gefahr für die in Deutschland praktizierte Form der Freiberuflichkeit von Zahnärzten und Ärzten darstellen. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Seitdem das Freihandelsabkommen TTIP in die Diskussion um die Gesundheitspolitik einbezogen wird, sind wir sehr hellhörig. Noch wissen wir nicht, ob auch die medizinische Versorgung verhandelt werden soll, aber es gibt entsprechende Hinweise. Und viele Reglementierungen aus Brüssel kommen durch die Seitentür namens Wirtschaftspolitik, wie auch beim geplanten Freihandelsabkommen. Im Endeffekt dreht sich vieles um den Faktor Geld. Wenn Praxisübernahmen im großen Stil durch TTIP ermöglicht werden – und dadurch ausländische Kapitalgesellschaften auf den lukrativen deutschen Gesundheitsmarkt streben, dann droht unseren freiberuflichen Praxen und ihrer Eigenständigkeit eine existenzielle Gefahr.

Die Fragen stellte Hanna Hergt, Volkswirtin und Fachautorin.
 

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