Arbeit

2,50 Dollar pro Behandlung

Zahnarzt Dr. Gerhard Stürmer-Schwichtenberg aus Osnabrück behandelte im August eine Woche lang in einer Caritas-Klinik in Haiti. Ohne Behandlungseinheit und Bohrer. Was er in dem Land erlebte, berichtet er hier.

privat

Leogane, eine Stadt mit etwa 200.000 Einwohnern wurde bei dem verheerenden Erdbeben im Januar 2010 zu etwa 80 Prozent zerstört. Die Wiederaufbauarbeiten sind auch jetzt noch überall im Gang. Alle Straßen sind von Sand- und Kiesbergen gesäumt.

Die Klinik: von der Caritas-Hilfe zur Führung in Eigenregie

Die Caritas unterhält in einem Ortsteil von Leogane eine Klinik, die sie kurz nach dem Erdbeben errichtet hat. Jetzt - vier Jahre später - soll die Klinik in Eigenregie ohne finanzielle Hilfe der Caritas weitergeführt werden, was derzeit große Probleme verursacht.

Die Klinik ist ein zweistöckiges Gebäude mit Aufnahmebereich, Apotheke und lediglich zwei ärztlichen Behandlungsräumen. In einem zweiten Gebäude dahinter liegt die Verwaltung. Dort befindet sich in der ersten Etage auch ein zahnärztlicher Behandlungsbereich, der aus einem Behandlungsraum mit Untersuchungsliege, Schreibtisch, Abstelltisch, zwei Stühlen und zwei Ventilatoren besteht. Angrenzend gibt es noch einen Waschraum mit Toilette.

Zwischen Faszination und Entsetzen

Der ärztliche Bereich ist ganzjährig mit einer Ärztin besetzt, Zahnärzte kommen jeweils nur sporadisch für einige Tage aus Deutschland und den USA.

Unbequeme Behandlungshaltung: Mangels Einheit und ohne Stuhl war der Zahnarzt aus Osnabrück gezwungen, im Stehen zu behandeln. | privat

Ich lernte im April 2010 in Puerto Plata auf dem Flughafen einen jungen Haitianer kennen, der damals - drei Monate nach dem Erdbeben - für einige Hilfsorganisationen arbeitete, da er recht gut Englisch sprach. Damals machte ich spontan einen zweitägigen Abstecher nach Haiti mit ihm und war fasziniert und gleichzeitig entsetzt von der Situation dort.

Zurück in Deutschland habe ich versucht, Kontakte zu finden, die mir eine Hilfe in Form von zahnärztlicher Arbeit dort ermöglichen. Über das Dental Aid Project fand ich mit Hilfe des Singener Zahnarztes Dr. Tobias Bauer (Anmerkung der Redaktion: Bauer ist seit Jahren mit dem Dental Aid Network DIANO in der Region aktiv) den Kontakt zu ILAC in der Stadt Santiago de Los Caballeros in der Dominikanischen Republik. ILAC ist eine von einer privaten US-amerikanischen Universität gegründete Hilfsorganisation, die in der Dominikanischen Republik und in Haiti ärztliche und zahnärztliche Hilfe organisiert.

Erst im August 2014 war es mir dann möglich, den Hilfseinsatz in Haiti zu realisieren. Der junge Haitianer, der mittlerweile in den USA lebt und arbeitet, begleitete mich als Fremdenführer und Übersetzer, da mein Französisch nicht ausreicht.

20 Kilo dentales Gepäck

Mit etwa 20 Kilogramm Gepäck für die Klinik (Anästhetika, Instrumente Kunststoff, einer Polymerisationslampe und vor allem Extraktionszangen) startete ich über Miami nach Port-au-Prince. Nach einem Kurzaufenthalt bei der Familie des Haitianers im Artibonite-Tal ging es mit dem Mietwagen nach Leogane. Am Ortseingang wurden wir von Mitarbeitern zur Klinik gelotst, dort vorgestellt und der nächste Tag besprochen: Geklärt wurde, wann es losgeht, wann ich welche Instrumente benötige und welche Assistenz notwendig ist.

Die Suche nach einem Nachtquartier gestaltete sich etwas zäh: Das zuerst vorgesehene Haus war lange nicht benutzt worden, voller Mücken, Staub und sehr warm, außerdem gab es kein Wasser für die Dusche. Durch die Hilfe mehrerer Leute wurde dann in der Nähe ein Hotel gefunden, das wir beziehen konnten.

Acht Stunden Wartezeit in der Klinik sind normal: Auf Haiti ticken die Uhren eben völlig anders. | privat

Am nächsten Morgen um 9 Uhr begann die Arbeit. Zwölf Patienten warteten schon. Nach der Begrüßung durch die ärztliche Leiterin der Klinik wurden mir die Dokumentationspflichten erläutert und der erste Patient  hereingeholt.

Behandlungen ohne Bohrer und Behandlungseinheit

Die Behandlungen beschränkten sich auf Untersuchungen, Zahnreinigungen, Extraktionen und ausgewählte Füllungen, da kein Bohrer und keine zahnärztliche Behandlungseinheit mit Absaugung zur Verfügung standen. Es gab nur eine flache Untersuchungsliege, Licht über meine Kopflampe und eine Assistenz durch den Übersetzer und Fremdenführer, der seine Arbeit, die für ihn ja auch ganz neu war, ausgezeichnet machte. Die Krankenschwester, die eigentlich assistieren sollte, tauchte nach kurzer Zeit nicht mehr auf. Aber wir kamen allein gut zurecht.

An den vier Tagen wurden etwa 100 Patienten behandelt, größtenteils Extraktionen von schmerzenden Zähnen und Wurzelresten, sowie um die 15 Füllungen gelegt - Karies wurde mit Küretten und scharfen Löffeln entfernt - und viel Zahnstein entfernt.

Nur der Zahnarzt aus Germany arbeitete bis spätnacmittags

Die Patienten kamen morgens um 8.30 Uhr in die Klinik und warteten dann zum Teil bis 16.30 Uhr. Das ist in Haiti im Gesundheitsbereich nicht ungewöhnlich, auch das man bis zum nächsten Tag weggeschickt wird, weil der ärztliche Bereich nur bis 13 Uhr arbeitet. Nur der Zahnarzt aus Germany arbeitete bis 17 Uhr.

Zeit für eine Hospitanz: Die Krankenschwestern haben nach der Ausbildung große Schwierigkeiten, auf Haiti einen Job zu finden. Viele von ihnen suchen deshalb Wege in die USA. | privat

Die Patienten zahlen in dieser Klinik etwa 2,50 US-Dollar für die gesamte Behandlung (Arzt und/oder Zahnarzt), egal was gemacht wird. Nur für die notwendigen Medikamente aus der hauseigenen Apotheke muss extra gezahlt werden.

Teure Ausbildung - schlechter Arbeitsmarkt

Die Anwesenheit eines Zahnarztes wurde gleich genutzt, um sechs Krankenpflegeschülerinnen die zahnärztliche Arbeit zu zeigen. Für die Ausbildung zur Krankenschwester zahlen die Kandidatinnen dort etwa 1.000 US-Dollar für vier Jahre, doch nach der Ausbildung ist die Arbeitsmarktsituation sehr schlecht. Deshalb versuchen die ausgebildeten Schwestern dann bevorzugt eine Green-Card zum Arbeiten in den USA zu erlangen. Das verschlechtert die Situation im Gesundheitswesen in Haiti noch zusätzlich.

Mit wenig zurechtkommen: Das ist der Alltag in einem der rückständigsten Länder der Welt, dessen Hauptstadt zwei Flugstunden von Miami entfernt liegt. | privat

Die Patienten waren für die zahnärztliche Hilfe sehr dankbar. Die zum Ende der Woche meist gestellte Frage war, wann ich denn wiederkomme. Die Arbeit wurde durch die große Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit im August erschwert, dazu kamen zahlreiche Stromausfälle (kein Ventilator als einzige Abkühlung mehr). Die Arbeitsabläufe waren doch ganz anders und nicht so optimiert, weil einige Dinge gar nicht vorhanden waren beziehungsweise erst nach langer Anlaufzeit organisiert werden konnten. Trotzdem war die Arbeit dort ein Gewinn auch für mich.

Nötiger Tropfen auf den heißen Stein

Wohlwissend, dass eine Woche weniger als ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, halte ich solche Hilfseinsätze für sinnvoll. Man kann einigen Menschen helfen, etliche Bewohner Haitis fühlen sich nicht so vergessen und der Austausch von Wissen jeweils über das andere Land ist sehr wichtig.

Die Menschen, die ich dort getroffen habe, waren sehr interessiert am Leben in Deutschland und den USA und der Kontakt beschränkte sich nicht nur auf die Arbeit in der Klinik. An einem Nachmittag fand ein Ausflug zu einem in der Nähe gelegenen Strand mit einigen Klinikmitarbeitern statt, an einem Abend gab es eine gesellige Runde in dem Hotel, in dem wir übernachteten.

So sehen die "Blancos" aus

Die zweite Woche nutzte ich dann, um die Strände im Süden des Landes anzusehen, zwei weitere Tage verbrachte ich bei der Familie meines Begleiters und lernte dort ein wenig vom Alltagsleben kennen, dazu die gesamte Verwandtschaft und Nachbarschaft, die den „Blanco“ sehen wollten. Das war für mich beeindruckend.

Wenn es möglich ist, werde ich im kommenden Jahr erneut dorthin gehen, dann sicherlich mit mehr Dingen im Gepäck, die für die Arbeit dort und in der Klinik gebraucht werden. Im Moment versucht der Geschäftsführer der Klinik mit deutscher Hilfe einen zahnärztlichen Behandlungsstuhl zu organisieren und aufzustellen, was aber nicht zuletzt durch Zollvorschriften und Korruption massiv erschwert wird.

Gegen das Vergessen

Sehr wichtig ist außerdem, die Stromversorgung unabhängig vom öffentlichen Netz zu gestalten. Der bisher gebrauchte Generator ist alt und reparaturanfällig, eine Solaranlage wäre sicher eine sehr gute Investition, aber kaum zu finanzieren, Spenden oder Ideen dafür sind sehr willkommen. Das Land Haiti und die Bewohner haben es verdient, dass man sie nicht vergisst.

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