Brennpunkt

Alles mit links

Bei über zehn Prozent der Gesamtbevölkerung übernimmt die linke Hand die Führung. Was das für einen Zahnarzt bedeutet, erklärt Heiner Weber, Professor für Prothetik an der Universitätszahnklinik Tübingen. Auch er "bohrt" mit links.

H. Weber

Bohrung für eine Implantation im linken Unterkiefer Seitenzahnbereich; hervorragende Einsehbarkeit und Kontrolle der Achsneigung von Bohrer/Implantat aus einer mehr rückwärtigen Position am Patienten (11 bis 12 Uhr Position). H. Weber
Einbringen des Implantats mit gleichzeitiger Unterstützung der rechten Hand (Daumen), da sonst eine sichere Abstützung nicht gewährleistet ist. H. Weber
Während im ersten Bild der Einsatz der Ratsche für die endgültige Positionierung des Implantats zu sehen ist, wobei die linke Hand die eigentlich agierende und die rechte mit dem Daumen die stabilisierende ist, ... H. Weber
... zeigt dieses zweite Bild den linkshändigen Einsatz eines Schraubenziehers zum Einbringen oder Ausdrehen von verschiedenen Implantatpfosten (hier Abdruckpfosten). In beiden Situationen gewährt die Sitzposition (11 bis 12 Uhr) einen hervorragenden Einblick - auch übrigens für die Assistenz, die sich linksseitig mehr zwischen 3 und 5 Uhr Position und somit weiter unten als normal befindet. H. Weber
Bei Abdrucknahmen im Unterkiefer gewährt das Arbeiten mit gleichzeitiger Veränderung der Sitz-/Standposition (linker UK mehr vor dem Patienten - rechter UK mehr hinter dem Patienten) einen hervorragenden Einblick und Zugang insbesondere auf der lingualen Seite. H. Weber
Im rechten Unterkiefer (in diesem Fall der „unwichtigere“ Teil) kann dann auch zügig mit der rechten Hand das Abdruckmaterial appliziert werden. H. Weber
Ein (äußerst) festsitzender Abdrucklöffel mit der linken Hand entweder aus einer seitlich vor dem Patienten oder aber direkt hinter ihm (12 Uhr Position) befindlichen Sitzposition mit der linken Hand entfernt. H. Weber
Präparation im rechten Oberkiefer mit der linken Hand; Vorteil ist eine gute Abstützung am Restgebiss (mit der rechten Hand schwierig bis gar nicht möglich). H. Weber

Albert Einstein, Jack the Ripper, Julius Cäsar und der Würger von Boston  hatten eins gemeinsam: die besondere rechte Hirnhälfte. 

zm-online: Wann wurde bekannt, dass Sie Linkshänder sind?

Weber: Schon in früher Kindheit fiel auf, dass ich Linkshänder war. So habe ich mit links geworfen (bin auch mit dem linken Bein abgesprungen!) und habe - für mich, aber nicht für meine Umwelt und Erzieher selbstverständlich (siehe später) - zu Begrüßung auch immer die linke Hand gereicht. Bis auf Letzteres tue ich alles andere immer noch so.

Wie gestaltete sich das Schreiben in der Schule?

Sowohl das kindliche Schreiben wie aber vor allem im Vorschulalter das Malen geschah ausschließlich mit links! 

Wurde das von Eltern und Lehrern toleriert?

Sowohl in der Schule wie aber auch zu Hause begann man sehr energisch mit der gnadenlosen Umerziehung: Die linke Hand wurde offiziell - und dies nicht nur von meinen Eltern, sondern auch allen Lehrern und Erziehern - als das "böse Händchen" bezeichnet, worauf ich bei entsprechenden Gebrauch durch einen leichten Klaps auf die Hand oder aber auch deutlich schärfer bei Begrüßung von Leuten ("Heiner, gib das schöne Händchen…") hingewiesen wurde.

Als unglaublich folgsames Kind habe ich (schon damals - zähneknirschend und damit möglicherweise berufsbahnend …) mich umlernen lassen (müssen), was sich später bis auf den heutigen Tag als aus meiner Sicht äußerst vorteilhaft erwies. Zwar kippte am Anfang meine kindliche Schulschrift nach links (was sich relativ schnell änderte), allerdings wurde die Feinmotorik der rechten Hand bis heute deutlich besser geschult als die der linken.

Wie sah es beim Sport aus, etwa beim Tennisspielen?

Alles, was auch eine gewisse Kraft erfordert, mache ich auch heute noch mit der linken Hand; hierzu gehört etwa Werfen oder Tennisspielen. Äußerst interessant bei diesen Betrachtungen ist die Entwicklung der Beinarbeit. Mein Sprungbein ist das linke, aber ein Spiel mit dem Ball würde ich automatisch mit dem rechten vornehmen. Dies hat auch direkte Auswirkungen bei der zahnärztlichen Behandlung, so habe ich den Fußanlasser für meinen rechten Fuß positioniert.

Nahm man im  Studium der Zahnmedizin Rücksicht auf Ihre "besondere" Händigkeit? Traten Probleme bei manuellen Übungen auf?

In der schulischen Ausbildung nahm man keine Rücksicht. Ebenso wurde auch keine Rücksicht während des Studiums genommen, wobei ich dies nicht als nachteilig empfand. Vielmehr hatte ich immer wieder das Gefühl, in vielen Situationen aufgrund meiner mittlerweile doch als wohl so zu bezeichnenden Beidhändigkeit (Ambidexter), entscheidende Vorteile zu haben.

Haben Sie besondere Zahnmedizinische Geräte , Hebel, Schraubschlüssel  und mehr, mit denen Sie arbeiten?

Sowohl meine zahnmedizinische Behandlungseinheit wie auch sonstige Geräte und Instrumente - sofern sie überhaupt eine Händigkeit vorsehen - sind für Rechtshänder ausgelegt und ich empfinde dadurch keinerlei Nachteile, sondern vielmehr bei den verschiedenen Behandlungsmaßnahmen aufgrund meiner nahezu vollständigen Beidhändigkeit nur Vorteile.

Bei den Behandlungen muss ich neben einigen "Grundschemata" (siehe später) häufig ausprobieren, mit welcher Hand die gerade anstehende Tätigkeit besser ausgeübt werden kann. Da ich zu einem doch größeren Ausmaß implantologisch tätig bin, kommt es häufig zu Verwendung von Schraubenziehern. Hier muss ich immer wieder einfach ausprobieren, mit welcher Hand die entsprechende Tätigkeit besser auszuführen ist.

Hierbei gilt zunächst einmal die Grundtendenz, dass Kraft erfordernde Aufgaben eher mit der linken Hand und äußerst sensible, feine Tätigkeiten eher mit der rechten Hand ausgeübt werden. Hinzu kommt bei diesen Aktivitäten auch die Ermüdungsfrage, die mich dann sehr schnell auf die jeweils andere Hand ausweichen lässt.

Wie sitzen Sie am Stuhl?

Wie oben gesagt habe ich meine Fußanlasser rechts neben dem Stuhl stehen, weil ich mit dem rechten Fuß feinfühliger diesen Anlasser bedienen kann als mit dem linken (analog zu den Händen). Ein Vorteil hierbei ist, dass ich bei der Sitzposition beziehungsweise bei der Anlasser-Betätigung weniger mit der Assistenz interferiere und diese letztendlich mehr Freiraum bekommt.

Haben Sie häufig linkshändische Studenten in der Ausbildung? Welche Probleme haben diese?

Da die Linkshändigkeit heute nicht mehr umerzogen wird - welche psychischen Leiden ich durch die Umerziehung erlitten habe, bleibt mir verborgen, könnte mir aber vielleicht bei der Erklärung schwer verständlicher Verhaltensmuster meinerseits äußerst hilfreich sein -­,  meine ich, heute mehr Linkshänder unter den Studierenden, aber auch im Alltagsleben zu sehen.

Insgesamt erscheinen mir die Linkshänder weniger Probleme zu haben als man annimmt, da unsere gesamte Umwelt doch sehr auf Rechtshänder ausgelegt ist und „wir“ - die Linkshänder - sich einfach viel häufiger einstellen und umgewöhnen müssen.

Welche Probleme hat die Assistenz mit dem Linkshänder?

Aus meiner Sicht ist es für die Assistenz keine Problem, sich auf Linkshänder einzustellen. Häufig kann ich auch der Assistenz Arbeit abnehmen; ein einfaches aber häufiges Beispiel ist etwa das Absaugen. Während die Assistenz irgendeinen nächsten Arbeitsschritt (Füllungstherapie, Löffelvorbereitung, Chirurgie und so weiter) vorbereitet, kann ich aus einer Sitz- oder (seltener) Standposition hinter dem Patienten von 11 bis 1 Uhr Position bei entsprechend herangezogener Helferinneneinheit zu den Absaugen oder auch der Vielzweckspritze greifen, was häufig eine Erleichterung beziehungsweise eine Beschleunigung darstellt.

Würden Sie aus der Sicht des Betroffenen und langjährigen Ausbilders empfehlen, dass ein Linkshänder Zahnmedizin studiert?

Ob ich einem Linkshänder "empfehlen“ würde, Zahnmedizin zu studieren sei (mit rheinischen Schalk gesagt) dahingestellt, da einige Menschen als Linkshänder genauso wenig geeignet sind für dieses Studium wie als Rechtshänder!

Allerdings (ernsthaft formuliert) ist die Linkshändigkeit aus meiner Sicht mit Sicherheit kein Nachteil, sondern eher ein Vorteil für unseren Beruf, wenn vor allem durch das tägliche Leben eine gewisse (Um-)Erziehung auch der rechten Hand erfolgt ist.

Haben Sie noch persönliche Tipps für den Linkshänder-Zahnarzt?

Während ich beim Rechtshänder beobachte, dass er überwiegend rechts vom Patienten zwischen 7 und 11 Uhr Position sitzt und nur vielleicht bei Extraktionen im rechten Unterkiefer auch hinter dem Patienten (11 bis 12 Uhr Position) tritt, bin ich als Linkshänder, der allerdings auch rechtshändig arbeiten kann, deutlich variabler.

Trotzdem gibt es gewisse Grundschemata, die sich an der notwendigen Kraftentfaltung oder/und an der Einsehbarkeit oder/und an der Abstützung der aktiven Hand orientieren; hierzu einige Beispiele:

1.    Kraftaufwendigere Extraktionen im Unterkiefer grundsätzlich mit der linken Hand; rechter Unterkiefer vor dem Patienten sitzend/stehend; linker Unterkiefer hinter dem Patienten sitzend/stehend. Extraktionen im Oberkiefer alle Aktionen mit Zangen durch die rechte Hand und alle kräftigeren Hebelaktionen mit der linken Hand in entsprechend wechselnden Sitz-/Standpositionen.

2.    Präparation im rechten Oberkiefer vorzugsweise mit der linken Hand, da eine Abstützung am Restgebiss besser (oder überhaupt möglich) ist als mit der rechten.

3.    Entfernung (äußerst) festsitzender Abdrücke vorzugsweise mit der linken Hand hinter dem Patienten sitzend/stehend.

4.    Für die Assistenz besteht grundsätzlich die Herausforderung, durch solche Wechsel des Behandlers letztendlich selbst adäquat zu reagieren/kooperieren. 

Das Interview führte Susanne Priehn-Küpper.


     
     
     
     
     

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