Brennpunkt

Amalgam: verbieten oder reduzieren?

Quecksilber gefährdet die Gesundheit, das ist unbestritten. Wie es um Amalgam bestellt ist, darüber streiten sich Wissenschaftler indes nach wie vor. Auch auf dem diesjährigen FDI-Weltjahreskongress in Neu Delhi. Wie die Dabatte ausging, erzählt der Delegierte Prof. Dr. Georg Meyer.

Dentimages

Herr Prof. Meyer, mehr als 17.000 Teilnehmer kamen vom 8. bis zum 15. September zum 102. Weltjahreskongress der FDI World Dental Organisation in New Delhi zusammen. Sie waren als Mitglied des wissenschaftlichen Komitees für die Bundeszahnärztekammer tätig. Wie haben Sie den Kongress erlebt?

Prof. Dr. Georg Meyer: Es war eine wirklich beeindruckende Veranstaltung mit internationalem Flair in einem aus unserer Sicht eher exotischen Land. Indien war ein hervorragender Gastgeber, so dass die FDI mit ihrer emsigen und diplomatisch geschickten Präsidentin, Frau Dr. Tin Chun Wong aus Hongkong, an Ansehen und Reputation - wie schon im letzten Jahr in Istanbul - wiederum deutlich gewonnen hat.

Unser siebenköpfiges Wissenschaftskomitee, erweitert um Vertreter der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Internationalen Vereinigung für zahnmedizinische Forschung (IADR), der amerikanischen Zahnärztevereinigung (ADA) hat sehr effektiv gearbeitet und dem FDI-Parlament aktuelle Statements zur Diskussion und Abstimmung vorgelegt.

Das FDI-Komitee für zahnärztliche Berufsausübung unterstützte in einer Stellungnahme das 2013 in Japan unterzeichnete Minamata-Übereinkommen. Dies ruft zu einem schrittweisen Verzicht auf Dentalamalgam auf. Wie schätzen Sie die Situation ein? Wie wird sich der Umgang mit Dentalamalgam in den nächsten Jahren entwickeln?

Bei dem Minamata-Übereinkommen geht es nicht primär um zahnärztliches Amalgam, sondern um die durchaus sinnvolle und unterstützenswerte weltweite Eindämmung von freiem Quecksilber in der Umwelt. Die verantwortlichen Quellen hierfür sind - neben der quecksilberbasierten Goldgewinnung, der Kohleverbrennung und vulkanischen Aktivitäten - in erster Linie bestimmte Energiesparlampen, quecksilberhaltige Batterien, Thermometer  und Relais sowie Seifen und Kosmetika.

Es wird im Minamata-Protokoll vorgeschlagen, diese Produkte bis 2020 zu verbieten. Dagegen wird es kein Verbot geben für medizinisch wichtige Produkte wie beispielsweise Impfstoffe, in denen zur Konservierung geringe Mengen von Quecksilber enthalten sein müssen, und kein Verbot für quecksilberhaltige Knopfzellen in medizinischen Geräten.

Die Kommissionen der FDI und alle Delegierten waren sich darin einig, dass aus medizinischen Gründen für das weltweit meistverwendete Füllungsmaterial Amalgam im Minamata-Übereinkommen ebenfalls eine Ausnahme erreicht werden sollte, zumal es unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten bisher noch keinen Ersatz für alle Indikationen dieses bewährten Füllungsmaterials gibt. Darüber hinaus trägt freies Quecksilber aus Dentalamalgam nur zu 0,1 Prozent der weltweiten Umweltbelastung bei.

Die aktuelle Forschung zeigt, dass viele organische Kunststoffprodukte wie Plastikflaschen, Plastiktüten und auch zahnärztliche Füllungsmaterialien durch die Freisetzung von Weichmachern und Nanopartikeln, die in den Nahrungskreislauf gelangen können, ebenfalls zu einer deutlichen Umweltbelastung beitragen.

Für die Minamata-Konferenz galt es nun, einen politischen Kompromiss zu finden zwischen überwiegend ideologisch motivierten, zum Teil militanten Amalgamgegnern und Vertretern der FDI, des Rats der Europäischen Zahnärzte (CED) , der ADA, und der WHO, die auf naturwissenschaftlicher Basis und „Global Health“-Aspekten argumentierten.

Dieser Kompromiss besteht nun darin, dass Amalgam nicht verboten wird, sondern allein aus Umweltgründen dessen Verbrauch reduziert werden sollte und darüber hinaus die Anwendung von Amalgamabscheidern empfohlen wird. Die FDI koppelt diese Reduktion von Amalgam („phase-down“) an den Rückgang von Karies durch verstärkte globale Präventionsprogramme.

Der Verbrauch von Dental-Amalgam wird in den nächsten Jahren - trotz dieser eindeutigen internationalen Empfehlungen - von Land zu Land sehr unterschiedlich sein. Während Japan und einige skandinavische Länder, die übrigens ein hohes Kariespräventionsniveau haben, schon jetzt fast kein Amalgam mehr verwenden, ist es dagegen in den USA, England und Frankreich nach wie vor das meist verwendete plastische Füllungsmaterial. In Deutschland sind nach vorsichtigen Schätzungen nur etwa 25 Prozent der plastischen Füllungen aus Amalgam, was sicherlich auch unserem Abrechnungssystem geschuldet ist.

Unter biologischen und umweltschützenden Gesichtspunkten wird es bei uns zukünftig eine Verschiebung von großen Kunststoff- und Amalgamfüllungen hin zu keramik- und NEM- basierten indirekten Füllungsmaterialien und Verfahren geben wie CAD/CAM, zumal hier mit einem starken Preisverfall zu rechnen sein wird.

Ein weiteres Diskussionsthema war die Früherkennung von HIV-Infektionen und die entsprechende Behandlung. Die Delegierten sprachen sich für flächendeckende Kontrollprogramme aus. Wie sollen diese Kontrollprogramme konkret aussehen?

Für derartige Programme sollten Zahnärztinnen und Zahnärzte weltweit darin geschult werden, die Symptome einer HIV-Infektion im Mundhöhlenbereich möglichst früh zu erkennen. Dieses passt zu dem generellen Trend, die Zahnmedizin mehr als bisher in die Früherkennung  allgemeinmedizinischer Krankheitsbilder einzubeziehen, da Zahnärzte von Patientinnen und Patienten vergleichsweise häufig aufgesucht werden.

In New Delhi kamen Delegierte aus über 140 Ländern zusammen, vertreten waren 203 internationale Berufsverbände. Die Deutschen behaupten ja von sich, das beste Gesundheitssystem der Welt zu haben. Wo sehen Sie Deutschland im internationalen Vergleich im Hinblick auf die zahnmedizinische Versorgung?

Unter kurativen bevölkerungswirksamen Aspekten hat Deutschland sicherlich eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Gleiches gilt für die restaurative Zahnmedizin, angefangen von der Füllungstherapie bis hin zu einer zahnärztlich und zahntechnisch anspruchsvollen Implantatprothetik.

Die präventive Zahnmedizin vom Kleinkind bis zum alten Patienten und beim Behinderten hat dagegen in unserem Land noch deutliche Entwicklungspotentiale. Die aktuelle Forschung zeigt immer mehr medizinische Schnittstellen zwischen der oralen und der allgemeinen Gesundheit. Genau diese Zusammenhänge werden im präventionsorientierten Zukunftsprogramm „Vision 2020“ der FDI thematisiert.

Anfang Oktober 2013 wurde in der japanischen Stadt Minamata die „Minamata Convention“|_blank unterzeichnet, in der die weltweite Reduktion der Quecksilberemission in die Umwelt geregelt ist.

Prof. Georg Meyer, Direktor des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde an der Uni Greifswald, wurde auf dem 97. FDI-Weltkongress in Singapur in das Wissenschaftskomitee gewählt. Über 150 Nationen sind im Dachverband der World Dental Federation organisiert. Das Wissenschaftskomitee besteht aus insgesamt sieben Mitgliedern und vertritt die internationalen wissenschaftlichen Interessen der Zahnmedizin. | privat

Die Fragen stellten Sara Friedrich und Navina Haddick.


Amalgam hat sich seit vielen Jahrzehnten bewährt und ist noch dazu preisgünstig. Doch die – quecksilberhaltige – Legierung hat nicht nur Befürworter.

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