Brennpunkt

Auf dem Landweg nach Ulan Bator

Der Zahnarzt Dr. Reinhard Steiner aus Erlangen hat sich gerade zur Ruhe setzen wollen. Da wurde aus der Ruhe eine Unruhe. Von seinem Sohn überredet, machten sich die beiden Männer auf, um ein Katastrophenschutzfahrzeug im Rahmen der Mongolia Charity Rally über den Landweg von London nach Ulan Bator zu überführen. Ein Reisebericht.

 

 

A. Steiner

Was macht ein Zahnarzt, wenn er in Rente geht? Viele Kollegen entscheiden sich für die lang ersehnte Kreuzfahrt in die Karibik, oder gar um die ganze Welt. Was aber unternimmt einer, der unmittelbar vor der Eröffnung seiner Praxis vor 36 Jahren schon Monate in der Karibik verbracht hat und der bereits eine dreimonatige Reise in die Südsee machte, bevor das älteste Kind eingeschult wurde?

Allradantrieb statt Sonnendeck

Ganz einfach, er folgt der Einladung seines in London lebenden Sohnes (30), ihn auf eine Charity-Tour von London nach Ulan Bator in die Mongolei zu begleiten. Idee der Tour: Ein Fahrzeug, das dem mongolischen Volk nützen kann, wird auf dem Landweg in das zentralasiatische Land überführt und vor Ort gespendet. Hierfür konnte ein allradangetriebenes Katastrophenschutzfahrzeug, das mit vier Tragen für den Krankentransport ausgerüstet ist, aus Itzehoe in Schleswig-Holstein ersteigert werden. Es sollte als Kabine für eine Route dienen, die kein normales Kreuzfahrschiff befahren kann.

40 Jahre Zahnarzt gewesen zu sein, kann man aber nicht so schnell aufgeben. So entstand die Idee, das Fahrzeug in eine mobile Zahnarztpraxis umzubauen. Das Zahnmobil sollte am Ziel der Stiftung Zahnärzte ohne Grenzen übergeben werden. Auf den Rat Mongolei-erfahrener Kollegen hin wurde jedoch wegen der dortigen extremen Witterungsbedingungen deren Konzept übernommen. Das hieß, lieber eine transportable Dentaleinheit mitzuführen, die auch in einer Jurte oder in einem Gebäude aufgebaut werden kann.

Das Fahrzeug wurde nach Durchsicht mit TÜV- Abnahme mit viel Hilfe von Freunden lediglich den Reisebedingungen angepasst und mit Betten und Stauräumen für die täglichen Dinge ausgestattet.
Zunächst führte unsere "Kreuzfahrtroute“ in die falsche Richtung, nämlich nach London, um dort den "1. Offizier“ abzuholen. Aber gehört nicht die doppelte Durchquerung des englischen Kanals zu einer richtigen Kreuzfahrt dazu?

8.000 Euro Zoll für ein Exportkennzeichen

Außerdem wollten wir beim Start der "Mongolia Charity Rally" am 07.07.12 in London dabei sein. Bei dieser Tour ist man voellig auf sich selbst gestellt, keine checkpoints, kein support, keine feste Route. Dort übergaben Vertreter der Firma Adec eine komplette mobile luftgetriebene zahnärztliche Einheit als großzügige Spende. Das Dentaldepot Sico in Erlangen spendete den passenden faltbaren Patientenstuhl, ein kleiner Kompressor von der Firma Dürr kam auch noch dazu. Dann ging es endlich los. Als Erstes wurde der neue "Heimathafen“ Erlangen angelaufen, um Lebensmittel und andere nützliche Dinge für die Fahrt zu "bunkern“ und um uns von Freunden, Sponsoren und Vertretern der Stiftung Zahnärzte ohne Grenzen zu verabschieden.

Ohne Schwierigkeiten folgten wir unserer geplanten Route über Polen an die Ukrainische Grenze. Dort gab es das erste Problem: Wegen unseres Exportkennzeichens wollten die Grenzbeamten 8.000 Euro Einfuhrzoll erheben. Das Argument, dass wir das Fahrzeug in die Mongolei bringen wollten, hat sie nicht interessiert. Nach einem weiteren Versuch am folgenden Tag an einem anderen Grenzübergang und weiteren 10 Stunden ohne Erfolg montierten wir die Nummernschilder ab und der "Kapitän“ flog nach Hause, um das Auto "normal“ anzumelden. Dann klappte der Grenzübertritt in nur vier Stunden ohne irgendwelche Forderungen.

Ein Ozean aus Birken- und Nadelwäldern

Nach der ersten Übernachtung in Lemberg (Ukraine) hatten wir gleich zu Beginn bei strömendem Regen die erste Gelegenheit, uns mit dem Verhalten unseres "Kreuzfahrtschiffes“ bei "rauer See“, sprich schlechten Straßen, vertraut zu machen. Das Wetter besserte sich bald und wir fuhren über Donets´k, weiter nach Russland, über Wolgograd, dann an der Wolga entlang nach Norden, um Kasachstan zu umgehen, obwohl die Route eigentlich durch diese Land geplant war.

Wir wollten die verlorene Zeit einholen und hatten auch keine große Vorfreude auf Grenzübergänge mehr. Dann kam der zweite Schock: Mit einem lauten Knall zerbarst etwa 70 km vor Samara die Frontscheibe. Wir pulten die vielen Sekuritglassplitter heraus. Die Sonne schaute uns dabei zu. Ohne Frontscheibe fuhren wir weiter nach Samara. In der hiesigen VW-Werkstatt erklärte man uns, dass es vier Wochen dauern würde, bis eine neue Scheibe aus Deutschland ankommen könnte.

Ein Angestellter in dem VW-Haus hatte die rettende Idee. Er brachte uns am nächsten Tag zu einer kleinen Hinterhofwerkstatt, in der ein älterer Mann es in zwei Tagen Arbeit schaffte, uns eine neue, individuell gefertigte Verbundglasscheibe zu "backen“ und einzusetzen. Dann ging es über Ufa, Chelyabinsk und Omsk nach Novosibirsk. Der "weite Ozean“ bestand hier abwechselnd aus Birken- und Nadelwäldern.

Drei Tage Sreit mit mongolischen Grenzbeamten

Von Novosibirsk aus ging es auf hervorragenden Straßen durch das wunderschöne Altay-Gebirge weiter in Richtung Mongolei. Auch hier war die Grenzüberquerung wieder ein dreitägiges Abenteuer: Am Wochenende, über Mittag und ab 18.00 Uhr ist die Grenze geschlossen und die Organisation "Go Help“ und die Zöllner stritten sich von Montag- bis Mittwochabend über die Höhe der zu entrichtenden Gebühren. Die Gewissheit, die Mongolei erreicht zu haben, machte uns schon etwas euphorisch und die nächtliche Kälte konnte uns in unserer "Kabine“ sowieso nichts anhaben.

Ursprünglich war geplant, mit den für die Stiftung vor Ort arbeitenden Kollegen mitzuarbeiten. Leider erreichten wir die Mongolei jedoch erst an dem Tag, an dem der Einsatz der Kollegen im nächstgelegen Ort im Nordwesten des Landes zu Ende ging. Den zahnärztlichen Einsatz hatten wir also verpasst. Jetzt hatten wir Zeit, die Mongolei zu erleben. Das Vorankommen auf den Pisten war mühsam, aber wir konnten die weiten Landschaften ausgiebig genießen. Das allradangetriebene, sehr hoch liegende "Kreuzfahrtschiff“ erwies sich als hervorragend geeignet sowohl für "Flussfahrten“ als auch für Fahrten ohne jegliches "Fahrwasser“.

Schlüsselübergabe in der medizinischen Fakultät

Über Ölgii, Khovd, Altai und Bayankhogor sowie einen Abstecher zum Karakorumkloster ging es nach Ulan Bator, wo wir von den Gründern der Stiftung "Zahnärzte ohne Grenzen“, Frau Dr. Tuul Macher und Dr. Claus Macher, herzlich empfangen wurden.

Der Abschluss unserer "Kreuzfahrt“ war dann eine große Feier an der medizinischen Fakultät von Ulan Bator anlässlich der Schlüsselübergabe für das Fahrzeug und der Übergabe der dentalen Geräte an die Stiftung "Zahnärzte ohne Grenzen“. Am folgenden Tag ging es dann mit dem Flugzeug wieder nach Nürnberg, beziehungsweise nach London.

Dieses Vater-Sohn-Abenteuer war ein unvergessliches Erlebnis. Die Verbindung aus Reisen und der Chance, fremden Menschen zu helfen, hat alle Mühen dieser 13000 km langen "Kreuzfahrt“ völlig vergessen lassen.

Eine solche Reise hat kein Reisebüro der Welt im Angebot. Zur Nachahmung ist sie aber durchaus empfohlen.

Auf zm.tv finden Sie eine Audioslideshow zum Thema.

 

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