Brennpunkt

Aussterbende Spezies: freiberufliche Arztpraxen

Das Versorgungstärkungsgesetz wird die Versorgungslandschaft massiv beeinflussen. Im Klartext: MVZ werden besser-, Ärzte schlechtergestellt. Wolfgang Pütz von der KV Berlin skizziert die Prozesse und ihre Folgen.

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1. Sie gehen davon aus, dass das Versorgungsstrukturgesetz die Gestaltung der Praxisabgaben beeinflussen wird. Inwiefern?

Wolfgang Pütz: Bislang konnten die Zulassungsausschüsse in überversorgten Bezirken Anträge auf Nachbesetzung ablehnen, wenn die Praxis aus Versorgungsgründen nicht benötigt wird. Nach dem Versorgungsstärkungsgesetz soll dies in Fachgruppen mit mehr als 140 Prozent Versorgungsgrad stets erfolgen.

Um diesem Zwangsaufkauf zu entgehen, werden die Praxisabgeber auf andere Möglichkeiten ausweichen, gerade wegen der Unsicherheit bei der Bemessung der Entschädigungssumme, die die KV zu zahlen hat. Hier wird der Freiberufler zurückgedrängt. Dies ist eine Reform, die eindeutig die MVZ besserstellt.
 
2. Wie werden sich niedergelassene Ärzte, die ihre Praxis abgeben beziehungsweise den Sitz sichern wollen, künftig am Markt verhalten? Welche Rolle haben die MVZ hier inne?

Abgebende Ärzte werden versuchen, ihre Zulassung an MVZ oder andere Vertragsärzte abzugeben. Sie werden dementsprechend auf ihre Zulassung zum Zwecke der Anstellung verzichten. Bei diesem Verfahren greift die Aufkaufregelung nicht. Damit werden MVZ interessante Partner, um die Praxis gewinnbringend abzugeben. Wer dennoch seine Praxis zum Beispiel als Einzelpraxis erhalten will, muss jetzt versuchen, privilegierte Nachfolger zu finden. Also etwa Ärzte im Jobsharing anstellen, was aber nach der Regelung im Versorgungsstärkungsgesetz mindestens drei Jahre andauern muss!

3. Welche Folgen hat diese Dynamik für die Versorgungslandschaft?

Die Versorgungslandschaft wird sich noch mehr weg von der freiberuflichen Einzelpraxis oder Berufsausübungsgemeinschaft entwickeln. Wenn erst einmal noch mehr MVZ entstehen und darüber hinaus eine große Anzahl an Sitzen in Anstellungsgenehmigungen umgewandelt wurden, werden tendenziell nur noch wenige freiberufliche Arztpraxen existieren.

Damit entstehen aber auch Probleme in der Versorgung: Eine Einzelpraxis oder kleinere BAG kann ohne Weiteres den Praxisstandort verlagern, etwa um in schlechter versorgten Regionen im Planungsbereich tätig zu werden. Zwar können auch MVZ verlegt werden, aber je größer die Institution, desto mehr praktische Probleme entstehen. Ab einer gewissen Größe ist es nach der Erfahrung der meisten Zulassungsausschüsse schwierig MVZ zu verlagern, etwa wegen bestehender rechtlicher Probleme, weil beispielsweise eine im MVZ vorhandene Planungsgruppe aus Versorgungsgründen nicht verlagert werden kann, oder wegen schlichtweg nicht ausreichend vorhandener Praxisräume.

4. Können Sie potenziellen Übergebern eine Strategie empfehlen?

Die beste Strategie ist erst einmal abzuwarten. Derzeit gibt es viel Nervosität und Unsicherheit, die wird sich aber im Laufe der Zeit legen und die Zulassungsgremien werden ihre Spruchpraxis finden. Daran kann man sich dann recht gut orientieren. Und auch in stark überversorgten Gruppen ist nicht zwingend von einer Aufkaufwelle auszugehen.

Trotz aller Vorgaben des Gesetzgebers verbleibt für die Zulassungsgremien ein Beurteilungs- und Ermessenspielraum. Und hier gilt weiterhin: Eine voll ausgelastete Praxis in einer Region, in der es keine Praxen gibt, die die bislang behandelten Patienten übernehmen können, wird man in der Regel nachbesetzen müssen, schon aus Sicherstellungsgründen.

Der Gesetzgeber hat dies auch im Blick gehabt bei der neuen Regelung, dass eine Praxis nachbesetzt werden kann, wenn der Nachfolger diese in einen unterversorgten Bereich verlegen will. Es gilt also erst recht nach dem Versorgungsstrukturgesetz, dass eine frühzeitige Abgabeplanung, am besten fünf bis zehn Jahr vor der Abgabe Sinn macht. Jetzt aber ohne Nachzudenken MVZ oder Berufsausübungsgemeinschaften zu gründen, ist nicht sinnvoll. Nur wer ohnehin seine Praxis abgeben will, sollte vielleicht jetzt schon seine Anträge stellen.

Wolfgang Pütz ist Hauptabteilungsleiter Bedarfsplanung und Zulassung bei der KV Berlin.

Die Fragen stellte Claudia Kluckhuhn.

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