Arbeit

Bleistift steckte in Kieferhöhle

Von einem seiner spektakulärsten Fälle berichtete Prof. Dr. Dr. Frank Hölzle aus Aachen auf dem Essener DGMKG-Kongress: Die Ursache für eine vermutete Kieferhöhlenvereiterung war ein einfacher Bleistift!

Univ-Prof. Dr. Dr. Frank Hölzle

Bleistift im Horizontalschnitt durch die vereiterte rechte Kieferhöhle (roter Kreis). Univ.-Prof. Dr. Dr. Frank Hölzle
Bleistift im Querschnitt durch die vereiterte rechte Kieferhöhle (roter Kreis). Univ.-Prof. Dr. Dr. Frank Hölzle
Blick durch die eröffnete Kieferhöhle auf das massive Entzündungsgewebe um den Bleistift herum. Univ.-Prof. Dr. Dr. Frank Hölzle
Das "Corpus delicti": ein fast 7 cm langer Bleistift. Univ.-Prof. Dr. Dr. Frank Hölzle
Blick auf die bereits wieder verschlossene Kieferhöhle nach ihrer Säuberung am Ende der OP. Univ.-Prof. Dr. Dr. Frank Hölzle

Der Fall: Ein 24-jähriger afghanischer Patient litt jahrelang unter einer bestehenden einseitigen Verminderung seiner Sehkraft auf dem rechten Auge. Seit einem Jahr hatte er vermehrt Kopfschmerzen und einen eitrigen Ausfluss aus der Nase. "Durch eine auswärtige Überweisung wurde er in unserer Klinik vorstellig", erzählte der Kieferchirurg auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG).
 

Die klinische Untersuchung zeigte eine Verkrümmung der Nasenscheidewand, eine vergrößerte rechte Nasenmuschel und eitrigen Ausfluss aus dem rechten Nasenloch. Die augenärztliche Untersuchung ergab Doppelbildsehen, eine Minderung der Sehkraft, jedoch glücklicherweise eine reizlose Netzhaut und keinen Anhalt für eine Kompression des Sehnerven.

In der Computertomografie vom Kopf zeigte sich eine längliche Verschattung, charakteristisch für einen Fremdkörper, mit der Ausdehnung von der oberen Kieferhöhlenvorderwand mittig bis nach hinten in den Rachenraum. Entsprechend der Lage des Objekts war ein knöcherner Defekt der mittleren und hinteren Kieferhöhlenwand sowie des Augenhöhlenbodens zu sehen.

Der Patient sprach kaum deutsch. Er wusste nicht genau, wie der Fremdkörper in die Kieferhöhle gelangen konnte, erinnerte sich jedoch auf Nachfragen an einen Stolpersturz in der Schule vor rund 15 Jahren, bei dem er stark aus der Nase geblutet hatte.

Der Fremdkörper wurde durch eine sogenannte osteoplastische Kieferhöhlenoperation in Vollnarkose entfernt. Dabei wird vom Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen ein konisches Rechteck aus der vorderen Kieferhöhlenwand herausgelöst, um am Ende der Operation wieder eingesetzt zu werden.

Bei dem geborgenen Objekt handelte es sich um einen fast sieben Zentimeter  langen Bleistift. Der feingewebliche Befund des mit entnommenen Gewebes, das sich um den Bleistift herum gebildet hatte, ergab eine chronische Fibrose und eine teils erosiv-ulzeröse Entzündungsreaktion.

Bereits wenige Tage nach dem Eingriff waren die Beschwerden stark rückläufig und der Patient konnte in ausgezeichnetem Allgemeinzustand aus der Klinik entlassen werden. Die verminderte Sehkraft am rechten Auge, die sehr wahrscheinlich durch die sich ausgebreitete chronische Entzündung entstanden war, verblieb allerdings.

Fremdkörper in der Kieferhöhle sind differenzialdiagnostisch als Ursache einer chronischen, eitrigen Entzündung denkbar, vor allem wenn die Kieferhöhlenentzündung einseitig auftritt. Bei der Diagnosestellung ist zu beachten, dass ein langjähriges symptomloses Intervall möglich ist. Weiterführende Untersuchungen, wie eine Endoskopie oder bildgebende Verfahren, sollten durchgeführt werden.

Die endoskopische sinunasale Chirurgie ist eine minimal-invasive Methode, die jedoch durch die Größe und die Position des Fremdkörpers limitiert ist. Als Alternative eignet sich der osteoplastische offene Zugang durch die vordere Kieferhöhlenwand.

Kontakt: Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Universitätsklinikums der RWTH Aachen, Direktor Univ.-Prof. Dr. Dr. Frank Hölzle
mailto: mkg@ukaachen.de




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