Brennpunkt

Das Dorf des Vergessens

Ein ganz normales Dorf: Hauptstraße, Geschäfte, Kneipe. Doch die Bewohner sind anders. Sie vergessen. Im weltweit ersten Demenz-Dorf bei Amsterdam.

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Im Grand Café plaudern die Gäste, im Hintergrund plätschert leise Klaviermusik. "Es ist schön", sagt Nina Woldering (70). "Ich war hier noch nie." Die gebrechliche Dame sitzt mit ihrem Sohn und den zwei Enkelkindern in dem eleganten Café bei Kaffee und Kakao. "Wir sind hier jede Woche", erklärt ihr Sohn Sinclair Simons (42) lächelnd. Doch seine Mutter wird auch diesen Café-Besuch schnell wieder vergessen haben. Sie hat Alzheimer. 

Das mondäne Café steht mitten in Hogeweyk, dem weltweit ersten Dorf für Demenzkranke in Weesp bei Amsterdam. Hier gibt es keine weißen Kittel, keine Mehrbettzimmer und auch kein Essen aus der Großküche. "Unsere Bewohner sollen sich wie Zuhause fühlen", sagt Yvonne van Amerongen, Managerin des Pflegeheimes. 

Den Schlüssel hat nur der Pförtner 

Die 153 Bewohner leben in 23 einstöckigen Bungalows mit kleinen Gärten. Einige sitzen auf Bänken in der Wintersonne, andere laufen langsam durch die kleinen Straßen. "Wenn sie sich mal verlaufen, ist das nicht schlimm", sagt die Managerin, "hier kennt jeder jeden, es ist eben ein Dorf."  Der 'Boulevard' im Zentrum ist weihnachtlich mit Lichterketten geschmückt. Dort ist auch der Supermarkt, ein Friseur und eine Kneipe. Am großen Platz mit Springbrunnen steht das Theater. Nur eins ist anders als in einem gewöhnlichen Dorf: Die Zugangstür kann nur von einem Pförtner geöffnet werden. 

Die Zahl der Demenzkranken nimmt weltweit schnell zu. Allein in den Niederlanden wird sich ihre Zahl nach Schätzungen von jetzt etwa 235.000 bis 2050 verdoppeln. Doch die bisherigen Pflegeheime sind dafür nicht eingerichtet.  Das Demenz-Dorf geht seit fünf Jahren radikal einen anderen Weg. "Wir wollten ein Pflegeheim, in dem wir selbst gerne unsere letzte Lebensphase verbringen würden," erzählt van Amerongen. Doch es geht nicht nur um Lebensqualität. 

Ein radikal anderer Weg

Gerade Demenzkranke, die stets mehr die Kontrolle verlieren, fühlen sich in einer vertrauten Umgebung sicherer. Das bestätigen auch wissenschaftliche Studien. Doch zu Hause können sie nicht bleiben. In dem Demenz-Dorf können sie - soweit es geht - ihr vertrautes Leben fortsetzen. 

Die Bungalows sind in sieben Wohnstilen eingerichtet. Gemeinsam mit den Angehörigen wird entschieden, welcher Stil am besten zu einem Bewohner passt. Jedes Detail ist darauf abgestimmt. Farben, Bilder, das Essen oder die Musik. "Wer früher Beethoven liebte, will doch jetzt nicht Schlager hören," sagt van Amerongen. In den Wohnungen im 'gehobenen Stil' etwa wird das Essen in Porzellanschüsseln serviert, bei den 'volkstümlichen' bedient man sich aus den Töpfen. 

Ein Recht auf Ausschlafen

Zu Frau Woldering passte der "kulturelle" Stil am besten, erklärt ihr Sohn Sinclair. "Sie kommt aus Amsterdam und hat das Kulturangebot der Stadt immer genossen." In der gemütlichen Wohnküche hängen von den Bewohnern selbstgemalte Bilder und Fotos, auf dem Tisch liegen Zeitungen.  Altenpflegerin Joke kocht, was alle lecker finden. "Es gibt keine festen Pläne", sagt die Niederländerin. "Jeder kann ausschlafen, und wer mit Zeitung und Croissant frühstücken will, der kann das tun." Sinclair ist froh, dass seine Mutter hier ein Zuhause gefunden hat. "Schöner geht es nicht." 

Das niederländische Dorf gilt weltweit als Modell. Aus aller Welt reisen Gesundheitsexperten nach Weesp, um von Hogeweyk zu lernen. In Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gibt es Pläne für ähnliche Dörfer. "Unsere Bewohner sind fröhlicher und ruhiger als anderswo", sagt die Managerin van Amerongen.

Mehr Mozart, weniger Medikamente

Dabei ist das Konzept nicht teurer. Pro Patient erhält der Trägerverein den staatlichen Regelsatz von etwa 5.000 Euro im Monat. "Wir geben aber viel weniger aus für Medikamente und Psychologen." Stattdessen wird in Beschäftigung investiert oder Vereine, wie es im Dorf heißt: Backen in der Bauernküche, Singen im Mozartsaal, Fahrradtouren oder Malen im Club 'Rembrandt'. 

Im Supermarkt lädt ein alter Mann in dickem Pulli den Einkaufswagen voll. Das Abendessen für die gesamte Wohngruppe: Hähnchenschnitzel, Tomaten und Joghurt. "Ein bisschen arbeiten, das macht Spaß", sagt er und zwinkert der Kassiererin im Supermarkt fröhlich zu.

von Annette Birschel, dpa




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