Brennpunkt

Der Fall Xarelto

Wundermittel oder Kostentreiber: Neue Medikamente sind oft umstritten - auch in der Zahnarztpraxis. Die frühe Nutzenbewertung soll echte Innovationen fördern. Nicht nur Pharmafirmen sehen Probleme.

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Der Fortschritt ist flüssig und in der Zahnarztpraxis angekommen: Bayers Xarelto macht etwa Zähneziehen oder Zystektomien bei Patienten, die den neuen Blutverdünner einnehmen, unkomplizierter als bei jenen, die auf gängige Vitamin-K-Antagonisten wie Marcumar eingestellt sind. Die Überbrückungstherapie mit Heparin entfällt, zudem löst Xarelto weniger lebensbedrohliche Blutungen aus. So ist es in der Patienteninformation einer Großstadt-Praxis zu lesen, die als „Quelle: auszugsweise Bayer Vital GmbH“ nennt. Immer mehr Patienten schlucken den Gerinnungshemmer mit dem Wirkstoff Rivaroxaban, um etwa Thrombosen, Lungenembolien oder Schlaganfällen vorzubeugen.

Patienten und Ärzte sind verunsichert

Der Fortschritt ist indes umstritten. Anders als etwa für Marcumar existiert noch kein Gegenmittel, das die Gerinnungshemmung stoppen kann. Nach Berichten über mögliche tödliche Blutungen sind Patienten und Ärzte verunsichert. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) konnte jedoch „keine neue Risikolage“ feststellen. Ungeachtet dessen fordern insbesondere Vertreter der gesetzlichen Kassen, Xarelto zu überprüfen.

Riesenumsatz mit dürftig verordnetem Medikament

Denn der Fortschritt hat seinen Preis: Laut Barmer GEK Arzneimittelreport 2014 sind die Ausgaben für die Arznei in Deutschland im vergangenen Jahr auf 282 Millionen Euro gestiegen - und haben sich gegenüber 2012 mehr als verdreifacht. Damit hatte Xarelto den Löwenanteil am Umsatz mit Blutgerinnungshemmern, obwohl Marcumar rund vier mal so häufig verordnet wurde.

Xarelto hatte vor Inkrafttreten des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (Amnog) seine Zulassung erhalten und musste die frühe Nutzenbewertung für neue Präparate, die Amnog seit 2011 vorschreibt, nicht durchlaufen. Ansinnen des Gesetzes ist auch, die Kosten für teure Medikamente einzudämmen.

Bayer verteidigt das Präparat: Neue Daten aus dem Praxisalltag bestätigten das positive Nutzen-Risiko-Profil der sogenannten Faktor-Xa-Hemmer. Diese hätten „gegenüber den Altsubstanzen erhebliche Vorteile“, sagt Frank Schöning, Geschäftsführer der Bayer Vital GmbH. „Wer diese als Scheininnovationen ohne therapeutischen Nutzen und Kostentreiber bezeichnet, missachtet die Bedürfnisse der Patienten genauso wie die qualifizierten, internationalen Empfehlungen der medizinischen Fachgesellschaften.“

Überteuerte Scheininnovationen versus Medikament mit erheblichen Vorteilen

Der Fall Xarelto zeigt: Um neue Medikamente wird teils mit harten Bandagen gekämpft. Insbesondere Vertreter der gesetzlichen Gesundheitskassen bemängeln, dass sich etliche als überteuerte Scheininnovationen entpuppten. Die Hersteller wiederum sehen ihre Forschung wegen steigender Kosten und bürokratischer Hemmnisse in Gefahr. Für die Patienten stellt sich die Frage, wie sie in Deutschland auch künftig mit echten Innovationen versorgt werden können.

„Da sind wir mit dem Amnog auf gutem Weg: Schlicht keine Erstattung über die Kosten der Vergleichstherapie hinaus, wenn kein Zusatznutzen nachgewiesen ist“, zeigt sich Prof. Dr. med. Bernd Mühlbauer, Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie am Klinikum Bremen Mitte und Vorstandsmitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, überzeugt.

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