Brennpunkt

Der Kampf gegen die Süßgewöhnung

Viele als Babyprodukte angebotene Lebensmittel stehen im Widerspruch zu den ernährungswissenschaftlichen oder ärztlichen Empfehlungen für Säuglinge. Darauf wiesen in Berlin Vertreter von foodwatch, BZÄK und der Leipziger Uniklinik für Kinder- und Jugendmedizin hin.

zm-sf

Prof. Dr. Wieland Kiess, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Leipzig, erklärte: "Die Ernährung in den ersten Lebensmonaten ist prägend und beeinflusst das spätere Ernährungsverhalten eines Menschen. Deshalb ist es wichtig, eine zu starke Süßgewöhnung im Säuglingsalter zu vermeiden." zm-sf
Die von Nestlé laut foodwatch mit Gesundheitshinweisen beworbene "Alete Mahlzeit zum Trinken“ ist einer von fünf Kandidaten bei der Verbraucherwahl zum Goldenen Windbeutel 2014 für die frechste Werbelüge. zm-sf
Prof. Dr. Dietmar Oesterreich (rechts), BZÄK-Vizepräsident, kritisierte: "Frühkindliche Karies in den ersten Lebensjahren ist in Deutschland auf dem Vormarsch. Schuld daran ist nicht zuletzt die häufige Gabe von süßen Getränken oder süßen Zwischenmahlzeiten." zm-sf
Diese Verpackungen sind Etikettenschwindel: foodwatch hat zahlreiche ungesunde, weil zu zuckerhaltige Babynahrungsprodukte entlarvt. zm-sf
Viele als Babyprodukte angebotene Lebensmittel stehen im Widerspruch zu den ernährungswissenschaftlichen oder ärztlichen Empfehlungen für Säuglinge. Die Hersteller versprechen Eltern gesunde Produkte, tatsächlich können diese jedoch Überfütterung oder Kariesbildung fördern oder Babys früh an einen hohen Zuckergehalt gewöhnen. foodwatch
Hipp, Bebivita (ebenfalls Hipp), und Alete haben sogenannte „Trinkmahlzeiten“ im Sortiment. Experten raten jedoch dringend davon ab, Babys hochkalorische Breie mit der Flasche zu füttern, da Kariesbildung und Überfütterung drohen. So fordert die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) bereits seit 2007 einen unverzüglichen Stopp der Vermarktung an gesunde Säuglinge. foodwatch
Holle, Babydream (Rossmann), Alete und Hipp bieten für Babys ab dem 8. Monat Kekse an. Laut Herstelleraussagen sollen sie „hervorragend als Zwischenmahlzeit“ geeignet (Holle) und „ideal für kleine Hände“ sein, „mit wertvollem Bio-Getreide“ und „zum Knabbern für die ersten Zähnchen“ (Hipp). Die Kekse haben einen Zuckergehalt von 14,6 (Holle) bis 25 Prozent (Alete). foodwatch
„Bei der Herstellung [von Beikost] sollte auf den Zusatz von Salz und Zucker verzichtet werden“, so die Empfehlung der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ). „Aromen sind überflüssig“, betont das Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung. Alle Ratschläge missachtet Danone: Der als gesund beworbene Milupa „Milchbrei Schoko ab dem 6. Monat“ enthält nicht nur synthetisches Vanillin-Aroma, sondern auch mehr als 9 Prozent Zucker im angerührten Brei. Ähnlich hohe Zuckergehalte stecken auch im Grießbrei „Bourbon-Vanille“ von Hipp sowie im „Grießbrei Vanille-Geschmack“ der Hipp- Tochter Bebivita. foodwatch
„Babys und Kleinkinder sollten Wasser oder ungesüßte Kräutertees trinken“, so die unmissverständliche Empfehlung der Bundeszahnärztekammer. Hipp dagegen bietet unter seiner Marke Bebivita Instant-Tees auf Basis von Zuckergranulat an und empfiehlt diese für Kleinkinder ab 1 Jahr. Auch unter der Hauptmarke Hipp hatte der Hersteller lange solche Granulat-Tees im Sortiment – dafür gewann Hipp 2012 den „Goldenen Windbeutel“ und nahm die Produkte vom Markt. Als Ersatzprodukt brachte das Unternehmen klassische Teebeutel in den Handel – ohne Zuckerzusatz. foodwatch
Auch in diesem Jahr steht ein Babyprodukt zur Wahl bei der Abstimmung über den Goldenen Windbeutel für die dreisteste Werbelüge des Jahres: Die Alete Trinkmahlzeiten ab dem 10. Monat von Nestlé. Für foodwatch ist es unverantwortlich, dass Nestlé ein solches Produkt als „vollwertige“ Mahlzeit für Säuglinge ab dem 10. Monat anbietet. foodwatch

Ob Süßigkeiten speziell für Säuglinge, Schokoladen- und Keks-Brei ab dem 6. Monat oder Tee auf Zuckergranulatbasis - was viele Lebensmittelhersteller als gesunde oder altersgerechte Nahrung für Babys und Kleinkinder empfehlen, wird diesem Anspruch oft überhaupt nicht gerecht.

Hersteller ignorieren Forderungen der Kinderärzte

Besonders deutlich wird dies laut der Nichtregierungsorganisation foodwatch bei den kohlenhydratreichen Trinkmahlzeiten: Wegen des Risikos der Überfütterung und Kariesbildung fordern Kinderärzte seit Jahren, die Vermarktung einzustellen. Doch viele Hersteller aus der Industrie ignorieren diese Forderungen bis jetzt. Deshalb mahnt foodwatch strengere gesetzliche Regelungen für Säuglingsprodukte an.

Während Danone auf die Kritik reagiert und seine unter der Marke Milupa verbreiteten Trinkmahlzeiten vom Markt genommen habe, böten Hipp und Nestlé solche Produkte weiter an. Speziell die von Nestlé mit  Gesundheitshinweisen beworbene "Alete Mahlzeit zum Trinken“ ist einer von fünf Kandidaten bei der Wahl zum Goldenen Windbeutel 2014, bei der Verbraucher über die frechste Werbelüge des Jahres abstimmen können.

Orientierung an Empfehlungen der Fachgesellschaften gefordert

"Es darf nur solche Säuglingsnahrung angeboten werden, deren Zusammensetzung und Vermarktung mit den einschlägigen Ernährungsempfehlungen der Fachgesellschaften übereinstimmt", brachte Matthias Wolfschmidt, stellvertretender foodwatch-Geschäftsführer die Forderung der Organisation auf den Punkt.

v.l.n.r.: Matthias Wolfschmidt, Prof. Dietmar Oesterreich, Heide Kurth, Prof. Wieland Kiess, Martin Rücker | Foodwatch

foodwach fordert Christian Schmidt (CSU), Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, auf, die nationale Diätverordnung zu präzisieren. Diese bildet den rechtlichen Rahmen für Säuglingsnahrung auf Bundesebene. Eine "verbindliche Freiwilligkeit" reiche hier als Maßgabe für die Lebensmittelindustrie nicht aus. Und die Verbraucher dürften nicht durch vollmundige Versprechen auf den Verpackungen, wie etwa "gesundheitlich unbedenklich" oder "qualitativ hochwertig" getäuscht werden, wenn das Nahrungsmittel dies de facto nicht einhält.

35 Kilogramm Zucker essen die Deutschen pro Jahr und Kopf – mehr als doppelt so viel wie von der WHO empfohlen. Der Wert bildet jedoch nur den Konsum von Haushaltszucker ab. Hinzu kommt ein steigender Verbrauch von Mono- und Disacchariden, die Lebensmitteln zugesetzt werden – und zunehmend zum Problem werden.

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