Arbeit

Der Patient als biopsychosoziale Einheit

Warum ein interdisziplinärer Ansatz für Zahnärzte eine Voraussetzung dafür ist, den Patienten umfassend zu therapieren, erläutert Prof. Almut Makuch. Die Psychologin und Kinderzahnärztin befasst sich seit Jahren mit dem Thema Gesundheit und Gesundheitsverhalten.

zm-online: Was bedeutet für Sie Verknüpfung in der Gesundheit?

Almuth Makuch: Schauen wir uns die Definition des Begriffes „Gesundheit“ an, beschränkt er sich nicht allein auf das Freisein von Krankheiten und Gebrechen, sondern „ist ein Zustand des vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens“. Diese ganzheitliche Sichtweise der WHO von 1946 ist immer noch gültig. Von dem Gesundheitswissenschaftler Klaus Hurrelmannn (1990) gibt es darüber hinaus eine mehr prozesshafte Definition: Danach ist Gesundheit ein Zustand des objektiven (Normbereich) und subjektiven (Lebensqualität) Befindens einer Person, der gegeben ist, wenn diese Person sich in den physischen, psychischen und sozialen Bereichen ihrer Entwicklung im Einklang mit den eigenen Möglichkeiten und Zielvorstellungen und den jeweils gegebenen Lebensbedingungen befindet.

Beiden Beschreibungen sind gemeinsam, dass „Gesundheit“ der Beeinflussung aus sehr verschiedenen Bereichen unseres Lebens ausgesetzt ist. Nicht von ungefähr wird heute von der biopsychosozialen Einheit „Mensch“ und seiner Entwicklung gesprochen. Es gilt, diese Komplexität von „Gesundheit“ für eine optimale und störungsfreie Entwicklung bereits ab frühester Kindheit zu berücksichtigen.

Wie stellen Sie sich die ideale Verknüpfung von Pädiatern, Kieferorthopäden, Psychologen, Zahnärzten und Logopäden vor?

Hier ist - frei nach Henry Ford - zunächst das (bekennende) Mitbeteiligen beziehungsweise Einbeziehen von entsprechenden Fachdisziplinen ein Beginn, das Zusammenbleiben als ein Fortschritt zu werten, und erst die dauerhafte individuelle Zusammenarbeit kann zum Erfolg führen.

Kindliche Entwicklung ist ein sehr komplexes Geschehen und betrifft sowohl physische und psychische Belange und ist stark abhängig von sozialen Einflüssen. Deshalb geht es zunächst darum, möglichst viele für das Wohl des Kindes Tätige anzusprechen, zu aktivieren, sich gegenseitig kennenzulernen, Gedanken und bereits vorhandene Erfahrungen auszutauschen, um gemeinsam wirksam werden zu können.

Der Mund, das Tor zur Welt

Unter diesen Aspekten wurde die Reihe „Interdisziplinäres Symposium kindlicher Entwicklung“ ins Leben gerufen. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die interdisziplinäre Zusammenarbeit zu fördern unter der inhaltlichen Maßgabe, dass der Mund beziehungsweise die orofaziale Region als das „Tor zur Welt“ gilt, da erste und bleibende Erkenntnisse mit dem Mund erfolgen. Dazu wurde auf dem Interdisziplinären Symposium kindlicher Entwicklung (ISKE) unter meiner wissenschaftlichen Leitung versucht, sich der Problematik „alles mit dem Mund, alles in den Mund“ über unterschiedlich relevante Themenbereiche zu nähern:

  1. ätiologische, pathogenetische und soziologische Aspekte aus den verschiedensten Fachbereichen
  2. Störungen der Wahrnehmung und ihre Auswirkung von Funktionen im orofazialen Bereich
  3. Therapiebedarf heute: unter dem Aspekt von Veränderungen in der Epidemiologie, in der Prävention und in dem Anspruchsverhalten der Patienten
  4. Ernährungsdefizite heutigen Ernährungsverhaltens und die Auswirkungen auf das stomatognathe System
  5. angeborene und erworbene Beeinträchtigungen der kindlichen Entwicklung im orofazialen Bereich

Die Teilnehmer dieser sehr gut angenommenen Veranstaltung sind zum großen Teil Zahnärzte und Logopäden, aber auch Pädiater, Psychologen, Soziologen, Myofunktionstherapeuten, Physiotheapeuten und neuerdings auch Osteopathen - aus dem In- und Ausland - gehören dazu.

Das Besondere der Veranstaltung ist darin zu sehen, dass alle Aktiven auf ein Honorar verzichten und der Tagungsüberschuss an bedürftige Kinder gespendet werden kann. Nach vier Veranstaltungen belaufen sich die Spendengelder auf insgesamt 13.600 Euro. (Leider wird diese Spende sowohl von der lokalen Leipziger Presse als auch bisher von der Fachpresse nicht zur Kenntnis genommen.)

Warum ist interdisziplinäres Arbeiten hilfreich?

Die Potenzen der einzelnen Spezialfachbereiche können effektiver und professioneller ausgeschöpft und gedanklich ausgetauscht werden. Die (akzeptierte) Annäherung geschieht unter verschiedenen Sichtweisen.

Warum ist das Kindesalter so wichtig?

Hier werden erste und bleibende Strukturen für spätere Gesundheit und auch für späteres Gesundheitsverhalten gelegt. Viele der Gesundheitsstörungen und Verhaltensweisen in den frühen Lebensjahren sind Risikofaktoren für Erkrankungen im späteren Leben.

Die häufigsten Befunde und Therapien

Was sind die häufigsten Befunde und Therapien?

Die Karies ist nach wie vor die häufigste Erkrankung im Kindesalter. Ihre Folgetherapien sind Füllungen, Platzhalter, chirurgische Eingriffe, aber auch kieferorthopädische Maßnahmen, Logopädie, MFT und psychologische Behandlung von Angst und Vermeidungsverhalten, Sanierung in Intubationsnarkose (ITN). Das bedeutet für das Kind oft über Jahre dauernde Behandlungen und damit Einschnitte in seine störungsfreie Entwicklung, ganz abgesehen von den damit verbundenen Kosten.

Lassen sich Kinder einfacher als Erwachsene therapieren?

Dies ist bei Kindern keineswegs einfacher als bei Erwachsenen, auch wenn dies oftmals angenommen wird. Es erfordert allerdings eine vollkommen andere Herangehensweise. Für Kinder gilt, eine möglichst effektive und optimale, störungsfreie Entwicklung von Gesundheit und Gesundheitsverhalten von Anfang an zu gewährleisten. Bei Erwachsenen dagegen bestehen oft eingetretene Gesundheitsschäden und/oder ein gestörtes Gesundheitsverhalten. Das bedeutet also Schadensbehebung und/oder Neu- beziehungsweise Umlernen von Verhaltensweisen.

Wo liegen die Schnittstellen zwischen den drei Fachrichtungen?

Besser sollte von Gemeinsamkeiten (dasselbe Organ, dieselbe Symptomatik, dasselbe Anliegen) gesprochen werden. Die sind wiederum abhängig vor allem vom Krankheitsbild, den sozialen und lokalen Bedingungen, den personellen und materiellen Ressourcen. Die Annäherung geschieht dabei unter unterschiedlichsten Aspekten (s. o.).

Was können Zahnärzte ganz konkret tun, um die interdisziplinare Zusammenarbeit zu verbessern?

Hier geht es vor allem um die Sensibilisierung für die ganzheitliche Betrachtung der eigenen Patienten, sprich: über den Tellerrand schauen lernen, Einbeziehung anderer Fachbereiche, Weiterbildungs- und Fortbildungsangebote wahrnehmen unter dem Aspekt, dass der Patient eine biopsychosoziale Einheit darstellt.

Das bedeutet, den Patienten in seiner biopsychosozialen Einheit wahrnehmen zu lernen, was besonders für Berufsanfänger schwierig ist. Das bedeutet, ihm nicht nur in den Mund zu schauen, sondern ihn in seiner Gesamtheit zu beurteilen. Da hilft schon, die körperliche Verfassung und körperliche Haltung zu beobachten, Sprechauffälligkeiten wahrzunehmen, Angstsymptome zu beurteilen.

Wie könnte man diese in der gesundheitspolitischen Infrastruktur verankern?

Wichtig sind ein unbürokratisches Überweisungs- und Abrechnungssystem sowie die Schaffung regionaler, personeller und materieller Voraussetzungen.

Was erhoffen Sie sich in dieser Hinsicht von Seiten der Standesorganisationen?

Es müssen Fort- und Weiterbildungsangebote geschaffen und die Zusammenarbeit gefördert werden. Also auch hier gilt, über den eigenen Tellerrand zu schauen: lernen und sensibilisieren.


  • Professor Dr. med. habil. Almut Makuch ist Diplompsychologin und Fachzahnärztin für Kinderzahnheilkunde.
  • Makuch studierte Zahnmedizin und Psychologie an der Universität in Leipzig. Sie war 38 Jahre an der Universität Leipzig als Fachzahnärztin, Oberärztin und für einige Jahre als kommissarische Leiterin im Bereich Kinderzahnheilkunde tätig. 1990 erfolgte die Habilitation auf dem Gebiet der Gesundheitserziehung bei Vorschulkindern. Der Schwerpunkt der Lehr- und Forschungstätigkeit lag auf den Gebieten Kinderzahnheilkunde, Medizinische Psychologie und Gesundheitspsychologie und in deren Verknüpfung.
  • Sie unterrichtete Studenten der Zahnmedizin und war Gastdozentin bei der Ausbildung von Psychologen. Unter ihrer Betreuung entstanden 25 medizinische Promotionsarbeiten und zahlreiche psychologische Diplomarbeiten. Sie ist Autorin zahlreicher wissenschaftlicher Artikel und Mitautorin von Lehrbüchern der Kinderzahnheilkunde und Psychologie. In der klinischen Tätigkeit widmete sie sich vor allem der Prävention und der Therapie frühkindlicher Karies und der Betreuung behinderter Kinder im ambulanten sowie stationären Bereich.

 

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