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Der Super-Hypochonder

In seinem neuen Film spielt der Komiker Dany Boon einen eingebildeten Kranken. Echte Hypochonder finden ihre Krankheit aber gar nicht so spaßig. Angst und Kontrollsicht bestimmen ihr Leben.

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Zuckt das Lid, schmerzt der Kopf oder sticht es in der Herzgegend nehmen Hypochonder gleich das Schlimmste an: Multiple Sklerose, Hirntumor, Herzinfarkt. Manche konsultieren täglich Dr. Google und laufen dann panisch zum Arzt. Die oft unbegründete aber tief ausgeprägte Angst vor Krankheit und Tod haben schon viele Künstler auf die Schippe genommen - allzu leicht lässt sich darüber lachen. Wahrscheinlich, weil dies Ängste in jedem von uns schlummern. 

Ablenken mit Liebe

Nach Molière und Woody Allen hat sich nun Frankreichs Komikstar Dany Boon des Themas angenommen. Sein Film "Super-Hypochonder" läuft gerade in den Kinos. Boon spielt darin - genau - einen Hypochonder der seinem Arzt mit seinen konstant neuen Wehwehchen mächtig auf die Nerven geht. Der Doktor, mit seinem Latein am Ende, versucht Boon zu verkuppeln, um ihn auf andere Gedanken zu bringen.

„Fast ein Viertel aller Menschen leidet an hypochondrischen Ängsten“, sagt Michael Rufer, stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsspitals Zürich. Betroffen sind alle Schichten, Frauen wie Männer gleichermaßen. „Eine echte hypochondrische Störung ist hingegen vergleichsweise selten“, erläutert Rufer. Einer von Hundert Menschen ist davon betroffen. Die Übergänge vom Wehleidigen zum psychisch schwer Erkrankten sind dabei fließend. So oder so aber ziehen die Ängste oft großes Leid nach sich.

Es ist die Hölle

In einem Hypochondrie-Forum im Internet schreibt eine Betroffene namens „Hasenfuß“ etwa: „Früher dachte ich, ich hätte MS, weil ich Sensibilitätsstörungen hatte. Inzwischen hatte ich Hautkrebs, Brustkrebs, Eierstockkrebs, ALS, Polyneuropathie und seit einem halben Jahr Darmkrebs - mit allen entsprechenden Symptomen. Wenn ich das so schreibe, muss ich selber schmunzeln, aber es ist die Hölle.“

Und Ellen, eine junge Auszubildende, schreibt: „Da ich Atemnot, Schluckprobleme und Schmerzen hatte, war ich bei einer Hals-Nasen-Ohren-Ärztin. Die stellte nichts fest und schickte mich zum Internisten. Der stellte eine Panikattacke fest. Beruhigte mich aber nicht, da diese Symptome auch Symptome einer Lungenembolie sein können. Hat ihn nicht interessiert. Also bin ich abends zum Notfalldienst, wo auch nichts festgestellt wurde. In der Nacht habe ich trotzdem nicht geschlafen, weil ich überzeugt war, eine Lungenembolie zu haben.“

Fehlinterpretierte Symptome

„Hypochonder bewerten viele harmlose Körperempfindungen als Krankheitszeichen, was entsprechende Ängste auslöst, die die Symptome noch verschlimmern können“, sagt Rufer. So wird aus Kurzatmigkeit bei körperlicher Anstrengung eine Herzschwäche, aus nervös bedingtem Durchfall Darmkrebs oder aus einem schnellen Herzschlag bei Aufregung ein drohender Herzinfarkt. „Die Symptome sind echt, aber sie werden fehlinterpretiert“, sagt Rufer.

Entwarnungen von Medizinern helfen, wenn überhaupt, nur für kurze Zeit. Typische Hypochonder gehen häufig zum Arzt. Erklärt dieser den Patienten für gesund, wird der nächste aufgesucht und so weiter. „In den vergangenen Wochen war ich bei allen Fachrichtungen die es gibt und das im wöchentlichen Wechsel - denn, wer garantiert mir denn, dass ich wirklich überreagiere?!“, stellt ein Forumsmitglied die für Hypochonder so typische Frage.

Auf der Suche nach der nächsten Krankheit

Ob die Erkrankung zunimmt, ist nicht bekannt. Aber das Internet bietet Hypochondern heute die ideale Spielwiese für ihre Ängste und hat gar einen neuen Begriff geprägt: Cyberchondrie. „Ich suche täglich im Internet nach Krankheiten, die ich haben könnte, suche die Symptome und schaue, ob ich irgendetwas davon an mir feststellen kann. Ich denke immer gleich an das Schlimmste, werde panisch und muss sofort zum Arzt“, schreibt Ellen weiter.

„Für Hypochonder ist das Internet eine Quelle maximaler Verunsicherung“, sagt Maria Gropalis, Psychotherapeutin an der Universität Mainz, in einem Interview. Weswegen für alle hypochondrisch Veranlagten auch gilt: Hände weg vom Web!

Die eine Ursache für die Störung gibt es nicht. Oft spielen negative Lebensereignisse wie Krankheiten in der Familie oder der Tod eines Nahestehenden eine Rolle. „Die große Herausforderung bei der Hypochondrie ist es, den Betroffenen zu einer Therapie zu motivieren“, sagt Rufer, „wenn das gelingt, sind die Behandlungschancen gut.“

Leben statt Nichtsterben

Experten empfehlen Verhaltenstherapien, bei denen die Patienten lernen mit ihren Krankheitsbefürchtungen umzugehen und sich durch diese nicht zu sehr einschränken zu lassen. Ingvard Wilhelmsen kennt sich mit dieser Form von Behandlung aus. In Bergen leitet er eine der weltweit wenigen Kliniken für Hypochonder. „Hypochonder wollen letztlich den Tod kontrollieren“, sagt Wilhelmsen, „sie müssen akzeptieren, dass sie sterblich sind. Dann können sie ihre Zeit mit Leben verbringen statt mit Nichtsterben.“

Spezialisiert auf Krebs

Viele seiner Patienten fürchten sich vor einem Herzinfarkt oder vor Krebs und „spezialisieren“ sich auf diese Krankheit. Sie kontrollieren stündlich ihren Puls, lassen regelmäßig ein Elektrokardiogramm anfertigen oder gehen übertrieben oft zur Krebsvorsorge. Die meisten begründen ihre Bemühungen damit „vorbereitet sein zu wollen auf das Schlimmste.“

Wilhelmsen versucht seinen Patienten zu helfen, indem er ihnen die Sinnlosigkeit ihres Verhaltens vor Augen führt: „Angenommen, Sie bekommen tatsächlich einen Herzinfarkt. Sagen Sie sich dann: Wie gut, dass ich mich schon seit 5 Jahren darauf vorbereite?“ Eine Katastrophe sei nun einmal immer eine Katastrophe, egal, wie oft man sie sich vorher ausgemalt habe.

Das Unkontrollierbare kontrollieren

Generell tendieren Menschen mit Angststörungen dazu, Dinge kontrollieren zu wollen, die nicht kontrollierbar sind. Auf viele Dinge im Leben haben wir aber keinen Einfluss: Wir wählen das Land nicht aus, in das wir geboren werden, suchen uns unsere Eltern, unsere Krankheiten und unsere Todesursache nicht aus. „Aber wie wir mit den Unabwägbarkeiten des Lebens umgehen“, betont Wilhelmsen, „das haben wir sehr wohl in der Hand.“
 
 
 
 

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