Brennpunkt

Die Menschen zweiter Klasse in Deutschland

Er schlägt nach der ersten Operation seines Lebens die Augen auf, und sein Zimmer ist voller Polizisten. Sie durchstöbern in einer Leipziger Klinik seine Sachen.

dpa

 Wie oft hat Somchai sich in seinen eineinhalb Jahren in Deutschland in letzter Minute vor der Polizei versteckt. Der 31-jährige Thailänder wollte nicht auffliegen. Viel zu lange wartete er, bis er sich zum Arzt traute. Fast bis zum Tod.

Jetzt sind die Beamten da, und ihm geht es zu schlecht, um Angst vor einer Abschiebung zu haben. Somchai ist einer der vielen Menschen mit ausländischen Wurzeln, für die der Gang zum Arzt Luxus und Bedrohung ist. Eine Reise zu Orten mit Schicksalen zwischen Leben und Tod. 

In den vergangenen Wochen hat sich die deutsche Ärzteschaft aufgeschreckt von Problemen bei der Versorgung von Migranten gezeigt. Die Mediziner formulierten Stellungnahmen und Beschlüsse. Denn zu ihrem offiziellen Berufsethos zählt, dass sie alle Patienten behandeln, egal woher sie kommen und warum sie krank sind. Doch vielen bleibt das Recht auf Gesundheit trotzdem verwehrt. 

Leipzig, Ende Februar: Die Polizisten gingen wieder, Somchai blieb in der Klinik. Er fühlte sich schlecht. "Ich hatte vor allem Angst", erzählt er. Was die Ärzte sagten, verstand er nicht. Ein Dolmetscher fehlte, und Deutsch spricht Somchai nicht. Er dachte, die Ärzte hätten seinen Blinddarm herausgenommen. Umso mehr erschrak er über seine Narbe. Wortlos zieht Somchai sein T-Shirt hoch: Mehr als 20 Zentimeter zieht sie sich von unten quer über den Bauchnabel nach oben. 

Leise und stockend berichtet Somchai weiter. Seine großen braunen Augen schauen abwechselnd auf seine Zuhörer und seine weiße Bettecke mit zarten gelben Streifen. 13 Tagen nach dem Eingriff, erzählt er, sei er auf eine Polizeiwache gebracht worden. Fingerabdrücke musste er abgeben. Dann kam er in ein Heim. Was das für eines war, weiß er nicht. "Eine Heimmitarbeiterin sah, wie blass und schwach ich war." Sie brachte den Thailänder erst in eine andere Klinik - sechs Wochen nach der OP kam er dann in ein Krankenhaus nach Berlin. Erst hier eröffnete eine junge Ärztin dem Patienten mithilfe einer Dolmetscherin die schockierende Wahrheit: Er hatte Lymphknotentuberkulose und eine HIV-Infektion. 

Friedliche Oase

Somchai liegt in einem hellen Zwei-Bett-Zimmer, die Balkontür ist offen. Wind streicht durch Blätter. Vögel zwitschern. Eine Oase der Friedlichkeit und Freundlichkeit auf Somchais Leidensweg. Das Gesundheitsamt bezahlt seine Tuberkulose-Behandlung aus Gründen des Seuchenschutzes. Wie Somchai mit richtigem Namen heißt und in welchem Krankenhaus er liegt, darf nicht geschrieben werden. 

Warum ist er nach Deutschland gekommen? "Ich wollte Geld verdienen, um meiner kranken Mutter zu helfen." Von ihr hat er wahrscheinlich die Tuberkulose-Bakterien. Er lebt mit der 71-Jährigen allein im Nordosten Thailands. Dort riet ein Bekannter ihm zum Deutschland-Abenteuer. "Ich fühle mich so allein und denke die ganze Zeit an meine Mutter", sagt Somchai. Es ist fast ein Flüstern. 

"Die Tuberkulose-Behandlung dauert neun Monate", erklärt seine Ärztin. Und dann? Dann endet die Therapie zur Vermeidung von Seuchen. Dann bräuchte er eine HIV-Behandlung. Somchai kann dann aber abgeschoben werden - obwohl Aidskranke in Thailand geächtet werden und oft nicht ausreichend Medikamente bekommen.

Die Behörden entscheiden

Somchai hat Schulden. "Ich will mich nicht mehr verstecken." Eine traurige Stimmung breitet sich im Zimmer aus. "Wenn ich sterben muss, will ich bei meiner Mutter sterben." Schnell geht Somchais Ärztin mit einem fürsorglichen Blick auf ihren Patienten dazwischen. "Wir wollen, dass Sie behandelt werden und Ihre Mutter besuchen." Keine Abschiebung aus Rücksicht auf eine schwere Krankheit? Wie die Behörden entscheiden würden, wenn Somchai einen Härtefallantrag stellt, ist offen.

Von Nothelfern des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes hören wir von einem anderen kranken Mann, der einen schlimmen Verdacht hegt. Er meint, den Behörden ist seine Therapie, seine Pflege zu teuer. Abschiebung trotz schwerer Krankheit? Wir machen uns auf die Suche nach Mustapha Zeidan. 

Doch wo ist er? Die Sonne brennt auf den halbleeren Parkplatz vor dem Berliner Abschiebegewahrsam. Kein Mensch ist zu sehen. Autolärm kommt von einer Ausfallstraße. Neben einem schweren Gittertor mit Rostflecken hängt eine betagte Gegensprechanlage. "Herr Zeidan ist noch nicht da", teilt eine Stimme von drinnen mit. Dabei soll er längst zurück sein. Er hatte einen Termin beim Richter. Der sollte entscheiden, ob Zeidan gehen muss. 

Hilfsbereite Polizisten

Die Wachpolizisten erweisen sich als hilfsbereit. Wir können abends wiederkommen. Tatsächlich sitzt Zeidan dann im sonst leeren Besuchersaal der Anstalt an einem Tischchen. Auf eine Wand ist ein Bild gemalt, blaues Meer, ein Segelboot. Zwei Polizisten passen einige Meter entfernt im Hintergrund auf. Zeidan zittert.  Turbulent sei es gewesen heute beim Richter, erzählt er. Zeidan hat Parkinson und ist drogenkrank. Mehrmals sei er zusammengebrochen. Er nimmt eigentlich den Heroin-Ersatz Methadon. Doch hier in der Abschiebehaft bekomme er das nicht. "Vor Gericht hat sich das Parkinson gemeldet, dann hat sich der Affe gemeldet." Was meint Zeidan mit Affe? "Entzugserscheinungen, Schmerzen, Kotzen, Wadenkrämpfe." 

Einfach ein Berliner

Dem 45-Jährigen ist anzusehen, dass er noch einiges von seiner Kraft hat. Zeidans Stimme schwillt manchmal zu einem wütenden Dröhnen an, auch wenn er wegen seiner Gehirnkrankheit oft nach Worten sucht. Vor ihm liegt ein Haufen Behördenzettel, die seine Geschichte bestätigen. Geboren im Libanon kam Zeidan als Kind mit den Eltern nach Deutschland. Als er 16 war, nahmen sie ihn wieder mit in den Libanon. Für ihn war es die Fremde. Auf eigene Faust kehrte er zurück, sobald es ging, sieben Tage nach seinem 18. Geburtstag. So wie Zeidans Klangfarbe sich anhört, ist er einfach Berliner. 

Das Licht, das durch die vergitterten Fenster des kargen Besuchersaals fällt, wird immer dämmriger. Er scheint froh, dass ihm einmal jemand zuhört. Offiziell arbeiten durfte er in Deutschland nie. Aber er hat einen 16-jährigen Sohn und eine achtjährige Tochter hier. Er schlug sich durch. Und geriet an Drogen, es folgten Beschaffungskriminalität und Handgreiflichkeiten. Autos kann er reparieren. Manchmal klaute er auch welche. "Ich hab' über zehn Jahre Knast hinter mir, Tegel, Saarbrücken, Frankfurt am Main, immer mit Heroin." Seit zwei Jahren kommt er nun mit Methadon klar. Mit seinen Ärzten machte Zeidan einen Plan, um auch davon loszukommen. 

Der Kapitän flog ohne ihn

Doch dann klingelte die Polizei. Es war ein Tag mit Nieselregen vor wenigen Wochen, kurz vor 18 Uhr. "Ich habe die ausgelacht." Doch sie meinten es ernst. "Er sollte am 28.5. um 21.15 mit Flug LH 3484 mit Begleitung durch zwei Bundespolizisten sowie eines Arztes nach Beirut abgeschoben werden", steht im Behördenprotokoll. Zeidan wehrte sich. Der Kapitän flog ohne ihn. Der Mann weiß: In wenigen Jahren kann er wohl nicht mehr richtig sprechen. Er wird Pflege brauchen. Krankenversichert ist er übers Sozialamt. "Ich glaube, die haben mitgekriegt: Der ist krank, das wird teuer - weg mit ihm." Im Libanon, meint er, müsste er bald sterben. 

Eine Aufgabe aller Ärzte

Sollen Menschen wie Somchai oder Zeidan in Deutschland eine Behandlung bekommen? Auf dem 116. Deutsche Ärztetag fassten die Mediziner Ende Mai gleich sechs Beschlüsse zum Thema. "Akut erkrankte Flüchtlinge zu versorgen, ist eine Aufgabe aller Ärztinnen und Ärzte", mahnten die Delegierten etwa. 200.000 bis 600.000 Menschen sollen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus in Deutschland sein.

Ausdrücklich wies der Ärztetag aber auch auf das wachsende Problem nicht ausreichend versicherter EU-Bürger hin. Was das bedeutet, ist am besten bei der Malteser Migranten Medizin zu verstehen. Die größte dieser bundesweit zwölf Malteser-Ambulanzen ist im Westen Berlins, 100 Meter von der Stadtautobahn entfernt. In das ehemalige Schwesternwohnheim kommen pro Jahr derzeit rund 11.000 Patienten, meist ohne Versicherungsschutz.

Fünf Frauen aus Rumänien sitzen im Wartezimmer, in eine lebhafte Unterhaltung in ihrer Landessprache vertieft. Kinderwagen stehen da, ein paar Kinder sitzen auf dem Schoß. Eine Rumänin bietet den Fremden Cola in Bechern an. 

Daneben wartet Sevdalin. Der 27-Jährige ist mit seiner drei Jahre jüngeren Frau Julia da. In einem Monat soll ihr Baby kommen. Das Paar stammt aus Warna, einer bulgarischen Stadt am Schwarzen Meer. Mit prima Wetter, wie sie sagen, aber ohne Jobs. "Hier arbeite ich auf Baustellen und verdiene mal 500, mal 600 oder 800 Euro im Monat", sagt Sevdalin. Einen Klinik-Geburtsplatz haben sie. "Das kostet 2.500 Euro", stöhnt er. "Ich will es in Raten bezahlen." 

Keine AOK-Karte 

Die 17-jährige Aysel, eine Roma aus Bulgarien, ist hier, weil sie einen juckenden Ausschlag hat. Die 29-jährige Russin Jana sagt, sie plagen Bauchschmerzen. Die 30-jährige Vietnamesin Xuan ist mit ihrer einjährigen Tochter Mai Anh zur Vorsorge da. Ihnen allein gemein ist: Sie haben keine "AOK-Karte", wie sie sagen. 

Die leitende Ärztin, Adelheid Franz, sitzt vor einer Bücherwand voller Medizinzeitschriften. Woanders könnte sie mehr verdienen als in der auf Spenden angewiesenen Einrichtung. Wenn man sie fragt, warum sie dennoch hier die vielen Armen behandele, blickt sie einen eindringlich an. "Für mich sind diese Menschen nicht arm. Sie haben es nach Deutschland geschafft und sind meist stark und klug." Energisch setzt sie hinzu: "Wir können unmöglich alle Europäer in Deutschland behandeln." Doch wer nun einmal da sei, sei eben ein Patient. "Im Grunde ist das für mich eine normale Praxis." 

Unter Folter

Viel schwieriger wird es für Tausende, die vor Krieg, Gewalt oder Vergewaltigung nach Deutschland geflohen sind und nicht unter Wunden des Körpers leiden - sondern unter einem Psychotrauma. Unsere letzte Station führt uns ins größte der rund 20 Behandlungszentren für Folteropfer, untergebracht in einigen Backsteingebäuden eines ehemaligen Berliner Krankenhauses. "Wir haben jede Woche zehnmal mehr Anfragen, als wir aufnehmen können", sagt Mechthild Wenk-Ansohn, die die ambulante Abteilung leitet.

Im Moment gebe es etwa viele Tschetschenen hier, die in Polizeistationen gefoltert worden seien, und Afghanen, misshandelt von der Polizei oder den Taliban. "Jeden großen Konflikt spüren wir hier." Bald kämen wohl vermehrt Syrer.  Wer es geschafft hat, hier eine Psychotherapie zu bekommen, dem ist Hilfe und Abschirmung sicher.

Weg aus dem Iran

Auf einem roten Sofa sitzt eine 32-jährige Iranerin, die namenlos bleiben soll. Daneben hört ihre fünf Jahre ältere Therapeutin Susanne Höhne aufmerksam zu. Die Iranerin erzählt: "Ich habe meinen Mann verlassen und bin nach Deutschland geflohen." Vorsichtig berichtet sie: "Es war sehr schwer, weil ich keinen Kontakt zu irgendjemanden aufbauen konnte." Sie erklärt: "Ich habe niemandem vertraut." 

Nach einer Weile die Frage: Was denn passiert sei? Die Frau schaut zu ihrer Therapeutin. "Es war alles zu durcheinander, ich musste weg aus dem Iran." Warum? "Ich möchte nicht darüber sprechen."  Einige Tage später. Was ist nun aus Mustapha Zeidan geworden? Er geht gleich an sein Handy. "Gott sei Dank, ich bin draußen aus dem Knast." Eine Petition des Flüchtlingsdienstes hat gewirkt. "Wie es weitergeht, weiß ich aber nicht. Entweder sie geben mir eine Arbeitserlaubnis oder ich bleibe halb legal." 

Basil Wegener

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