Brennpunkt

"Die Parodontitis ist hinterhältig"

Wie kann man gegen Parodontitis am besten vorgehen? Die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DG Paro) lud Politiker, Forscher, Ärzte und Kassenvertreter zum Gespräch ein.

DG Paro/ Jürgen Sendel

Diskutiert wurden verschiedene Ursachen, warum die parodontale Behandlung eklatante Mängel aufweist und dann auf der Basis erste Lösungsansätze skizziert. Als wesentlicher Baustein zur Verbesserung der Therapie stellten die Experten die stärkere Berücksichtigung der Parodontologie in der Zahnärzteausbildung heraus. Sie betonten zudem, wie wichtig die Aufklärung und die Mitarbeit der Patienten für Prävention und Behandlungserfolg sind.

Neue Leistungen im GKV-Katalog?

Damit entsprechende neue Leistungen in den GKV-Katalog aufgenommen werden, müsse der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) die Notwendigkeit der Therapie positiv bewerten. Die Politiker der Regierungsparteien beteuerten ihre Unterstützung bei der Verbesserung der parodontologischen Versorgung und sehen die Anliegen der Zahnärzteschaft im Einklang mit den zentralen gesundheitlichen Handlungsfeldern der Regierung "Prävention“ und "Demografischer Wandel“.

"Wir haben die Parodontitis nicht im Griff."

Prof. Dr. Peter Eickholz, Präsident der DG Paro, wies auf die Unterversorgung der Bevölkerung in Deutschland hin: "Wir haben die Parodontitis nicht im Griff. Nach konservativen Schätzungen stehen etwa acht Millionen behandlungsbedürftige schwere Fälle von Parodontitis nur 980.900 abgerechneten Behandlungen gegenüber. Vor allem ältere Menschen sind betroffen, etwa 40 Prozent der Senioren weisen eine schwere Form der Parodontitis auf.“ Ein wesentliches Problem, so Eickholz, sei die schwierige Früherkennung der Parodontitis: "Die Parodontitis ist hinterhältig, sie schleicht sich an und ist anfangs kaum zu bemerken.“

Parodontologie besser in der Ausbildung verankern

Laut Prof. Dr. Thomas Kocher vom Universitätsklinikum Greifswald hat sich die Mundgesundheit in den vergangenen Jahren verbessert. Die Ursache dafür liege im Fokus auf Karies in Ausbildung, präventiver und restaurativer Behandlung. Die Kariesprophylaxe sei in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich gewesen und restaurative Maßnahmen könnten auch abgerechnet werden. Als Konsequenz führe Karies immer seltener zu Zahnverlust.

Der Zahnhalteapparat finde hingegen wenig Beachtung - auch wenn Parodontitis neben Karies als Ursache für Zahnverlust für 30 Prozent der Extraktionen verantwortlich sei. Kocher: "Um schwere dentale Erkrankungen wie Zahnverlust weiter zurückzudrängen, brauchen wir eine konsequente Parodontalbehandlung. Parodontal leicht beschädigte Zähne können ohne großen Aufwand behandelt werden. Hier sind schnelle, gute Erfolge zu erzielen."

Die parodontologische Ausrichtung muss aus Sicht von Kocher in der Ausbildung wesentlich besser verankert werden. Nur wenn das Know-how vorhanden sei, werde auch frühzeitig die richtige Diagnose gestellt und kompetent behandelt.

Voraussetzung: informierte und kooperative Patienten

Dr. Ute Maier, KZV-Chefin in Baden-Württemberg, bemängelte, dass im derzeitigen System der Fokus immer noch auf der Reparatur anstatt auf der Prävention liege. Sie machte unter anderem dies und den eingeschränkten finanziellen Spielraum als Teilursachen für die Unterversorgung aus.

"Wir müssen uns deshalb fragen, welche parodontalen Behandlungen überhaupt finanzierbar sind und wie wir die konstante Mitarbeit der Patienten bewerkstelligen können - denn nur mit konstanter Kooperation seitens der Patienten rechnet sich die Behandlung. Wir alle sind gefordert, die Bevölkerung über Ursachen und Risiken von Parodontitis aufzuklären. Politik, Kassen und Leistungserbringer müssen im Dialog bleiben“, erklärte Maier. Dabei sei die Behandlung von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderung gesondert zu betrachten. Hier müsse man über spezielle Konzepte nachdenken.

Zwar konnte Maier anhand der parodontologischen Fallzahlen in Baden-Württemberg von 2011 bis 2014 aufzeigen, dass die Anzahl der Behandlungen kontinuierlich steigt. Die für die Patienten kaum wahrnehmbaren Symptome und damit einhergehend ein geringes Krankheitsbewusstsein sowie eine mangelnde Mitarbeit seien aber auch wesentliche Faktoren, die eine gute Versorgung erschweren.

v.l.n.r.: Kai Worch, Peter Eickholz, Michael Kleinebrinker, Ute Maier, Dietmar Oesterreich, Erich Irlstorfer, Dirk Heidenblut, Thomas Kocher | DG PARO / Jürgen Sendel

Behandlungsrichtlinie und Leistungskatalog überdenken

Dr. Michael Kleinebrinker, im GKV-Spitzenverband für die vertragszahnärztliche Versorgung zuständig, konstatierte ebenfalls eine Diskrepanz zwischen parodontalem Behandlungsbedarf und tatsächlicher Behandlung. Im Hinblick auf die Kostenstruktur im Gesundheitswesen sagte Kleinebrinker, dass die Gesamtausgaben der GKV für zahnärztliche Behandlungen in den vergangenen Jahren nur moderat gestiegen seien, der Anteil der Ausgaben für Parodontalerkrankungen aber gesunken sei.

Für die Zukunft sei es wichtig, ein Bewusstsein für Ursachen und Folgen der Parodontitis zu schaffen. Gleichzeitig müsse aber auch das Therapiekonzept zur Behandlung von Parodontalerkrankungen im G-BA entlang der vorgegeben Bewertungskriterien geprüft und der Leistungskatalog gegebenenfalls angepasst werden. Kleinebrinker verwies in diesem Zusammenhang auf einen entsprechenden Prüfantrag der Patientenvertreter im G-BA.

Regierung setzt ganz auf Prävention

Die Repräsentanten der Regierungsparteien waren sich in ihrer Problemanalyse und bei den Lösungsansätzen grundsätzlich einig. Erich Irlstorfer, Bundestagsabgeordneter für die CDU/CSU, sagte, gerade vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft seien eine frühe Risikoaufklärung, eine adäquate Ausbildung des medizinischen Fachpersonals und Präventionsmaßnahmen grundsätzlich von großer Bedeutung, insbesondere aber in der Parodontologie.

Auch Dirk Heidenblut, Bundestagsabgeordneter der SPD, setzt auf Patientenaufklärung und Prävention, wobei der veränderten Wahrnehmung der Parodontitis eine entscheidende Rolle zukomme. "Kampagnen und Informationen, die Bewusstsein für Zusammenhänge schaffen, gerade im Bereich Zahn- und Mundgesundheit, sind ein wichtiges Mittel. Etwaige Kampagnen könnten mit dem neuen Präventionsgesetz, das wir für Anfang dieser Legislaturperiode ins Auge gefasst haben, einen wichtigen Impuls setzen. Bei den notwendigen Reformen in der Ausbildung und Budgetverteilung sind sicherlich die Akteure des Gesundheitssystems gefragt.“

Lösungen finden im Dialog

In der Diskussion mit allen Teilnehmern kristallisierte sich eine breite Öffentlichkeitsarbeit als zentrales Handlungsfeld heraus. Eine umfangreiche Kommunikation in der Bevölkerung, bei den Zahnärzten sowie in den Erziehungs- und Bildungsberufen erhöhe die Problemwahrnehmung und den Lösungsdruck, bilanzierte Eickholz. Zudem könne durch Aufklärung früher diagnostiziert und schneller behandelt werden. Auch an dieser Stelle sei man auf die Politiker als Multiplikatoren angewiesen.

An den Universitäten sei, so viele Diskussionsteilnehmer, eine Prävalenzorientierung unablässig. Konkret hieße das eine Erhöhung der Unterrichtseinheiten und Lehrstühle sowie der Forschungsbemühungen im Bereich der Parodontologie.

Die Kassenvertreter wiesen darauf hin, dass für eine effiziente und ökonomische Behandlung auch Mechanismen nötig seien, die den Patienten in die Pflicht nehmen. Ein Finanzierungsstopp bei wiederholtem Behandlungsabbruch oder ein Bonusheft für parodontale Vorsorge seien diskussionswürdige Ansätze.

Beim Thema Ressourcenallokation waren sich die Teilnehmer - erwartungsgemäß - nicht immer einig. Die Parodontologen forderten mehr Ressourcen mit dem Argument, die Parodontalbehandlungen würden präventiv wirken, restaurativen Eingriffen vorbeugen und so auf lange Sicht Geld einsparen. Die Kassenvertreter wiesen den Vorwurf einer Fehlallokation zurück, zeigten sich aber mit Verweis auf knappe Ressourcen auch bei Budgetierung und Reallokation gesprächsbereit.

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