Arbeit

Die prädestinierte Stuhlassistenz

Im Hamburger Stadtteil Rotherbaum praktiziert die Zahnärztin Marianela von Schuler Alarcon in einer Spezialpraxis mit gehörlosen Mitarbeitern. Ihr Traum ist die Inklusion gehörloser Menschen in die Gesellschaft.

In Deaf Med e.V

Wie sind Sie persönlich mit dem Thema Gehörlosigkeit in Kontakt gekommen?

Als ich nach Deutschland kam, fühlte ich mich sehr ausgegrenzt und unwohl, da ich nicht sonderlich gut mit anderen Menschen kommunizieren konnte. Erst seit ich mit dem Erlernen der deutschen Sprache die Sprachbarriere überwinden konnte, bin ich integriert und habe Deutschland und seine Menschen zu schätzen gelernt.

Später lernte ich durch meine beste Freundin einen gehörlosen Menschen kennen und bemerkte, dass er das Gleiche fühlt wie ich zu dem Zeitpunkt, als ich noch nicht mit anderen kommunizieren konnte. Ich konnte damals die deutsche Sprache lernen, aber was kann er machen, um ein Teil unserer Gesellschaft zu werden? Die einzige Lösung war, dass ich selbst die Gebärdensprache lernen musste. 

Im beschaulichen Hamburger Stadtteil Rotherbaum ist Marianela von Schuler Alarcon mit ihrer Spezialpraxis niedergelassen. In ihrer Praxis sind gehörlose Mitarbeiter beschäfrtigt. Zudem sprechen sie und eine zweite Zahnärztin fließend Spanisch. | In Deaf Med e.V.

Woher kam die Motivation, eine solche Spezialpraxis zu gründen?

Wir haben bemerkt, dass die Bedürfnisse und die Resonanz der gehörlosen Menschen noch größer waren als gedacht. Unsere Idee ist, nicht nur ein bisschen zu helfen, sondern wir wollen es richtig und sehr professionell machen. Wir möchten eine Beispielpraxis sein und den Standard für weitere Praxen festlegen.

Wir möchten zeigen, wie schön es sein kann eine Spezialpraxis zu führen. Die Atmosphäre ist besonders und die Mischung von hörenden und gehörlosen Menschen macht es besonders spannend. Das Arbeiten in dieser Atmosphäre macht einfach glücklich und jeden Tag spüre ich, wie dankbar die hörgeschädigten Patienten sind.

Seit wann beherrschen Sie die Gebärdensprache?

Seit vier Jahren versuche ich, mir die Sprache soweit es möglich ist selbst beizubringen. Meine Freundin Renate Dorn hilf mir immer wieder und unterrichtet mich sporadisch. Außerdem hilft natürlich der Kontakt mit den Gehörlosen die Sprache schnell zu verstehen und zu lernen.

Ein Exkurs: Was halten Sie davon, dass Säuglingen Cochleaimplantate eingesetzt werden?

Ein Cochleaimplantat (CI) ist keine Hörhilfe, sondern eine Gehörprothese - ein künstliches Innenohr. Wie bei jedem Menschen, bei dem etwas Künstliches eingepflanzt wird, gibt es das Risiko, dass es überhaupt nicht funktioniert. Auf einen solchen Fall müssen die Eltern und die Gesellschaft vorbereitet sein.

Es ist wichtig zu wissen, dass auch mit diesen Implantaten das Hören nur mit sehr viel Training erlernt werden kann und auch häufig kein positiver Effekt festzustellen ist. Das Gehör kann auch nicht zu 100 Prozent wiederhergestellt werden und das Hören wird vielfach immer sehr mühsam und ermüdend bleiben.

So können psychosoziale Belastungen bei den Kindern auftreten, weil Kinder mit CI sich möglicherweise weder der Welt der Gehörlosen noch der der Hörenden vollkommen zugehörig fühlen. Sie können sich bei der Kommunikation nicht zu 100 Prozent entfalten, da immer ein perfekter akustischer Raum und ein Mundbild nötig sein werden. Trotz der Implantate brauchen die CI-Träger also eine Anpassung.

Gehörlose Kinder sollten zu der Versorgung mit CI auch die Gebärdensprache lernen. So haben sie die Möglichkeit, sich selber auszusuchen, mit welcher Sprache sie später ohne zu große Belastung kommunizieren wollen. 

Für Marianela von Schuler Alarcon ist es schon selbstverständlich, per Gebärdensprache mit ihren gehörlosen Angestellten und den gehörlosen Patienten zu kommunizieren. | zm

Wie ist der Verein "In Deaf Med e.V" entstanden und warum wurde er gegründet?

Ich wurde vor circa acht Jahren auf die Problematik der Gehörlosen aufmerksam. Zu dem Zeitpunkt war mir nicht wirklich bewusst, wie schwierig es für Gehörlose und Hörgeschädigte in der Realität ist, an unserer Gesellschaft teilzuhaben. Ich kannte damals keine Gehörlosen und wusste nicht einmal, dass es eine Gehörlosenkultur gibt.

Ich entschloss mich, nach dem Zahnmedizinstudium Gehörlose in Deutscher Gebärdensprache (DGS) zu behandeln. Ich bemerkte dann, dass Gehörlose nicht nur aus Hamburg, sondern auch aus anderen Bundesländern kamen und mit jedem neuen Patienten wurde mir bewusst, mit welchen Schwierigkeiten gehörlose Menschen Tag für Tag zu kämpfen haben.

So fühlte ich eine Verpflichtung etwas zu ändern, suchte Unterstützung und bewarb mich für ein Stipendium von Social Impact. Das Programm unterstützt Ideen und Konzepte, die eine Lösung eines gesellschaftlichen Problems beinhalten und unterstützt die Social Entrepreneure bei Ihrer Umsetzung.

Durch Seminare und Fortbildungen lernte ich den Consultant Morten Lange kennen, der sich schnell für das Projekt begeistern ließ. Zu zweit entschlossen wir uns, das Konzept weiterzuentwickeln und die Vision  professionell umzusetzen. Hieraus entstand der Verein In Deaf Med.

Gehörlose haben in der Gesellschaft so gut wie keine Lobby, sie werden ausgegrenzt und die Gesellschaft begegnet ihnen mit Desinteresse. Um so wichtiger ist ein Verein, der die Interessen der Gehörlosen vertreten kann.

Die Zahnärztin erklärt einem gehörlosen Patienten das Konzept des Vereins "In Deaf Med e.V.". | zm

Welches Ziel verfolgt In Deaf Med?

Der Verein In Deaf Med hat sich 2013 mit dem Ziel gegründet, gehörlosen Menschen in Deutschland eine barrierefreie medizinische Versorgung zu ermöglichen. Eine erste Zahnarztpraxis ist bereits eröffnet, doch das reicht noch lange nicht. Der Verein möchte andere Zahnärzte, aber auch Ärzte aus anderen medizinischen Bereichen, dazu animieren, sich stärker für gehörlose Menschen zu öffnen.

Ein weiterer wichtiger Schritt hin zu einer lebendigen Inklusion ist die Ausbildung junger gehörloser Menschen. Der Zugang zu medizinischen Berufen war Gehörlosen bisher verwehrt. Ein solcher Beruf bietet den jungen Menschen aber die wertvolle Möglichkeit, in einem Team und im Austausch mit Hörenden zu arbeiten, er ist angesehen und nicht zuletzt schafft er Arbeitsplätze für gehörlose Menschen.

Wie ist der Verein innerhalb der Gesundheitsszene vernetzt?

Wir stehen in ersten Kontakten mit anderen Praxen, Krankenkassen und anderen Verbänden. In Deaf Med ist laufend dabei, sein Netzwerk mit potentiellen Partnern auszubauen.

Normaler Praxisalltag: Wer hier laut spricht, fällt aus dem Rahmen. Das Telefon klingelt selten. Termine werden via E-Mail, SMS und Fax vereinbart. | zm

Wie kann man sich die tägliche Arbeit in der Pilotpraxis vorstellen?

In der Praxis ist es sehr ruhig, weil die gesamte Belegschaft - also die sieben Angestellten - die Gebärdensprache sprechen. Drei der Angestellten sind gehörlos und gut die Hälfte der Patienten auch. In den Tresen am Eingang ist ein Tablet Computer integriert: Kommt ein hörender Patient in die Praxis, kann er über ein Chatsystem mit der gehörlosen Zahnarzthelferin kommunizieren.

Im Wartezimmer hängt eine LED-Anzeige, mit der die Patienten aufgerufen werden können. Im Wartezimmer gibt es auch einen Fernseher, mit dem hörenden Patienten die Gebärdensprache nähergebracht wird. Das Telefon klingelt seltener als in anderen Praxen, da wir Termine per E-Mail, SMS und Fax vergeben. Die Atmosphäre ist phantastisch, da durch die Gebärdensprache Körpersprache lebendig wird.  

Wie viele gehörlose Patienten braucht eine Praxis, damit gehörlose Mitarbeiter ausgelastet beschäftigt sind?

Die gehörlosen Mitarbeiter sollten nicht nur für gehörlose Patienten eingestellt werden. Sie können in allen Behandlungen auch bei hörenden Patienten eingesetzt werden. Gehörlose arbeiten besonders fokussiert und konzentriert und lassen sich weniger stark ablenken als Hörende. Gehörlose können vollständig in den Praxisbetrieb inkludiert werden. Natürlich können sie nicht telefonieren.

Und natürlich brauchen sie technische Mittel, um mit einem hörenden Patienten zu kommunizieren. Wichtig ist, dass man sich gut über die Kultur und die Sprache der Gehörlosen informiert. Damit die Mitarbeiter sich maximal inkludiert fühlen, sollte man einen Grundwortschatz an Gebärden und Fachgebärden erlernen. Genau darin sieht auch In Deaf Med seine Aufgabe. Wir wollen aufklären und anderen Praxen bei vielen Fragen und Problemen unterstützen und beraten.

Inwiefern können Zahnmediziner profitieren, wenn sie Ihr Praxiskonzept adaptieren?

Durch das Erlernen der Gebärdensprache hat sich für mich viel geändert. Ich habe meine Fähigkeit des Sehens und Beobachtens geschult und bin darin sensibilisiert, mittels Körpersprache und Mimik einfühlsam mit dem Patienten zu kommunizieren. Das hat zur Folge, dass ich die Leiden und Sorgen der hörgeschädigten, aber auch der hörenden Patienten schneller verstehen und mich ihren Bedürfnissen schneller anpassen kann.

Die Patienten fühlen sich verstanden und geborgen - ein Vertrauensverhältnis kann sich besonders schnell entwickeln. Auch hörende Menschen mit einer Zahnarztphobie, Kinder, ängstliche und ältere Menschen fassen sehr schnell Vertrauen. Insbesondere aber differenziert sich eine Spezialpraxis von den übrigen Praxen.

Haben Sie sich über Ihr Konzept schon mit Politikern ausgetauscht?

Mit den folgenden Politikern konnten wir uns bisher austauschen und unsere Ideen vorstellen.

Präsentierten das Konzept von "In Deaf Med e.V." der KZBV: Marianela von Schuler Alarcon (2. v.l.) mit Morten Lange (ganz rechts) neben Elfi Schmidt-Garrecht, Leiterin Berliner Vertretung der KZBV und dem KZBV-Vorstandsvorsitzenden Dr. Wolfgang Eßer. | zm

  • Hjalmar Stemmann MdHB, Wirtschaftspolitischer Sprecher und Fachsprecher für Mittelstand, Handwerk und Gesundheitswirtschaft der CDU-Fraktion
  • Dr. Ulrich Hase, Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderung.
  • Jubiläumsveranstaltung der Kampagne "...und es geht doch" zu Gast bei Airbus Operations GmbH: Detlef Scheele (Senator der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration)
  • Ingrid Körner, Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen
  • Dr. Wolfgang Eßer, Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung

 Welche Vergütung erhalten Sie momentan für den zusätzlichen Aufwand?

Diese Frage möchte ich nicht beantworten, da ich andere Ärzte nicht demotivieren möchte sich dieser tollen Idee anzuschließen. 

Sie wollen noch 999 weitere Praxen für die Idee gewinnen. Ist das nicht realitätsfern?

Wir zeigen mit unserer Modellpraxis, dass es möglich ist, diese Idee umzusetzen und dass die Umsetzung des Projekts bei Weitem nicht so kompliziert ist, wie es sich vielleicht für einige darstellt. Um die 999 Praxen zu erreichen ist es notwendig, einen Veränderungsprozess in der Gesellschaft anzustoßen und den gesamten medizinischen Sektor miteinzubeziehen.

Ich denke, wir Mediziner haben eine herausragende Stellung sich solchen Problemen in der Gesellschaft zu stellen und die Veränderungen aktiv zu gestalten. Wir alle haben die Möglichkeit, etwas ganz Tolles voranzubringen und können einen echten Mehrwert für unsere Gesellschaft erreichen.

Die Fragen stellten Sara Friedrich und Claudia Kluckhuhn.

Der Verein In Deaf Med und die Pilotpraxis sind mehrfach ausgezeichnet, etwa als beispielhaftes Unternehmen vom Bund der Arbeitgeber (BDA).

Unterstützer sind

  • SAP Deutschland
  • der BMW Stiftung
  • Hamburger Senator für BAS
  • Integrationsamt der Agentur für Arbeit Hamburg (Unterstützer und Träger bei der Ausbildung der Gehörlosen)
  • Perspektive Media GmbH
  • Social Pioneer
  • Gebärdenwerk GbR
  • Stiftung Gesundheit
  • Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderung
  • Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen
  • Hamburger FAW-Projektes BIHA


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