Brennpunkt

Ein Huhn für eine OP

Interplast - Germany e.V. ist ein Verein für plastische Chirurgie in Entwicklungsländern. Fußballnationalspieler Mezut Özil hatte noch in Brasilien die Kosten für 23 Lippen-Gaumen-Spalten OPs übernommen. Ein Interview mit Stefan Hessenberger, Koordinator vor Ort.

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zm-online: Herr Hessenberger, wie ist Herr Özil auf Ihr Projekt aufmerksam geworden?

Stefan Hessenberger: Das Hospital in Coroata, im Nordosten Brasiliens gibt es seit 22 Jahren. Seit 1992 fahren wir einmal im Jahr dorthin um zu operieren. Finanziert wird das Projekt von Interplast Germany e.V. Dieses Jahr hat uns zum ersten Mal der Verein bigshoe e.V. unterstützt und die Finanzierung übernommen. Dieser Verein sammelt Spenden vor allem im Umfeld des Sports und insbesondere des Fußballs, um im jeweiligen Gastgeberland der WM ein humanitäres Projekt zu unterstützen. So wurde bigshoe auf unser Projekt aufmerksam und hat Herrn Özil als prominenten Unterstützer gewonnen.

Wie hoch ist denn die Spaltrate bei brasilianischen Kindern?

Sowohl in Mitteleuropa als auch in Südamerika beträgt die Häufigkeit einer Spaltbildung 1 pro 500 bis 600 Geburten. Die LKG-Spalten gehören somit zu den häufigsten Fehlbildungen überhaupt. Da aber im armen Nordosten Brasiliens eine Versorgung dieser Kinder praktisch nicht stattfindet, sehen wir natürlich unversorgte Spaltpatienten fast jeden Alters und in hoher Zahl, da auch das Einzugsgebiet, aus dem Patienten zu uns kommen, riesig ist.

In Südamerika beträgt die Häufigkeit einer Spaltbildung 1 pro 500 bis 600 Geburten. | privat

Was kostet eine Spalt-OP in Brasilien?

Die Patenschaften, die Herr Özil und viele andere Spender übernommen haben, kosten 250 Euro. Diese Summe ist ein realistischer Wert, wenn man die Gesamtkosten eines Einsatzes durch die Anzahl der operierten Patienten teilt.

Was nichts kostet, ist nichts wert, heißt es. Müssen die Patienten etwas dazuzahlen?

Nein. Allerdings nehmen viele Patienten, die von weit herkommen, erhebliche Unkosten auf sich, um überhaupt zu uns kommen zu können. Und wer kann, bringt zur „Bezahlung“ auch mal ein Hühnchen oder Obst und Gemüse für die anderen Patienten mit. Manchmal helfen auch Väter und Mütter der kleinen Spaltpatienten während des Aufenthalts in der Küche, der Wäscherei oder bei handwerklichen Tätigkeiten.

Um eine Gegenleistung für die Operation anzubieten, bringen die Eltern schon mal ganze Hühner oder andere Naturalien mit. | privat

Wie muss man sich denn die Station in Coroata vorstellen?

Unser kleines „Hospital“ befindet sich unweit des Ortes Coroata in alten Räumen, die der katholischen Kirche gehören. Nur während unserer Einsätze besteht dort Krankenhausbetrieb. Hierfür stellen wir für zwei Wochen befristet einheimisches Personal ein, zum Putzen, Kochen, Waschen, zur OP-Assistenz, Nachtwache, Krankenpflege et cetera - insgesamt etwa 15 bis 20 Mitarbeiter.

Unser deutsches Team besteht meist aus zwei Anästhesisten, zwei plastischen Chirurgen und zwei MKG-Chirurgen sowie einer Anästhesie- und einer OP-Schwester. Ein brasilianischer MKG-Chirurg ist ebenfalls im Team.

Welches Spektrum wird bei den chirurgischen Eingriffen abgedeckt?

Die häufigsten Eingriffe sind spaltchirurgische Operationen, also Primärverschlüsse von Lippen- und Gaumenspalten. Die jüngsten Patienten sind drei Monate alt, die ältesten über 80 Jahre. Des Weiteren erfolgt die Versorgung von Verbrennungspatienten inklusive der Versorgung von Verbrennungskontrakturen mit Hauttransplantaten et cetera. Auch Hand- und Fußchirurgie gehören zum Spektrum, hier insbesondere Syn- und Polydaktylien und andere Fehlbildungen.

Einer der beiden OP-Säle im Hospital in Coroata, im Nordosten Brasiliens. Seit 1992 fahren Chirurgen einmal im Jahr im Namen von Interplast zum Operieren dorthin. | privat

Welche Fähigkeiten sollten Einsatzleistende mitbringen, die in Coroata mitarbeiten wollen? 

Wer sich hier engagieren will, muss natürlich sein Fachgebiet beherrschen und viele Jahre Berufserfahrung haben. Hieraus erwächst dann auch die Fähigkeit, unter widrigen Bedingungen das Niveau der Leistungen hoch zu halten und die Sicherheit für die Patienten zu gewährleisten. Wer nicht improvisieren kann und nicht bereit ist, deutsche Standards eines OP-Betriebs hinter sich zu lassen, wird bei solchen Einsätzen nicht glücklich werden.

Wie lange dauert ein Einsatz im Durchschnitt vor Ort?

Zwei Wochen. Abzüglich der Reisezeit ergibt ein Einsatz etwa zehn OP-Tage, an denen wir durchschnittlich 120 bis 140 Patienten an zwei OP-Tischen parallel operieren.

MKG-Chirurg Dr. Stefan Hessenberger aus München (Mitte) koordiniert seit Jahren die Interplast-Einsätze in Nordbrasilien. | privat

Interplast Germany ermöglicht 100 bis 150 Operationen pro Einsatz im Wert von 15.000 Euro durch ehrenamtliche Tätigkeit und Spenden. Der Einsatz muss von der dortigen Regierung genehmigt oder geduldet sein. Gelegentlich werden auch besonders interessierte Ärzte zu Ausbildungszwecken nach Deutschland geholt.

Die medizinische Ausrüstung sowie die benötigten Medikamente und Materialien werden zum Teil von den entsprechenden Herstellerfirmen gespendet. Interplast bietet seine Hilfe im jeweiligen Land an, bedarf aber der Einladung und der Unterstützung durch ein Krankenhaus des entsprechenden Landes.

Die Fragen stellte Sara Friedrich.

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