Arbeit

"Ein motiviertes Team ist sexy"

Er gilt als der "beste Chef Deutschlands": Dr. Joachim Müller hat mit seiner Praxis den Wettbewerb "Bester Arbeitgeber Gesundheit und & Soziales" gewonnen. Im Interview verrät er, wie er seine 55 Mitarbeiter für sich gewinnen konnte und warum ihm die "Work-Life-Balance" gar nicht in den Kram passt.

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zm-online: Sie haben den diesjährigen Wettbewerb „Beste Arbeitgeber Gesundheit & Soziales“ in der Kategorie „ambulante Versorgung“ gewonnen. Was unterscheidet ihre Praxis von anderen?

Dr. Joachim Müller: Der Unterschied  zu anderen Praxen spiegelt sich in mehreren Faktoren wider: Die Personalarbeit findet bei uns nicht „nebenbei“ statt, sondern ist systematisch, strukturiert und organisiert. Wir haben eine flache Hierarchie, das heißt, dass wir alle per „Du“ sind.

Auch in fast allen Belangen wird vorab ein Feedback vom Team eingeholt, hier findet konsequent ein 360° Feedback statt. Unsere Jahreszielplanung setzt den Fokus auf ein „optimales Miteinander“ - jeder Mitarbeiter hat ein eigenes Zielgespräch, Beurteilungsgespräch und eine eigene Schulungsplanung.

Trotz mehr als 55 Mitarbeitern gibt es bei uns keine Fluktuation. Der Personalzuwachs ist auch nur dann möglich, wenn es ein „Go“ von dem Team gibt. Auch finden bei uns regelmäßige Strategietreffen statt und das nicht nur mit den Häuptlingen, sondern auch mit den Indianern.

"Bester Arbeitgeber Gesundheit & Soziales": Bewertungsgrundlage war eine anonyme Befragung der Mitarbeiter von INOVA+ dental zu zentralen Arbeitsplatzthemen wie Vertrauen, Identifikation, Teamgeist, berufliche Entwicklung, Vergütung, Gesundheitsförderung und Work-Life-Balance. Darüber hinaus wurde die Qualität der Maßnahmen der Personal- und Führungsarbeit im Unternehmen bewertet. | Praxis INOVA+ dental

Welche Maßnahmen wenden Sie an, um ein gutes Vertrauen, eine angemessene Vergütung und eine ausgewogene Work-Life-Balance zu schaffen?

Ein motiviertes „strahlendes“ Team ist sexy. Deswegen kommen die Leute zu uns. Großer Zulauf heißt brummende Praxis; und das wiederum gibt die Basis für faire Gehälter. Aber auch die Fehlerkultur ist wichtig. Vertrauen schafft Vertrauen! Bei Fehlern rollen keine Köpfe, sondern es geht immer nur um die Sache.

Das Wortspiel Work-Life-Balance mag ich nicht. Es ist so wie gut-böse oder richtig-falsch. Nein, Life ist auch bei Work. Das eine definiert sich durch das andere. Die Montagswelt muss nicht durch die Freitagswelt ausbalanciert werden oder umgekehrt. Arbeitszeit ist Lebenszeit und das ist bei uns der rote Leitfaden, der durch alles geht.

Ein guter Zahnarzt ist nicht automatisch ein guter Chef. Welche Kompetenzen sollte man als Praxisinhaber und Verantwortlicher mitbringen?

Aktuelle Studien haben gezeigt, dass es völlig egal ist, was für ein Typ man ist. Es ist nicht entscheidend, wie charismatisch oder begeisternd der Chef ist. Wichtig ist echte Empathie. Und auch hier eine gute Nachricht: Empathie ist trainierbar.

Eigentlich geht es ganz einfach: Listen to the language of the heart! Ehrliches Interesse an seinen Leuten zeigen - Fehler macht man nicht mit Absicht. Woran erkenne ich was mir wichtig ist? Daran, wie viel Zeit ich investiere! Ein Großteil meiner Zeit nehme ich mir für Mitarbeiterführung. 

Hand aufs Herz: Wo sind Sie als Praxischef zu weit gegangen?

Mein größter Ausrutscher als Chef war, dass ich ganz gegen meine Glaubenssätze und Prinzipien eine Mitarbeiterin so laut angebrüllt habe, wie mit Abstand noch nie jemals vorher. Der Inhalt war gerechtfertigt, aber die Heftigkeit meines Vortrags überhaupt nicht. Ich habe mich selber erschrocken, dass ich zu so etwas fähig bin. Zum Glück habe ich es geschafft, mich direkt danach zu entschuldigen.

Die Arbeit in der Zahnarztpraxis folgt in der Regel einer ganz eigenen Gruppendynamik. Auf welche Teamkonflikte sollte der Praxischef vorbereitet sein?

Man kommt nie an. Zu den Spielregeln des Lebens gehört das ständige Auf und Ab. Entsprechend gibt es auch da, wo Menschen aufeinander treffen und miteinander agieren, immer Potenzial für Konflikte. Schwangerschaften, Krankheit und Burnout schwingen immer mit. Sowohl Über- wie Unterforderung führen zu Demotivation. Nebenbei: Der größte Demotivator in der Praxis ist der Inhaber selber.  

Was würden Sie jungen Praxisgründern für den Start raten?

Wir leben in einer anderen Zeit. Überall liest und hört man Generation Y. Als jüngerer Chef würde ich aufgrund meiner Lebenserfahrung mit meinem jüngeren Team das „Du“ ein führen. Autorität und Respekt hat nichts mit „Sie“ zu tun.

Dr. Joachim Müller führt seit 1999 gemeinsam mit Dr. Susanne Fallot-Bosse die Praxis INOVA + dental in Aachen mit über 50 Mitarbeitern. Außerdem ist er als Referent zum Thema Mitarbeiterbindung und Personalmanagement tätig und gibt Fortbildungskurse im Bereich Teambildung. | Praxis INOVA+ dental

Die Fragen stellte Navina Haddick.

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