Arbeit

Ein Wald im Wartezimmer

Wartezimmermöbel aus den 80ern, kahle Wände und eine zugebaute Rezeption - das will heute kein Mensch mehr sehen. Warum auch? Wir zeigen, dass man auch aus angestaubten Räumen eine coole Praxis gestalten kann.

C. Kratzenberg

Vorbild: U-Bahn: Farbige Linien leiten den Patienten durch die Oldenburger Praxis von Antje Dapperheld und Dr. Jörg Dickbertel. K.Semling
In der Praxis von Vafa Karimi in Kaiserswerth bei Düsseldorf wirken die Räume durch einen Raumteiler größer und offener. DieckmannHartmann_Architekten
Die Situation vorher: eine typische Praxis aus den 80ern. Heute wirken die Räume zu eng, dunkel und uninspiriert. DieckmannHartmann_Architekten
Eine Praxis auf der Alm? Rustikale Eichenholzwände und ein weiß lackiertes Hirschgeweih erwecken den Eindruck, man sei in einer urigen Berghütte. Doch nein: wir befinden uns in der Praxis von Marcus Riedl in Stein bei Nürnberg. C. Kratzenberg
Dr Berg ruft: große Schwarz-Weiß-Fotografien im Wartezimmer. C. Kratzenberg

Wer eine zahnmedizinische Behandlung vor sich hat, möchte sich in der Praxis wohlfühlen und nicht in seinen vorhandenen Ängsten bestärkt werden. Eine gute gestaltete Praxis mit entsprechendem Ambiente ist daher mittlerweile ein entscheidender Faktor. Die Um- oder Neugestaltung bietet aber nicht nur ein wirksames Instrument zur eigenen Profilierung, sie schafft auch die Möglichkeit zur Optimierung der internen Organisationsabläufe.

Niemand geht gerne zum Zahnarzt, was meist an diffusen Ängsten oder schmerzhaften Erfahrungen im Zusammenhang mit der Behandlung steht. Kein Zahnarzt aber möchte, dass das Praxisambiente dafür mitverantwortlich ist. Doch wie sieht eine gute Praxisgestaltung aus? Und wann ist der beste Zeitpunkt, sich darüber Gedanken zu machen?

Für die beiden Inhaber einer Gemeinschaftspraxis aus Oldenburg war der Zeitpunkt nach rund 17-jähriger gemeinsamer Tätigkeit gekommen: „Nach so langer Zeit - und gefühlt auf halber Strecke unseres Berufslebens -, hatten wir den Wunsch, die Räume noch einmal grundlegend umzugestalten“, berichten Antje Dapperheld und Dr. Jörg Dickbertel. „Dabei hatten wir aber keine komplette Neueinrichtung, sondern eher eine Art Frischzellenkur vor Augen.“ Gesagt - getan: Eine vor Ort ansässige Innenraumdesignerin wurde damit beauftragt, eine konkrete Planung für den Umbau zu entwickeln.

Ausgehend von den Vorstellungen der beiden Zahnärzte entwickelte sie schließlich die Idee, den unterschiedlichen Räumen der Praxis jeweils eine eigene Farbe zuzuweisen und die verschiedenen Wege für die Patienten anschließend mit entsprechend farbigen Linien auf dem neu verlegten PVC-Fußboden zu kennzeichnen: Eine rote Linie führt vom Eingang ins Wartezimmer, eine gelbe, eine violette und eine blaue Linie begleiten die Patenten von dort in die drei Behandlungszimmer. Und der Weg zur Toilette ist grün unterlegt.

Die ungewöhnliche Lösung bietet nicht nur ein einfaches Mittel zur Orientierung, sondern überzeugt auch als grafisches Gestaltungselement. „Viele Patienten denken dabei als erstes an einen Bus- oder U-Bahnstreckenplan und werden so ganz spielerisch von dem bevorstehenden Untersuchungstermin abgelenkt“, beschreibt Dr. Jörg Dickbertel die Reaktionen.

Komplettiert wird das Konzept durch entsprechend gestaltete Wandflächen und Lamellenvorhänge in milden und freundlichen Farbtönen. Darüber hinaus findet sich das Farbkonzept auch als Logo auf der neu gestalteten Internetseite und den Visitenkarten der Praxis wieder.

Das Mobiliar haben die Praxischefs weitgehend behalten, jedoch teilweise weiß lackiert, um einen leichteren Raumeindruck zu erzeugen. „Wirklich neu sind also letztlich nur der Fußboden, die Lamellenvorhänge und die (gemieteten) Deckenbilder - alles andere haben wir ausschließlich durch Malerarbeiten erreicht“, sagt Dickbertel. „Trotz des somit überschaubaren Kostenrahmens hat die Praxis eine ganz andere Anmutung erhalten.“

Ein weiteres gelungenes Beispiel für die Umgestaltung einer bestehenden Praxis zeigen die Räume von Vafa Karimi in Kaiserswerth bei Düsseldorf. Der junge Zahnarzt hatte nach mehrjährigem Aufenthalt in London eine bestehende Praxis aus den 80er-Jahren übernommen, die aber recht eng und auch sonst wenig einladend wirkte.

Gemeinsam mit einem Architektenbüro aus Köln wurde deshalb ein komplett neues Gestaltungs- und Erschließungskonzept entwickelt, das mit seinem frischen Zusammenspiel von Weiß- und Grüntönen auf den ersten Blick die Neuausrichtung betont. Ausgehend von einer genauen Analyse der Arbeitsabläufe wurden außerdem mehrere Innenwände zurückgebaut, um die Wegeführung innerhalb der Praxis zu verbessern und gleichzeitig einen offeneren Raumeindruck mit mehr Tageslichteinfall zu erhalten.

Zentraler Blickfang und funktionaler Mittelpunkt der grundlegend modernisierten Praxisräume ist das modern gestaltete und durch einen Tischler individuell angefertigte Wandtrennungsmöbel im Eingangsbereich: „Die Raumskulptur integriert nicht nur ausreichend Stauraum, sondern fungiert gleichzeitig auch als Raumteiler zwischen dem Empfang und dem offen angrenzenden Wartebereich“, erklärt Karimi das Konzept.

Zusätzliche Präsenz erhält das Objekt durch die an unterschiedlichen Stellen eingearbeiteten Details in leuchtend grüner Farbigkeit. D; die grün hinterlegten Ablageboxen treten dabei auf der Rückseite als Negativform zur Ablage von Zeitschriften hervor und betonen so den fließenden Übergang zwischen beiden Bereichen.

In der Rückwand des Wandtrennungsmöbels wurden zusätzlich hinterleuchtete grüne Ablagefächer integriert. Fortgeführt wird das Konzept durch moderne Sitzmöbel, durch eine Tapete mit großformatigen Pflanzenmotiven sowie durch einen weißen Kunststoffboden als verbindendes Element in der gesamten Praxis. In den Behandlungszimmern sorgen außerdem grün gehaltene Wände für einen harmonischen Gesamteindruck.

Ein ebenso überzeugendes Gestaltungskonzept zeigt der dreigeschossige Neubau der Praxis von Marcus Riedl in Stein bei Nürnberg. Beim Betreten der Räume finden sich die Patienten hier völlig unverhofft in einer kunstvoll stilisierten Bergwelt wieder. Denn nach den Planungen eines beauftragten Büros aus Stuttgart hatte sich der Zahnarzt dazu entschieden, die verschiedenen Ebenen der 420 Quadratmeter großen Praxis als „Tal-“, „Mittel-“ und „Bergstation“ zu gestalten.
 
„Die Idee dazu hat sich gleich nach den ersten Gesprächen ergeben“, blicken der Innenarchitekt Lars-Erik Prokop und der Architekt Steffen Bucher zurück. „Schließlich ist der Zahnarzt Bergliebhaber und es war ihm  wichtig, auch selbst in einer angenehmen Atmosphäre arbeiten zu können. Nach und nach hat sich aus diesem ersten Ansatz dann ein umfangreiches Gestaltungskonzept entwickelt.“

Auf der Hütte

Das ist schon erlebbar, wenn man man von draußen hereinkommt. Denn durch die großzügig verglaste Eingangsfront hindurch trifft der überraschte Blick der Patienten zunächst auf kleine Tannen und eine Gruppe aus Birkenstämmen, die hier eine naturnahe Garderobe bilden. Linkerhand schließt sich ein als Felsen gestaltetes Empfangsmöbel an, ihm gegenüber vermitteln rustikale Eichenholzwände und ein weiß lackiertes Hirschgeweih die Illusion, man befände sich statt beim Zahnarzt auf einer gemütlichen Berghütte.

Einen ähnlichen alpinen Eindruck bieten auch die Behandlungszimmer, wo die Patienten auf große Schwarz-Weiß-Fotografien mit Bergmotiven blicken. In den Kinderbehandlungszimmern sorgen farbige Wandgrafiken mit stilisierten Tiermotiven für Ablenkung. Fortgeführt wird die ungewöhnliche Gestaltung durch ein anspruchsvolles Material- und Lichtkonzept.

Ein besonderes Element sind dabei die asymmetrisch geschnittenen Lichtdecken, die im Gesamtkontext der Praxis schnell die Assoziation an Gletscherspalten hervorrufen. Im Zusammenspiel der unterschiedlichen Elemente gelang eine überzeugende Innenraumgestaltung, bei der sich viele Patienten regelrecht darauf freuen, wieder zum Zahnarzt gehen zu dürfen. Besseres kann man sich von einer Praxisgestaltung kaum wünschen.

Robert Uhde
Grenadierweg 39
26129 Oldenburg
mail@robert-uhde.de

 

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