Brennpunkt

Entscheidung über Leben und Tod

Welchem Kranken wird ein neues Herz, eine neue Leber gespendet? Wer geht leer aus? Die Frage stürzt Ärzte in ein Dilemma. Der Mainzer Medizinethiker Norbert W. Paul erklärt im Interview, wie es gelöst werden kann.

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Gibt es überhaupt in der Frage, wer ein lebensrettendes Spenderorgan bekommt, richtig und falsch?

Norbert W. Paul: Es gibt richtig und falsch, die Bewertung ist aber abhängig von der Perspektive. Man kann viel Leidenschaft, Empathie und auch Empörung entwickeln, wenn man den Blick des Individuums, also des Patienten oder der Eltern einnimmt. Jedes Leben ist es wert, gerettet zu werden. Doch es gibt immer auch diese Perspektive: Wir müssen mit viel zu knappen Ressourcen - Spenderorganen - so umgehen, dass die Empfänger ausgewählt werden, die den größtmöglichen Nutzen davon haben. Für den einzelnen, der dann keines bekommt, ist das verständlicherweise bitter.

Im Zweifel bedeutet der Zuschlag für den einen Patienten den Tod oder längeres Leiden für den anderen. Das ist doch unfair, oder?

Das weiß ich nicht, aber das bildet die Realität ab, die uns alle nicht froh stimmt. Es gibt in Deutschland nicht viele Menschen, die nach ihrem Tod bereit sind, Organspender zu sein. Und die Spendenbereitschaft sinkt. Klar ist: Wir werden nie genug Organe haben, wir haben es jetzt und in Zukunft mit Rationierung zu tun.  Frage: Ärzte können sich irren. Außerdem ist es eine große Bürde, solche Entscheidungen zu treffen.

Wäre ein Losverfahren nicht besser?

Gerechtigkeit beim Losen gibt es nur bei sehr großen Zahlen. Es müsste also viel mehr Transplantationskandidaten geben. Ein Losverfahren ist auch aus ethischer Sicht bedenklich. Den Zufall entscheiden zu lassen, wo es um die Existenz von Menschen geht, wäre nur eine Notlösung. Und wir haben ja gute Methoden, um den Erfolg einer Operation einzuschätzen.

Für Aufregung sorgt der Fall des kranken Jungen in Gießen auch deshalb, weil Kritiker eine Benachteiligung von Behinderten sehen. Diskriminiert das Transplantationsgesetz behinderte Menschen?

Ganz klar: Nein. Auch bei dem Gießener Fall geht es nicht um die Frage von Behinderung, sondern einzig und allein um die Prognose für die weitere Gesundheit. Es geht nicht um die Einschätzung zum Wert eines Lebens, sondern um Lebensqualität. Es ist unfair, bei einer Betrachtung von medizinischen Sachverhalten den Ärzten Diskriminierung vorzuhalten. Das ist billiger Populismus. Bei der Diskussion werden zudem die Patienten vergessen, die mit einem neuen Organ bessere Lebenschancen hätten.

Wie kann das Dilemma, wer welches Organ bekommen soll, für Patienten und Ärzte gelöst werden?

Ich plädiere aus ethischer Sicht für die Widerspruchslösung, also dass alle Menschen Organspender sind, die nicht aktiv widersprechen. Das würde das Problem zwar nicht lösen, aber mildern. Wir alle haben zu Lebzeiten Anspruch auf ein Spenderorgan, sollten wir transplantationspflichtig erkranken. Deswegen sollten wir viel offensiver darüber sprechen, dass wir post mortem als Spender zur Verfügung stehen.

Prof. Norbert W. Paul (50) ist seit 2004 Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Uni Mainz. Mit Fragen zu Organtransplantationen beschäftigt er sich unter anderem auch als Vorsitzender des Ethikkomitees seiner Universität.

Die Fragen stellte Carolin Eckenfels, dpa.

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