Brennpunkt

Es fährt ein Bus nach nirgendwo

Spaziergänge im Kreis und falsche Haltestellen: Angesichts steigender Zahlen von Demenzkranken greifen Alters- und Pflegeheime manchmal zu Notlösungen.

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Immer wenn es dunkel wird, will die alte Frau nach Hause. Sie müsse jetzt zum Bus, betont sie. Die Heimleitung im Domizil Neutann bei Wolfegg (Kreis Ravensburg) richtet daraufhin eine Phantom-Haltestelle im Korridor ein - mit original grün-gelbem Schild und Sitzbank. Allabendlich wartet die Mittachtzigerin dort auf einen imaginären Bus, der niemals kommt - bis sie es wieder vergisst.

Pflegeheime arbeiten zunehmend mit Tricks, um Demenzkranke mit oft ausgeprägtem Bewegungsdrang am Weglaufen zu hindern. Rund 1,4 Millionen Menschen in Deutschland sind nach Angaben der Alzheimer Gesellschaft an Demenz erkrankt - Tendenz steigend. Doch wo hört das Beschützen auf, und wo fängt die Bevormundung an? 

Die Menschen wollen nach Hause

"Menschen mit Demenz wollen dahin, wo sie herkommen, wo sie zu Hause sind", sagt Sylvia Kern von der Alzheimer Gesellschaft. "Und das Personal ist dünn besetzt und kann nicht immer hinterherlaufen." Der Bewegungsdrang kann gefährlich werden: Im Jahr 2012 musste die Polizei allein im Landkreis Ravensburg 27 Mal ausrücken, um vermisste Demenzkranke zu finden. In manchen Fällen endet der Ausflug in die Vergangenheit tödlich, etwa weil die Menschen unterkühlen. 

Die Heime versuchen daher oft, Türen, Ausgänge und Tore zu kaschieren. "Sie gestalten sie so, dass sie nicht mehr als Türen erkennbar sind", sagt Kern. "Wenn sie weiß sind wie die Wand daneben, rütteln die Bewohner viel seltener dran." Manche Heime tarnen Türen auch als Bücherregal oder mit Vorhängen. In sogenannten geschützten Gärten werden kurzerhand Hecken vor die Tore gesetzt. Die Spazierwege führen dann im Kreis und bieten Ablenkung - wie etwa Sinnesgärten. 

Heimbewohner mit GPS-Sender

Daneben kommen auch technische Hilfsmittel zum Einsatz. Zum Beispiel Codes an der Eingangstür, die sich Demente oft nicht merken können. Oder GPS-Sender, mit denen verloren gegangene Bewohner geortet werden können. Fesseln, Zwangsjacken anwenden, Sedieren oder Einsperren darf das Personal dagegen nur mit richterlichem Beschluss. 

Einige Einrichtungen umgeben die Pflegebedürftigen auch mit alten Uhren oder Schreibmaschinen, die sie an früher erinnern. "Es gibt auch Heime, die Räume gestalten wie alte Metzgereien, Postfilialen oder Dorfplätze von 1925", sagt Kern. Oder sie bauen eine Haltestellen-Attrappe wie in Neutann, das 30 Pflegeplätze nur für Demenzkranke bietet. "Beides ist ethisch gesehen die absolute Gratwanderung, weil Sie etwas installieren, was es nicht gibt", sagt Kern. "Hier müssen die Einrichtungen Wege finden, die allen Beteiligten helfen und den demenzkranken Menschen ihre Würde lassen." 

Wo ist mein Auto?

Auch Rainer Kirsner, Pflegedienstleiter in Neutann, hat kein Patentrezept. Die Bushaltestellen-Attrappe sei wieder abgebaut worden, nachdem ihre Nutzerin gestorben war. "Manche lassen sich so beruhigen", sagt er. Eine andere Dame habe jeden Tag nach ihrem Auto gefragt, um nach Hause zu fahren: "Wir sagten ihr, dass unser Hausmeister gerade nach den Reifen schaut, damit war sie zufrieden."

Auch ein pensionierter Gynäkologe wollte ständig das Heim verlassen: "Er betonte jeden Tag, er müsse noch bei einer Geburt helfen. Da versuchten wir eben auch immer, ihn irgendwie abzulenken."

Notlügen als Notlösung

Die Altersforscherin Marion Bär von der Universität Heidelberg rät zum offenen Gespräch. In dem Konflikt zwischen Lebensqualität und Sicherheit sollten sich alle Beteiligten - Heimleitung, Angehörige und soweit möglich der Betroffene - an einen Tisch setzen und Fall für Fall abstimmen, wie weit man gehen kann.

"Es braucht individuelle Lösungen, weil die Krankheit bei jedem unterschiedlich verläuft." Manchmal seien Notlügen das kleinere Übel: "Als Notlösung - nicht auf Dauer angelegt - ist es immer noch besser, einen Demenzkranken auf einen imaginären Bus warten zu lassen, als ihn zu fixieren.“

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