Brennpunkt

"Es ist mehr Spezialistentum eingezogen"

Wie ist die medizinische Betreuung der Nationalelf organisiert? Werden die Fußballprofis eigentlich auch zahnmedizinisch betreut? Das Interview mit Teamarzt Prof. Dr. Tim Meyer, Teil 2.

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Prof. Meyer, Sie sprachen von einer größer werdenden Ermüdung der Spieler. Bemerken Sie auch einen mentalen Verschleiß?

Da bin ich natürlich kein Experte, aber im Laufe einer Saison fällt es den Spielern meiner Erfahrung nach zunehmend schwerer, sich immer wieder auf das gleiche Ziel hin zu motivieren. Das Gute ist, dass am Ende der Saison die wichtigsten Spiele stattfinden. Das hilft dabei. Aber irgendwann spielt man eben auch mal am Freitagabend bei Kälte und Regen. Es ist einfach so, dass das Fass, aus dem man sich motiviert, nicht unbegrenzt groß ist.

Hinzu kommt, dass die Spieler ständig in der Öffentlichkeit stehen, bei Spielen, beim Training und oft sogar, wenn sie nur über die Straße gehen. Das zehrt an einem. Am Ende einer Saison hört man aus den Gesprächen mit den Spielern gelegentlich heraus, dass sie die Sommerpause herbeisehnen. 

Hatten Sie mal Gespräche mit Spielern aus der Nationalelf, in denen es um diese Gefühle ging?

Natürlich hat man auch viele persönliche Gespräche. Insbesondere mit Spielern, die man schon lange kennt.

Ist das im Vorfeld einer Fußballweltmeisterschaft anders mit der Motivation? Auch dann liegt eine lange Saison hinter den Spielern.

Sicherlich stellt sich die Situation für Nationalspieler dann anders dar. Für einige geht es ja auch darum, sich überhaupt noch zu qualifizieren. Aber auch die Spieler, die ganz sicher dabei sind, packt das Turnier. Das merkt man. 

Wird im Vorfeld internationaler Turniere engmaschiger untersucht?

Natürlich versucht man in einem größeren Umfang Informationen zu sammeln, wenn ein Turnier vor der Tür steht. Man muss sich aber immer vor Augen halten: Außerhalb der Abstellungsperioden, in denen die Spieler für die Nationalelf spielen, sind sie Angestellte ihres Vereins. Selbst wenn ich es nett fände, die Spieler öfter zu untersuchen, hätte ich gar keinen unmittelbaren Zugriff auf sie. Wir achten dann natürlich auf die Spieler bei den Fernsehübertragungen der Bundesliga und der Champions League und stehen in Kontakt mit den Mannschaftsärzten. 

Welche Untersuchungen sind denn vorgeschrieben?

Die Fifa schreibt verschiedene Untersuchungen für die Sporttauglichkeit vor. Die sind aber in Deutschland ebenfalls seit über zehn Jahren obligatorisch. Dazu gehören eine Anamnese, bei der unter anderem nach kardialen Beschwerden gefragt wird. Hinzu kommen körperliche Untersuchungen, Ruhe-EKG, Belastungs-EKG, Laborstatus und Echokardiographie. 

Wie groß ist das ärztliche Team der Nationalmannschaft? 

Wir sind drei Ärzte, wobei die beiden anderen - zwei Orthopäden - sich teilweise abwechseln. 

Was sind Ihre Aufgaben?

Ich decke den nicht-orthopädischen Bereich ab, somit alles, was nicht traumatologisch ist. Mein Bereich spielt stark in die Allgemeinmedizin hinein, manchmal haben Spieler Beschwerden mit der Haut oder mit den Augen. Dann kommen sie auch zu mir. Man könnte also sagen, ich arbeite hausärztlich-sportmedizinisch. Da muss man natürlich auch seine Grenzen kennen und bei Bedarf die entsprechenden Kollegen konsultieren.

Gehören weitere Bereiche zu Ihren Aufgaben?

Ja, beispielsweise das Anti-Doping-Management. Man muss natürlich darauf achten, nicht versehentlich ein Medikament zu verschreiben, das auf der Dopingliste steht. Natürlich passiert das nicht so schnell, aber beispielsweise bei der Gabe von Glukokortikoiden muss man schon aufpassen.

Gelegentlich geht es auch um Anträge auf Genehmigungen. Da gibt es eine Menge Formalkram, der mir zufällt. Außerdem bin ich mit dem Trainerstab stets im Gespräch, was die Belastung der Spieler angeht. Neudeutsch nennt sich das Trainingsmonitoring. Es geht im Prinzip um das richtige Belastungsmanagement: Kann die nächste Trainingseinheit sehr intensiv sein oder lieber nicht? Solche Fragen. 

Gibt es auch Zahnärzte im Team?

Ich gehe davon aus, dass die Spieler bei ihren Vereinen zu Hause jeweils einen Zahnarzt haben, aber es gibt keinen mitreisenden Zahnarzt für das DFB-Team. Es ist auch gut so, dass die Zahl der Team-Ärzte überschaubar bleibt, sonst würden wir einen medizinischen Overkill produzieren. Vor Ort in Brasilien gibt es übrigens einen Zahnarztkontakt in unserer Partnerklinik. 

Gehört denn sonst noch jemand zum medizinischen Team?

Es gibt vier Physiotherapeuten und einen Sportpsychologen. Fest im Team sind außerdem zwei Fitnesstrainer, zur WM sind es meistens zwei mehr, weil dann der Kader größer ist und ein größerer Schwerpunkt auf der individualisierten Fitnessvorbereitung im Trainingslager liegt.  

Das klingt, als hätte sich der deutsche Fußball stark professionalisiert.

Jein. Es wird sicherlich medial mehr über Maßnahmen gesprochen, die auch früher schon gelaufen sind. Aber im modernen Fußball ist eine stärkere Professionalität dahingehend zu spüren, dass man an allen möglichen Schrauben dreht, um den Trainingsreiz so gut wie möglich zu dosieren. Dies spiegelt sich auch in größeren Stäben wider.

Das bedeutet?

Zum einen bedeutet das ganz banal, dass man dokumentiert, was genau gemacht worden ist. Zum anderen kann man entweder auf Einzelspielerbasis - nach dem Motto: Der da kommt mir aber kaputt vor - oder aber für die Gesamtmannschaft Parameter erheben, mit denen man den Grad der Ermüdung oder den Grad der Erholtheit zu beschreiben versucht.

Wie machen Sie das? 

Ganz klassisch geht das beispielsweise mithilfe der Laborwerte für Kreatinkinase, kurz CK, und Harnstoff. Die CK wird immer dann besonders hoch ausfallen, wenn das Training mechanisch für einen Spieler sehr belastend war und zum Beispiel schwere Gewichte gestemmt wurden. Der Harnstoff wird immer dann hoch sein, wenn der Energieverbrauch in Relation zur Energiezufuhr hoch ist. Dann geht der Körper nämlich an seine Eiweißreserven und man findet vermehrt das Abbauprodukt des Eiweißes, also den Harnstoff, im Blut.

Es hilft, wenn man für jeden Spieler individuelle Normwerte hat. Man weiß, dass diese Laborwerte mit einer gewissen Vorsicht zu genießen sind und eigentlich nur dann richtig aussagekräftig, wenn man einen Sportler gut kennt, ihn idealerweise schon einmal bei einem Turnier betreut hat. Dann kann man seinen jetzigen Verlauf mit dem vorherigen vergleichen. In dieser Hinsicht haben wir eine sehr gute Datenbasis.

Aber zwischen den Turnieren liegt viel Zeit, die Spieler werden älter. Hat das einen Einfluss auf die Aussagekraft der Werte?

Das mag eine Rolle spielen. Aber die grundsätzliche Veranlagung, ob man schnell oder weniger schnell mit Anstiegen reagiert, die bleibt erhalten.

Es ist also ein Abwägen.

Genau. Und es ist auch nicht so, dass ich der Meinung bin, die Ärzte entscheiden das alles alleine. Diese Werte können zu einer vernünftigen Gesamtbewertung beitragen. Es ist aber nicht so, dass ich als Arzt sage, wo es langgeht. Da sprechen auch die anderen Fachleute und vor allen Dingen der Trainer ein Wörtchen mit.

Was trägt denn der Psychologe bei?

Es ist auf keinen Fall so, dass er die Spieler auf die Couch legt. Es geht primär um Coaching. Das kann ein Individualcoaching sein, es kann aber auch eine größere Gruppe oder die ganze Mannschaft miteinbeziehen. Mögliche Themen sind: Wie entspanne ich mich bei Lampenfieber vor einem Spiel? Wie reguliere ich meine Spannung, damit ich zwar immer motiviert bin, aber nie übermotiviert eine Rote Karte bekomme? 

Unterm Strich betrachtet: Wo nehmen Sie die Professionalisierung am stärksten wahr?

Sie kommt aus meiner Sicht am deutlichsten in der stärkeren Aufspaltung der Aufgaben zum Ausdruck. Spezialistentum ist an vielen Stellen eingezogen, wobei ich jetzt gar nicht mal unbedingt sagen würde, dass das in der medizinischen Abteilung am stärksten der Fall ist. Wir sind eigentlich unverändert aufgestellt. Neue Spezialisten finden sich insbesondere auf den Gebieten Fitness, Ernährung, Scouting, Spielanalyse und Psychologie.    

Prof. Dr. Tim Meyer ist ärztlicher Leiter des Instituts für Sport- und Präventivmedizin an der Universität des Saarlandes. Er studierte Medizin und Sport in Hannover und Göttingen, wo er 1997 promovierte. Im Jahr 2006 folgte die Habilitation an der medizinischen Fakultät in Saarbrücken. Seit 2001 begleitet der 46-Jährige die deutsche Fußballnationalelf als Teamarzt und hat in dieser Funktion bereits drei Weltmeisterschaften und zwei Europameisterschaften mitgemacht. Zu seinen Aufgaben gehören neben der medizinischen Versorgung aller nicht-orthopädischen Probleme das Anti-Doping-Management und die Leistungsdiagnostik.

Die Fragen stellte Susanne Theisen.
 

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