Freizeit

"Für das Volk blieben die Gaukler und Zahnbrecher"

Spitzenmediziner aus ganz Europa kamen in der Zeit von Katharina der Großen an den Zarenhof. Das Volk dagegen kannte keine Ärzte. Andreas Haesler vom Dentalmuseum Zschadrass erzählt, wie es um die zahnmedizinische Versorgung außerhalb des Hofes bestellt war.

picture alliance

Die ersten Zahnarztpraxen wurden in Russland erst im 19. Jahrhundert gegründet. Auf dem Foto sieht man die Nachbildung eines Behandlungszimmers einer St. Petersburger Praxis. Der Stuhl wurde um 1885 von der Firma Bruno Busse in Berlin gebaut und ist ein rein mechanischer Stuhl mit Kurbeln. Die verbauten hydraulischen Systeme waren eine absolute Rarität zu dieser Zeit. Die Familie Reich hatte den Stuhl um 1885 eingeführt und bis 1917 in der Praxis genutzt. Dentalmuseum
Russische Propaganda: Eine politische Postkarte von 1914, "Vertreibung der Gebrechen aus Russland". Dentalmuseum
Vor-Ort-Recherche: Andreas Haesler beim Eintrag ins Gästebuch des Medizinhistorischen Museums in Moskau. Die Flaggen und Wappen zeugen vom russischen Nationalstolz. Dentalmuseum
Bild von Pawel Georgiewitsch Dauge aus dem russischen Buch "Historie der sowjetischen Stomatologie" von 1983. Dentalmuseum
Der Winterpalast in Sankt Petersburg. picture_alliance
Katharina die Große picture_alliance

Ob der deutsche Hugenotte Johann Hermann Lestocq, der Niederländer Herman Kaau-Boerhaave oder der portugiesisch-französische Gelehrte António Nunes Ribeiro Sanches - die Ärzte am Zarenhof kamen alle aus Europa. Warum gab es dort keine russischen Mediziner?

Andreas Haesler: Vor der Zeit von Peter dem Großen gab es praktisch keine Zahnmedizin. Erst mit dem Zaren, der sich vom Konservatismus abkehrte, öffnete sich das Land nach Westeuropa. Viele Handwerker, Künstler, Lehrer und Ärzte gingen aus Neugierde nach Russland und betätigten sich auf den neuen, gut bezahlten Feldern.

Es entwickelte sich ein lebhafter Kontakt zwischen Europa und der entstehenden russischen Oberschicht in den beiden großen Zentren Petersburg und Moskau. Es heißt, dass der Franzose François Dubrelles  als erster am 6. Mai 1710 die Erlaubnis erhielt, eine zahnärztliche Praxis zu eröffnen, er war damit der erste Zahnarzt in Russland. Der Deutsche Friedrich Hoffmann erhielt 1730 als Erster die Erlaubnis von der Medizinischen Kanzlei, als Arzt zu praktizieren.

Die russische Oberschicht wollte keine ausgebildeten Russen, sie bevorzugte Ausländer. Dahinter steckte wohl die Angst vor einem wissenden und damit erstarkenden Volk. Die Zaren befürchteten, ihre absolutistische Machtstellung im eigenen Land zu verlieren.

Wie war die allgemeine zahngesundheitliche Versorgungssituation zu der Zeit in Russland?

Katharina die Große schrieb in ihren Memoiren über einen Fall von starken Zahnschmerzen: „Den 15. Dezember schmerzten mich die Zähne auf der Fahrt nach Petersburg wieder stark. Sobald ich den Schlitten verlassen hatte, ließ ich Boerhaave, den ersten Medikus Ihrer Hoheit holen. Ich bat ihn, mir einen Zahn zu entfernen, der mir schon vier oder fünf Monate keine Ruhe ließ.

Er willigte nicht ein; ich jedoch bestand energisch darauf. Er ließ endlich meinen Leibchirurgen Guyon holen. Man setzte mich auf den Boden, Boerhaave hielt mich von der einen Seite, Tchogolkowa von der anderen und Guyon  zog den Zahn; in dem Moment aber, da er mir den Zahn entfernte , strömte bei mir aus dem Munde plötzlich Blut, aus den Nase floß Wasser und aus meinen Augen stürzten mir die Tränen.“

Dies beschreibt die Versorgungssituation Russlands während dieser Zeit sehr deutlich. Wenn überhaupt, dann wurde die Oberschicht behandelt, für das Volk blieben die Heiler, Gaukler, Zahnbrecher und so manche Geistliche, die diese Gewerke mit betrieben. Die Russen mussten hinnehmen, wie es geschah.

Welche Rolle spielte die Zahnhygiene für das Volk?

Zahnhygiene kannte die einfache Bevölkerung nicht, höchstens vielleicht regional aus religiösen Gründen  im Zusammenhang mit der Anbetung Mohammeds und der damit verbundenen Reinigung. Diese Situation änderte sich selbst in der Sowjetunion nicht grundlegend, wobei die Bemühungen größer wurden: in den Zentren mit einem gewissen Erfolg und auf dem Land sehr wenig. Selbst an den Höfen war die Zahnhygiene wenig verbreitet, selbst in Europa fand sie ja kaum Anwendung.

Gab es Universitäten oder Schulen im Zarenreich, an denen Zahnmediziner ausgebildet wurden?

Die Ausbildung beginnt in Russland ab 1881 in St. Petersburg - so nannte Zar Nikolaus seine Hauptstadt Petersburg - durch den Dentisten Naschinski (nur zwei Jahre), in Warschau ebenfalls 1881 und in Moskau 1892. Mit Lenins Dekret vom 11. Juli 1918 wurde das Kommissariat für Gesundheitswesen gegründet. 1923 beschreibt Pawel Georgiewitsch Dauge, Leiter der Abteilung Zahnmedizin in der Behörde, die schlechte Mundgesundheit der Bevölkerung und mahnte dringendste Reformen an.

Erst in den 1930er Jahren begann man wieder ernsthaft mit der Ausbildung von Zahnärzten, im russischen Subnoi Wratsch. 1935 und 1936 wurden die ersten Ausbildungseinrichtungen an den Universitäten eingerichtet, mit einer vier jährigen Ausbildungszeit. 1933 schrieb Dauge das erste zahnmedizinsche Werk „Soziale Grundlage der sowjetischen Stomatologie“ (Odontologiia i stomatologiia ). Der Große Vaterländischen Krieg beendete diese Entwicklung, sie konnte erst nach 1945 wieder aufgenommen werden.

Die Fragen stellte Julian Thiel.

Andreas Haesler ist Kurator beim Dentalmuseum in Zschadrass. Immer wieder arbeitet er mit dem Staatlich-Historischen Museum in Moskau zusammen.

 

 

| Dentalmuseum

755517748801748802748803755518 755519 755509
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare




Weitere Bilder
Bilder schließen