Interview mit Dietmar Oesterreich

Ist die Standespolitik noch standesgemäß?

Prognosen zufolge wird im Jahr 2017 jeder zweite Zahnarzt eine Frau sein. Schon jetzt sind zwei Drittel aller Studienanfänger weiblich. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die derzeitige Standespolitik noch repräsentativ ist. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Dietmar Oesterreich.

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Im Gespräch: Prof. Dietmar Oesterreich, Präsident der Zahnärztekammer Mecklenburg-Vorpommern und Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer Foto: BZÄK

Prof. Dr. Dietmar Oesterreich, Präsident der Zahnärztekammer Mecklenburg-Vorpommern und Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), spricht im Interview über die aktuelle Situation, Entwicklung und Chancen für den zahnärztlichen Nachwuchs in der Standespolitik. Oesterreich ist seit 1991 in eigener Praxis niedergelassen. Im Jahr 2011 erfolgte seine Ernennung zum Professor an der Universität Greifswald.

Herr Prof. Dr. Oesterreich, wie würden Sie die aktuelle Nachwuchssituation in der Standespolitik beschreiben?

Prof. Dr. Dietmar Oesterreich: Wie in vielen gesellschaftlichen Bereichen, z. B. Parteien oder ehrenamtlichen Vereinen, ist die Nachwuchsgewinnung keine leichte Aufgabe. Wir brauchen junge Kolleginnen und Kollegen, damit auch sie ihre Interessen vertreten und ihre Vorstellungen einbringen können, aber verstehen natürlich, dass gerade zu Beginn viele neue fachliche Aufgaben und Informationen die volle Aufmerksamkeit fordern. Trotz alledem versuchen wir dazu zu motivieren, sich einzubringen. Und es scheint zu wirken. In diesem Jahr haben wir mit 25 Teilnehmern die bisher größte Teilnehmerzahl an der AS-Akademie für freiberufliche Selbstverwaltung und Praxismanagement. Das Interesse ist also vorhanden. Wir hoffen natürlich, dass auch diese Absolventen, wie die in den Jahren zuvor, berufspolitisch aktiv und so eine neue Generation an gut informiertem, berufspolitischem Nachwuchs werden, der die zahnärztlichen Interessen weiter vertritt. Auch das Engagement in den Fachschaften, das die (Landes-)Zahnärztekammern ausdrücklich unterstützen, ist ein erster wichtiger Schritt in die Berufspolitik.

Die Berufsauffassung und die gemeinsame Identifikation unterliegen einer stetigen Weiterentwicklung, sei es durch den Generationenwandel, die Zunahme des Frauenanteils oder gesellschaftliche Einflüsse. Wir sind auf den Input junger Kolleginnen und Kollegen angewiesen. Nur dadurch bleibt Standespolitik ein Kontinuum. Nicht zuletzt gewinnt man aus diesen Erfahrungen auch für die eigene berufliche Entwicklung.

Ist diese Zusammensetzung noch repräsentativ – z. B. vor dem Hintergrund der „Feminisierung der Zahnmedizin“? Falls nein, welche Maßnahmen hat die Standespolitik initiiert, diesen Umstand anzugehen?

Oesterreich: Im Jahr 2014 waren gut 43 Prozent der praktizierenden Zahnärzte weiblich, wie das Statistische Jahrbuch der BZÄK zeigt. Unter den Studierenden haben Frauen die Männer inzwischen weit überholt: Sie machen mit 65 Prozent klar die Mehrheit im Fach Zahnmedizin aus, bei den Studienanfängern liegen Frauen sogar mit zwei Dritteln vorne. Nach Prognosen wird im Jahr 2017 jeder zweite Zahnarzt eine Frau sein.

Wenn man sich vor diesem Hintergrund die vornehmlich männlichen Kammerversammlungen und Vorstände der Selbstverwaltungen anschaut, ist dies alles andere als repräsentativ. Deswegen sind wir aktiv, um mehr junge Zahnmediziner – und vor allem Zahnmedizinerinnen – für die Standespolitik zu begeistern. Unser Zukunftskongress Beruf und Familie, der seit zwei Jahren nach der BZÄK-Bundesversammlung die jungen Kolleginnen und Kollegen anspricht, hilft mit äußerst praktischen Tipps zu Fragen junger Zahnmediziner. Dort hat u. a. der junge Kammerpräsident Konstantin von Laffert den Weg in die Berufspolitik beschrieben. Außerdem haben wir bei der BZÄK schon lange den Ausschuss Beruf, Familie und Praxismanagement, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt und gemeinsam mit Dentista e. V. zahlreiche Initiativen für Berufsanfänger entwickelt. Der Vorstand der BZÄK hat sich in einer eigenen Klausurtagung mit diesen Entwicklungen auseinandergesetzt und in einem Memorandum die zukünftigen Aufgaben der Berufspolitik formuliert. (www.bzaek.de/bfp)

Im Vergleich zu früher: Hat sich die Einstellung der aktuellen Generation – oftmals zusammengefasst unter dem Begriff Gen Y – in Ihrer Wahrnehmung verändert?

Oesterreich: Die berufliche Sozialisation der jungen Zahnmedizinergeneration scheint sich gar nicht wesentlich von den anderen zu unterscheiden. Darauf weisen erste professionssoziologische Untersuchungen hin. Dies scheint auch für die Generation Y zu gelten. Allerdings wird die noch gar nicht so lange bestehende gesetzliche Möglichkeit eines Anstellungsverhältnisses sowohl bei Frauen als auch bei Männern deutlich häufiger und länger als bisher genutzt. Offensichtlich können so die Forderungen nach einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie eher umgesetzt werden. Bei der Niederlassung gibt es Konzentrationsprozesse im städtischen Raum und Ausdünnungseffekte im ländlichen Bereich. Diese Tatsache wird uns noch weiter beschäftigen.

Welche Wünsche/Erwartungen haben Sie an die aktuelle Generation der jungen Zahnmediziner?

Oesterreich: Ich wünsche mir, dass es sich die jungen Kolleginnen und Kollegen nicht nehmen lassen, die Rahmenbedingungen ihrer Berufsausübung aktiv mitzugestalten. Das gilt natürlich für die eigene Praxis, aber auch für die Zahnärzte als gesamten Berufsstand. Erfolgreich werden wir letztlich nur in unserer eigenen Praxis sein, wenn der deutlich überwiegende Teil des Berufsstandes die gleichen Werte und beruflichen Auffassungen teilt. Dieses Ringen und die Auseinandersetzung unter Beachtung gesellschaftlicher Prozesse geht nur mit der jungen Generation an Zahnmedizinern. Dazu bietet die Selbstverwaltung die richtige Plattform. Auch werden Organisation und Aufgaben der Körperschaften von der Politik regelmäßig infrage gestellt, und immer öfter wird versucht, Kompetenzen zu entziehen. Nur durch eine junge, engagierte und aktive Zahnärzteschaft, die sich dies nicht bieten lässt, können diese Strukturen genutzt werden, um den Nachweis für die Bedeutung der eigenen Interessenvertretung zu erbringen. Denn wer, wenn nicht wir, hat die Kompetenz auf dem Gebiet der Zahnmedizin?

Vorausgesetzt, ich möchte mich standespolitisch engagieren, wo und wie bekomme ich als junger Zahnmediziner einen Einstieg?

Oesterreich: Wenden Sie sich, je nach Ihren Interessen, an die Zahnärztekammer oder die Kassenzahnärztliche Vereinigung in Ihrem Bundesland. Es gibt viele Bereiche, in denen Sie sich engagieren können: von Weiterbildung über Praxisführung und Hygiene bis zur GOZ. Gehen Sie zu Fortbildungsveranstaltungen der Kammer und sprechen Sie die Referenten und Vertreter der Selbstverwaltung auch persönlich an. Auch die AS Akademie ist eine tolle Möglichkeit, einen Einblick zu bekommen und Kontakte zu knüpfen. Für junge Kolleginnen und Kollegen gibt es häufig Stammtische oder eigene Informationsveranstaltungen. Gehen Sie einfach auf die Leute zu, Sie werden in der Regel mit offenen Armen empfangen. Scheuen Sie sich nicht, wenn Sie angesprochen werden, und beteiligen Sie sich.

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