Brennpunkt

Morbus Google

Viele Hypochonder suchen diagnostische und therapeutische Hilfe im Netz. Doch nach der Recherche im Web fühlen sie sich oft viel kränker als zuvor: "Le malade imaginère" mit Web-Virus.

 

 

Mopic-Fotolia.com

Allem Anschein nach befindet sich eine der ältesten Krankheiten der Menschheit, die Hypochondrie mit Hilfe des Internets gewaltig auf dem Vormarsch. Auf unzähligen Foren werden Symptome ausgetauscht, Diagnosen gestellt und detaillierte Ratschläge zur Behandlung erteilt.

Die Recherche im Netz nach Gesundheitsinfos kann in vielen Fällen positiv ausfallen, doch die Suche birgt auch das Risiko, dass man sich hinterher kränker fühlt als zuvor, warnt die Wiener Psychologin und Medien-Expertin  Prof. Dr. Christiane Eichenberg im Fachjournal „Neurotransmitter“. 

Erstmal im Netz geklärt

Die Beschäftigung mit gesundheitlichen Problemen findet heute zunehmend im Internet statt. Nach einer repräsentativen Studie greifen 63,5 Prozent der Deutschen bei Gesundheitsfragen auf das Internet zurück, berichtet Eichenberg, Universitätsprofessorin für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Medien an der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien : „Obwohl die Recherche in vielen Fällen hilfreich sein kann, birgt die Suche im Internet die Gefahr einer Intensivierung gesundheitlicher Sorgen“.

Viele Menschen können die Flut an Informationen, der sie beim Googeln ausgesetzt sind, kaum bewältigen, geschweige denn richtig einschätzen. Das Phänomen wird bereits als „Cyberchondrie“ bezeichnet und definiert sich als unbegründete Angst oder erhöhte Aufmerksamkeit auf ernste Krankheiten, die durch Informationen aus dem Web ausgelöst wird.

Das Phänomen der Cyberchondrie

Nach dem psychiatrischen Klassifizierungssystem DSM-IV (auf deutsch: Diagnostisches und statistisches Handbuch psychischer Störungen) ist Hypochondrie eine „übermäßige Beschäftigung mit der Angst oder der Überzeugung, eine ernsthafte Krankheit zu haben, was auf einer Fehlinterpretation kö̈rperlicher Symptome durch die betroffene Person beruht. Die Beschäftigung mit den Krankheitsängsten bleibt trotz angemessener medizinischer Abklärung und Rückversicherung durch den Arzt bestehen“.

In der Allgemeinbevölkerung rechnet man mit einem Anteil von 6,7 Prozent von Hypochondern. Die Beschwerden der eingebildeten Kranken zeigen eine schildernde Vielfalt. Die milde und häufigste Form einer Hypochondrie äußert sich in der übermäßigen Beschäftigung mit dem eigenen Körper, ohne dass irgendwelche Symptome vorhanden wären. Das reicht von der vorübergehenden, leichten Störung zum Beispiel eines Medizinstudenten, der zum ersten Mal mit einem Krankheitsbild konfrontiert wird und dessen Symptome prompt auch bei sich selbst zu erkennen meint, bis zur hartnäckigen Überzeugung, unter einer lebensgefährlichen Krankheit zu leiden, die von den Ärzten nicht akzeptiert wird.

Manche Psychiater zählen schon Müsli-Fans und fanatische Jogger zu den Hypochondern. Problematisch wird die Sache aber, wenn die unbegründete Angst vor ernsten Krankheiten durch jeden zusätzlichen Mausklick im Web noch gesteigert wird. In den Selbsthilfe-Foren schaukeln sich Laien gegenseitig hoch und erklären unbewiesene Annahmen als wahr. Die Flut von Informationen ist kaum zu bewältigen und führt leicht zu einem neuen Krankheitsbild, zum „Morbus Google“.

Die Fehlinterpretation alltäglicher Symptome als ernsthafte Krankheiten führt zu unnötigen Befürchtungen, zu einer jedes Maß überschreitenden Investition von Zeit und zu kostenintensiven Konsultationen von Ärzten. 

Als Illustration für die bei Internetrecherchen entstehende Verunsicherung der Patienten zitiert Eichenberg folgendes Posting aus einem Forum medizinischer Laien: „Hallo, also mich hat eine Zecke gebissen und mich verunsichert das Ganze ziemlich. Ich habe schon meinen gesamten Körper abgesucht, aber es war anscheinend nur eine Zecke, die sich in meinem Intimbereich festgebissen hatte. Ich denke, sie hat mich erst vor etwa 12 bis 16 Stunden gebissen, aber es ist halt ein blödes Gefühl, wenn ich weiß, dass ich erst in einigen Tagen/Wochen/Monaten/Jahren erkranken könnte. Jetzt ist meine Frage an Euch: Sollte ich zum Arzt gehen? Habe die Stelle schon desinfiziert, ein wenig Blut ausgedrückt, aber trotzdem. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich erkranke oder überhaupt irgendwelche Symptome auftreten? Also, ich mach mir gerade wegen der Zeit viele Gedanken und dachte, ihr könnt mir vielleicht ein paar Zahlen liefern. Also, ich bedanke mich schon mal für jede Antwort.“ Auf dieses Posting bekam die Rat suchende Person innerhalb weniger Stunden ein knappes Dutzend Antworten mit zum Teil einander völlig entgegengesetzten Empfehlungen.

Ein Magnet für Hypochonder

Wie oft aber stecken hinter der Internetsuche nach gesundheitlichen Informationen tatsächlich hypochondrische Ängste? Zur Klärung dieser Frage wurden 471 deutsche Nutzer mit speziell entwickelten Fragebögen interviewt. 84,5 Prozent von ihnen waren Männer, 15,5 Prozent Frauen, das Durchschnittsalter lag bei 40 Jahren. Eichenberg über das Ergebnis: „Es ließen sich gut zehn Prozent der Befragten als hypochondrisch einstufen, während knapp 15 Prozent der Gruppe ‚Verdacht auf Hypochondrie’ zugeordnet werden konnte. Der Anteil gesundheitsängstlicher Personen scheint somit unter den Nutzern gesundheitsbezogener Onlineangebote deutlich höher zu liegen als in der Allgemeinbevölkerung, in der eine Häufigkeit von 6,7 Prozent für Hypochondrie angenommen wird.“ 

Obwohl es im Internet von Online-Enzyklopädien, Gesundheitsportalen und Beratungsangeboten von medizinischen Experten geradezu wimmelt, stehen diese Websites erstaunlicherweise nicht an der Spitze des Interesses der Cyberchonder: Mit 60 Prozent am häufigsten sucht man den Rat von anderen Betroffenen auf gesundheitsbezogenen Internetforen. Erst danach folgt Wikipedia als Informationsquelle. Beratungsangebote von ausgewiesenen medizinischen Experten werden dagegen wesentlich seltener genutzt.

Der Bestätigungsbias

Die Verarbeitung der gewonnenen Informationen geschieht zudem nach dem typischen Muster der „selektiven Wahrnehmung“. Was in das eigene Denkmuster passt, wird öfter akzeptiert, was dem widerspricht, eher abgelehnt oder übergangen. Eichenberg: „Ein insbesondere für die Cyberchondrie relevanter Faktor ist dabei das Vorliegen eines ‚Bestätigungsbias’ (Bias: statistische Verzerrung). Dabei wird eine selektive Aufmerksamkeit auf Informationen gerichtet, die auf eine Krankheit als Ursache von Symptomen hindeuten, während Gegenbelege häufig ignoriert werden. Aufgrund der Informationsfülle des Internets ist es dabei sehr wahrscheinlich, bei einer Online-Recherche scheinbar bestätigende Informationen für das Vorliegen einer ernsthaften Krankheit zu finden.“

Schwere Formen der Hypochondrie werden von den Psychiatern als neurotische Störung betrachtet. Das beliebte Handbuch amerikanischer Ärzte, dass auch in deutscher Übersetzung als „MSD-Manual“ in Gebrauch ist, definiert die „Hypochondrie-Neurose“ wie folgt: „Der hypochondrische Patient beklagt sich über Symptome in allen möglichen Körperregionen, zumeist im Magen-Darm-Trakt, in der Brust, im Kopf und im Halsbereich. Die Symptomatik kann auf einer gesteigerten Wahrnehmung körperlicher Empfindungen oder auf unwesentlichen Funktionsstörungen wie auf leichten örtlichen Schmerzen oder Unbehaglichkeit beruhen. Die Beschwerden werden oft minutiös genau nach Ort, Art und Dauer beschrieben.“

Hypochonder neigen dazu, sich durch ständige Kontrolle ihrer Körperfunktionen zu vergewissern, "ob alles noch in Ordnung ist“. Typische Beispiele dieses „Body Checking“ sind:

• die tägliche Untersuchung der Brust aus Angst vor Brustkrebs;
• die Begutachtung jeden Stuhlganges aus Angst vor Darmkrebs;
• die regelmäßige Messung von Blutdruck und/oder Puls aus Angst vor Herzerkrankungen;
• das häufige Überprüfen des Gewichts aus Angst vor Abmagern aufgrund von Krebs;
• das wiederholte Absuchen der Haut nach Veränderungen aus Angst vor Hautkrebs;
• das Ausführen von Sehtests, wie zum Beispiel das Lesen von weit entfernten Texten aus Angst vor einem Gehirntumor oder neurologischen Erkrankungen;
• das Laufen auf einer Linie oder das Berühren der Nase mit geschlossenen Augen aus Angst vor neurologischen Erkrankungen;
• das Abtasten der Lymphknoten aus Angst, mit HIV infiziert worden zu sein.

Derartige Manöver können zwar kurzfristig beruhigend wirken, auf lange Sicht führen sie jedoch dazu, dass tatsächlich auftretenden körperlichen Beschwerden eine übertrieben große Bedeutung zugeschrieben wird.

Eines steht fest: Konkurrent Google hat die tägliche Arbeit der Mediziner eher erschwert als erleichtert. Der Versuch der Ärzte, ihren hypochondrischen Patienten die Symptome ausreden zu wollen, erweist sich meist als völlig verlorene Liebesmüh: Der eingebildete Kranke misstraut grundsätzlich allen gut gemeinten ärztlichen Versicherungen und sucht krampfhaft nach immer neuen Hinweisen, die seine Befürchtungen bestätigen.

„Ärzte müssen heute darauf vorbereitet sein, dass sich Patienten Informationen aus dem Internet beschaffen und sich somit auch die traditionelle Arzt-Patient-Beziehung verändert“, so Eichenberg. Die neue Situation sollten die Mediziner jedoch nicht lediglich als gegeben hinnehmen, sondern sich auch aktiv darauf einstellen, meint die Expertin: „In der alltäglichen Sprechstunde sollten Ärzte internetbasierte Gesundheitsrecherchen von sich aus thematisieren und vor allem bei hypochondrisch disponierten Patienten die negativen Auswirkungen der Selbstrecherchen problematisieren.“ Ob der Patient dann eher ihnen glaubt als seinen mitleidenden Gesprächspartnern in den Internetforen, bleibt offen.

Da ihre größte Befriedigung darin besteht, körperliche Symptome zu finden, die ihre Ängste und Ahnungen bestätigen, erfreuen sich Hypochonder regelrecht einer schlechten Gesundheit. Sie gehören auch zu den wenigen, die sich tatsächlich an die meisten Gesundheitsempfehlungen der Medizin halten, die sich der durchschnittliche Bürger nur ganz selten zu Herzen nimmt. Das ist wohl der Grund, weshalb Hypochonder eine längere Lebenserwartung haben als andere Menschen. 

Einige Beispiele: Der berühmte Naturforscher Charles Darwin sah sich bereits mit 27 Jahren seinem Tode nahe, starb aber erst mit 72. Auch die ebenfalls berühmte britische Krankenschwester Florence Nightingale wähnte sich schon mit 40 Jahren todkrank, lebte jedoch noch weitere 50 Jahre in bester Gesundheit. Hypochonder Thomas Mann wurde 80 Jahre alt, sein Leidensgenosse Charlie Chaplin starb mit 88 Jahren.

Verbürgt ist allerdings auch der Fall eines Autors und Schauspielers, der gewissermaßen der Hypochondrie zum Opfer fiel: Molière, der mit seiner Komödie „Der eingebildete Kranke“ der Figur des Hypochonders zum ewigen literarischen Leben verhalf. Sein Held leidet an der Furcht, er könnte krank werden oder gar schon krank sein und begibt sich deshalb in die Hände skrupelloser Ärzte. Molière machte sich über seine Kunstfigur lustig - er fand jedoch durch eben diese Figur selbst den Tod: Der Dichter starb auf der Bühne, als er die Rolle des Hypochonders spielte und sich im Spaß eigentlich nur den den Puls fühlte.

Eichenberg C, Wolters C Cyberchondrie - ein modernes Symptom? NeuroTransmitter 2013; 24(7-8), S. 28-32 Eichenberg C, Wolters C, Brähler E (2013) The Internet as a Mental Health Advisor in Germany - Results of a National Survey. PLoS ONE 8(11): e79206. doi:10.1371/journal.pone.0079206
 
 

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