Brennpunkt

"Nichts macht mehr Spaß ohne Crystal"

Was für Menschen nehmen eigentlich "Crystal"? Die Uni Hamburg hat die Konsumenten genauer analysiert und kommt zu schockierenden Ergebnissen. Ein Interview mit dem Studienautor und Medizinethnologen Sascha Milin.

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zm-online: Sie haben maßgeblich an der Studie "Amphetamin und Methamphetamin - Personengruppen mit missbräuchlichem Konsum und Ansatzpunkte für präventive Maßnahmen" mitgewirkt. Innerhalb der befragten Personen wurden sieben Gruppen identifiziert.

Sascha Milin: Bei der Bildung und Charakterisierung der Gruppen haben wir uns die unterschiedlichen Motive und Konsumkontexte sowie auch soziodemografische Besonderheiten angeschaut. Wir haben uns hierbei von den Anforderungen an zielgruppenspezifische Prävention leiten lassen. Bei den identifizierten Gruppen erscheint es uns plausibel, dass jeweils unterschiedliche Maßnahmen und Zugangswege erforderlich sind.

Was sind die wichtigsten Abgrenzungskriterien?

Die Methamphetamin-Konsumenten lassen sich nicht immer eindeutig abgrenzen beziehungsweise einer der genannten Gruppen zuordnen. Vermutlich muss man häufig von aufeinander folgenden Phasen ausgehen. Zum Beispiel scheint der Freizeitbereich bei Crystal vorrangig ein Einstiegskontext zu sein. Die meisten der von uns befragten Methamphetamin-Konsumenten haben berichtet, nach anfänglichem Konsum in der Freizeit sehr schnell auch in weiteren Lebensbereichen konsumiert zu haben.

Sascha Milin hat an der Modellstudie über Konsumentengruppen von Methamphetaminen mitgearbeitet. | privat

Konsumieren die unterschiedlichen Gruppen Methamphetamine von vergleichbarer Qualität?

Vermutlich ja. Derzeit ist Methamphetamin in Deutschland vor allem als hochreines kristallines Produkt auf dem Drogenmarkt erhältlich. Gerade der hohe Wirkstoffgehalt macht es so gefährlich. Man kann davon ausgehen, dass eine „Line“ etwa 80 bis 120 mg Wirkstoff enthält. Das früher erhältliche Aufputschmittel Pervitin beinhaltete 3 mg Wirkstoff pro Tablette.

Sind alle Gruppen gleichermaßen gefährdet die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren?

Bei Methamphetamin glaube ich das schon. Bei allen Gruppen finden sich Schilderungen, die auf ein frühzeitiges Auftreten einer Abhängigkeit hindeuten. Einen sporadischen, sozial integrierten Konsum scheint es bei dieser Droge kaum zu geben. Häufig wird beschrieben, dass gar nichts mehr Spaß macht, wenn man dabei nicht konsumiert.

Auch Konsumenten mit Kindern bilden eine eigene Gruppe. Warum greifen Eltern zu Methamphetaminen?

Das hat verschiedene Gründe. Viele der von uns befragten Konsumenten sind in sehr jungem Alter Eltern geworden und fühlen sich extrem überfordert. Sie glauben teilweise, dass sie durch den Stimulanzienkonsum den Alltag besser meistern können. Viele merken aber auch schnell, dass dies nach hinten losgeht.

Seit einigen Jahren gibt es eine starke mediale Berichterstattung über die teilweise extrem zerstörerischen Folgen der Methamphetamine. Dennoch scheinen die Zahlen der Konsumenten zuzunehmen. Wie erklären Sie sich das?

Die medialen Schockbilder übertreiben die entstellenden Veränderungen im Gesicht. Zumindest in Deutschland treten sie in diesem extremen Ausmaß nicht auf. Deshalb glauben viele Jugendliche, dass alle Warnungen vor der Gefährlichkeit der Substanz übertrieben sind. Zudem wird Crystal, ebenso wie andere Drogen, häufig in Situationen erstmals konsumiert, wo man nicht viel über Gefahren nachdenkt. Ich vermute auch, dass in manchen Jugendkulturen die Droge gerade wegen ihres teuflischen Images beliebt ist.

Wie aufgeklärt sind die Konsumenten Ihrer Einschätzung nach über die Gefahren des Konsums?

Mittlerweile scheinen die Konsumenten zu wissen, dass ein hohes Risiko besteht. Allerdings überschätzt man sich leicht. Wahrscheinlich wird häufig geglaubt, man selbst könne das schon verkraften.

Sascha Milin ist Mitarbeiter des Zentrums für interdisziplinäre Suchtforschung an der Universität Hamburg und Co-Autor des Sachberichts "Amphetamin und Methamphetamin - Personengruppen mit missbräuchlichem Konsum und Ansatzpunkte für präventive Maßnahmen" des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) der Universität Hamburg.


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