Brennpunkt

Positiv zusammen leben

Zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember gab Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) in Berlin den Startschuss für eine groß angelegte Aufklärungskampagne. Das Ziel: mehr Toleranz und Solidarität im Umgang mit HIV-Positiven.

Syda Productions - Fotolia.com

"Positiv zusammen leben" ist die neue Kampagne zum Welt-Aids-Tag 2014, herausgegeben von den Initiatoren der Gemeinschaftsaktion: dem Bundesgesundheitsministerium (BMG), der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), der Deutschen Aids-Hilfe (DAH) und der Deutschen Aids-Stiftung (DAS). zm-nh
In der Plakataktion werden Alltagssituationen aufgegriffen, in denen Menschen sich entscheiden müssen, ob sie den jeweiligen Sozialkontakt mit HIV-positiven Menschen als problematisch einschätzen oder nicht. BZgA
"99 Prozent der Deutschen wissen, wie HIV übertragen wird. Hier haben wir mit der Präventionsarbeit viel erreicht. Die aktuelle Studie der BZgA zeigt aber auch, dass es gerade im Umgang mit HIV-positiven Menschen noch immer Unsicherheiten und Ängste gibt. [...] Wir müssen weiter aufklären. Wer besser informiert ist, geht offener auf HIV-positive Menschen zu", sagte Bundesminister Hermann Gröhe in Berlin. zm-nh
"Die Tatsache, dass viele Patienten nicht um ihre Infektion wissen oder aufgrund negativer Erfahrungen diese dem behandelnden Zahnarzt nicht mitteilen, bedingt die Regel, dass jeder Patient so behandelt werden muss, als ob er infektiös wäre", erläuterte Prof. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer. zm-nh
Die BZgA hat 1.002 Deutsche befragt, wie es um ihr Wissen und ihre Einstellung im Hinblick auf Alltagssituationen steht, in denen es kein HIV-Übertragungsrisiko gibt. Das Ergebnis: 85 Prozent der Befragten würden sicher mit einem HIV-positiven Kollegen zusammen essen gehen, nur 1 Prozent sagt: "Nein, wahrscheinlich nicht." BZgA
Dagegen antworten 48 Prozent auf die Frage, "Würdest Du jemanden mit HIV küssen?", mit: "Nein, wahrscheinlich beziehungsweise sicher nicht." Nur 13 Prozent würden einen HIV-Positiven ganz sicher küssen. Die Studie zeigt damit, dass Situationen in denen kein Körperkontakt im Spiel ist, als überwiegend sicher wahrgenommen werden. BZgA

Viele Menschen in Deutschland wüssten zwar gut über HIV Bescheid, erklärte Gröhe, das eigentliche Problem sei aber, dass es im Umgang mit HIV-positiven Menschen aber noch immer Unsicherheiten und Ängste gebe. „Die Kampagne ist ein Appell, HIV-positive Menschen nicht auszugrenzen“, betonte der Gesundheitsminister. Man wolle bestehende Ängste aufgreifen und durch verbesserte Informationen einen offeneren Umgang mit den Infizierten fördern. 

Würden Sie einen HIV-Positiven küssen?

Eine jetzt veröffentlichte Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zeigt die Unsicherheit vieler Menschen in Deutschland im Umgang mit HIV-Infizierten. Über 1.000 Frauen und Männer wurden zu ihren Ängsten befragt. Die Ergebnisse: Je intensiver persönliche Körperkontakte zu HIV-positiven Menschen sein könnten, desto größer sind die Unsicherheiten.

Auf die Frage: "Würdest Du mit einem HIV-positiven Kollegen gemeinsam in die Kantine gehen?", antworteten 85 Prozent, dass sie dies machen würden. Auf die Frage: "Würdest Du jemanden mit HIV küssen", antwortete fast jeder Zweite ablehnend - obwohl auch hier kein Ansteckungsrisiko besteht.

Mehr Aufklärung für mehr Toleranz

Mit der jetzt gestarteten Kampagne "Positiv zusammen leben" sollen genau diese Unsicherheiten abgebaut werden. Gemeinsam mit der Deutschen Aids-Hilfe, der Deutschen Aids-Stiftung und der BZgA plädiert das Gesundheitsministerium für einen angst- und vorurteilsfreien Umgang mit HIV-Positiven.

Auch die Bundesärztekammer (BÄK) und die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) rufen zu einem vorurteilsfreien Umgang mit den Betroffenen auf. „Etliche Ängste vor einer HIV-Übertragung im Alltag sind unbegründet“, betonte BZÄK-Vizepräsident Prof. Dietmar Oesterreich. Das gelte auch für die Praxis: "In den Zahnarzt- und Arztpraxen in Deutschland gelten sehr hohe Hygienestandards für jeden Patienten. HIV-Patienten nehmen hier keine Sonderrolle ein", hob er hervor.

Eine zahnärztliche Behandlung HIV-positiver Patienten erfordere deshalb keine zusätzlichen Maßnahmen für Hygiene und Arbeitsschutz. Eigene Behandlungsräume für HIV-Infizierte oder Behandlungen am Ende des Sprechtages seien völlig unnötig und würden die Stigmatisierung und Ausgrenzung dieser Patientengruppe nur befördern, so der BZÄK-Vize.

Patient ist Patient

„Aufgabe von Ärzten ist es, ihre Patienten nach einer Diagnose aufzufangen und sie medizinisch zu betreuen. Ärzte wirken aber auch präventiv und klären über Ansteckungsrisiken auf. So gehen sie gegen Verharmlosung und gesellschaftliche Vorurteile an“, erklärte Dr. Martina Wenker, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer.

Wenker wies darauf hin, dass Ärzten ein breites Spektrum von Fortbildungsveranstaltungen zur Verfügung steht, die von den Ärztekammern anerkannt sind. Hier können sie sich unter anderem über innovative Therapiestrategien informieren, sich in interdisziplinären Fallbesprechungen fachlich austauschen oder auch mit Fragen der Psychotherapie von HIV-Infizierten befassen. „Aidspatienten haben einen Anspruch auf eine gute ärztliche Versorgung mit Engagement und dem Respekt für die menschliche Würde“, bekräftigte Wenker.

In Deutschland leben rund 80.000 Menschen mit HIV. Weltweit sind etwa 35 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert. Am 1. Dezember 2014 fand der Welt-Aids-Tag zum 27. Mal statt. Er soll weltweit daran erinnern, dass das HI-Virus längst nicht besiegt ist, längst nicht alle HIV-infizierten Menschen Zugang zu Medikamenten haben und alle Betroffenen noch immer Ausgrenzung und Stigmatisierung erleben.

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