Brennpunkt

Rauchen gefährdet die Volkswirtschaft

Rauchen schadet der Gesundheit. Doch Rauchen schadet auch der Volkswirtschaft. Sagt Wirtschaftswissenschaftler Tobias Effertz. Er hat die Kosten erforscht.

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"Die Erträge aus der Tabaksteuer decken nicht das ab, was die Raucher an Kosten verursachen", sagt Effertz, Wirtschaftswissenschaftler der Universität Hamburg, und fordert "eine deutliche Tabaksteuererhöhung". Laut Effertz beliefen sich die tabakbedingten Kosten 2007 auf mehr als 33 Milliarden Euro. Die Tabaksteuer brachte 2007 jedoch nur 14 Milliarden Euro ein.

Medizinische Kosten in Milliardenhöhe

Die tabakbedingten Kosten für die Volkswirtschaft setzen sich, rechnet Effertz vor, aus den direkten Kosten des Gesundheitssystems und aus indirekten Arbeitskosten zusammen. Die direkten Kosten erfassen den Wert von Arzneimitteln, medizinischen Dienstleistungen wie Operationen sowie die Aufwendungen für Rehabilitationsmaßnahmen. In der Summe belaufen sich diese laut Effertz auf fast 9 Milliarden Euro.

Der größte Teil der direkten Kosten entfällt mit mehr als 3 Milliarden Euro auf die Krankenhäuser und die Arztpraxen. Für die Zahnarztpraxen ergeben sich 509 Millionen Euro direkte Kosten aus dem Rauchen. Weitere direkte Kosten wie Unfälle im Straßenverkehr durch Unachtsamkeit beim Zigarettenanzünden während der Fahrt oder die Müllbeseitigungskosten für Zigarettenkippen und Asche könnten aufgrund unzureichender Daten nicht berücksichtigt werden, so der Wirtschaftswissenschaftler.

28 Millionen Euro für Zigarettenpausen

Als indirekte Kosten werden diejenigen Belastungen bezeichnet, die dadurch entstehen, dass aufgrund von Krankheit und vorzeitigem Tod ansonsten von den Betroffenen hergestellte Güter und Dienstleistungen nicht erstellt werden. Das sind die konsumbedingten Produktivitätsausfälle einer Volkswirtschaft, erklärt Effertz. Bei einer Maschine wären dies die aufgrund Maschinenstillstands nicht erzeugten Güter. Die indirekten Kosten des Tabakkonsums 2007 betrugen insgesamt 24,89 Milliarden Euro. Zusammen mit den direkten Kosten entstehen somit Kosten von 33,55 Milliarden Euro für den angegebenen Zeitraum.

Steueranteil des Kaufpreises liegt bei 74 Prozent

Der Staat versucht in verschiedener Weise Einfluss auf das Rauchverhalten zu nehmen. Zum einen reguliert er das Kaufverhalten durch die Tabaksteuer, zum anderen investiert er in Aufklärungs- und Gesundheitskampagnen. "Um die Zahl der Raucherinnen und Raucher in Deutschland nachhaltig senken zu können, spielen Maßnahmen der Prävention und gesetzliche Regelungen zum Jugendschutz, Nichtraucherschutzgesetze sowie der Preis für Tabakwaren eine wichtige Rolle", sagt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Mechthild Dyckmanns. So wurde die Tabaksteuer in den vergangenen zehn Jahren in mehreren Schritten deutlich angehoben.

"Im Jahr 2010 wurden weitere fünf Tabaksteuererhöhungen bis zum Jahr 2015 beschlossen", erklärt Dyckmanns. Die letzten Stufen erfolgen zum 1. Januar 2015. Laut dem deutschen Tabaksteuergesetz soll die Steuer für Zigaretten dann mindestens 19,64 Cent je Stück betragen. Aktuell liegt der Preis bei 9,44 Cent pro Zigarette. Der Steueranteil liege derzeit bei 74 Prozent des Kaufpreises und leiste damit einen wichtigen Beitrag, um die Raucherquote und die Zahl der gerauchten Zigaretten zu senken, erklärt die Drogenbeauftragte. "Über eine Erhöhung der Steuer und weiterer Ausgaben für die Prävention, die unbedingt erforderlich ist, hat der Deutsche Bundestag im Rahmen der Haushaltsberatungen zu entscheiden."

Tabakindustrie: "Konkrete Bezifferung der Kosten nicht möglich"

Die Tabakindustrie teilt Effertz Auffassung naturgemäß nicht. "Eine Gegenüberstellung beider Kenngrößen 'volkswirtschaftlicher Schaden gegen dessen Nutzen' ist unserer Einschätzung nach mit sehr vielen Unsicherheiten und Ungenauigkeiten behaftet", sagt Alexander Manderfeld vom Verband der deutschen Rauchtabakindustrie. Seine Schlussfolgerung: „Konkrete Bezifferungen entsprechender volkswirtschaftlicher Kosten sind daher nicht möglich.“ Und: Eine "monokausale 1:1 Betrachtung" der Ursachen sei schwer vorzunehmen.

Von einer voreiligen Erhöhung der Steuer auf Tabakwaren rät Manderfeld ab. Stattdessen sollen man die Evaluation der laufenden Steuermodelle abwarten. Dirk Pangritz vom Deutschen Zigarettenverband wird deutlicher: "Überzogene Steuererhöhungen führen zu einer Zunahme des Konsums von nicht in Deutschland versteuerten Zigaretten. Dies stellt ein besonderes Risiko dar, da für diese Produkte keine Qualitätskontrolle vollumfänglich gewährleistet ist und die Absatzkanäle unsere Anstrengungen zum Jugendschutz unterlaufen."

Maßnahmen zum Nichtraucherschutz

Eine weitere Möglichkeit, junge und erwachsene Menschen vom Rauchen abzuhalten, sind Warnhinweise auf den Tabakverpackungen. Schockfotos auf Zigarettenpäckchen zu drucken, wie es die EU plant, sieht Effertz er als wenig sinnvoll an. "Einheitsschachteln wären eine bessere Lösung gewesen, denn solange die Tabakindustrie die Gestaltungsmöglichkeiten um die Warnhinweise herum behält, wird sie versuchen, diese bestmöglich zu kaschieren", sagt er.

Außerdem neigten Menschen dazu, negative Botschaften auszublenden, erklärt Patricia Grünberg, Kommunikationsforscherin an der Universität Leipzig. Denn auch das eigene Gehirn täusche den Konsumenten. "Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass wir versuchen, unangenehme  Botschaften oder bedrohliche Aussagen zu vermeiden."

Jeder Mensch entwickle ganz unterschiedliche, teilweise auch mehrere Strategien der Vermeidung, so Grünberg. "In Bezug auf die Tabakwerbung ist wahrscheinlich, dass die Betroffenen versuchen, den Kontakt mit den Bildern zu minimieren, in dem Sie die Hinweise abdecken. Oder man redet es sich schön. Nach dem Motto Helmut Schmidt raucht auch und ist über 90 Jahre alt geworden", so die Kommunikationsforscherin. Man dürfe bei der ganzen Diskussion nicht vergessen, dass es sich bei Rauchen häufig um eine Sucht handelt, betont sie. Und Süchte könne man nicht einfach mit Schockbildern beenden. Eine präventive Wirkung hält sie für wahrscheinlicher.

"Wozu die Hinweise und Schockbilder schon führen können, ist, dass sich gerade Jüngere gar nicht erst dem Rauchen zuwenden und damit auch nicht abhängig werden", sagt Grünberg. Auch aus ihrer Sicht könne eine Einheitsverpackung sinnvoll sein, weil somit der "Imageeffekt" beim Einstieg ins Rauchen wegfiele.

Am besten gar nicht erst anfangen

Für Menschen die schon rauchen aber aufhören wollen, gibt es verschiedene Angebote. Beispielsweise die Website rauchfrei-info.de, die in Kooperation mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung entstanden ist. Hier werden nicht nur viele gute Gründe zum Aufhören genannt, sondern auch Erfolgsgeschichten geteilt und Email-Coachings angeboten.

Tobias Effertz promovierte an der Universität Hamburg zu den volkswirtschaftlichen Kosten des Rauchens und beschäftigt sich neben Kosten-Nutzen-Analysen vor allem mit Kindermarketing, empirischer Wirtschaftsforschung und Neuroökonomie.
 
 

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