Wünsche der Generation Y

So wollen junge Zahnärzte arbeiten

Warum die Einzelpraxis nach wie vor erfolgreich ist, Kooperationen oft auf Zeit angelegt sind und Medizinische Versorgungszentren den freien Zahnarztberuf aushöhlen, erläutert Dr. David Klingenberger, Diplom-Volkswirt und stellvertretender Wissenschaftlicher Leiter am Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ).

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Einerseits bevorzugen junge Zahnmediziner das Angestelltenverhältnis, andererseits machen sich laut aktuellem InvestMonitor Zahnarztpraxis knapp zwei Drittel der Zahnärzte selbstständig, indem sie eine Einzelpraxis übernehmen. Wie passt das zusammen?

Dr. David Klingenberger: Im InvestMonitor können wir nur die Existenzgründungen abbilden, die tatsächlich stattgefunden haben. Wenn wir von den Approbationszahlen ausgehen, lassen sich immer weniger Zahnärzte nieder. Das heißt: Wir wissen nichts über diejenigen, die sich nicht niedergelassen haben. Insofern steht nicht die Einzelpraxis auf dem Prüfstand, sondern die Niederlassung an sich. Die Einzelpraxis ist nach wie vor erfolgreich, weil Zahnärzte dort eigene Vorstellungen am besten umsetzen können - auch wenn es mitunter etwas teurer ist.

Können Sie denn beobachten, dass Einzelpraxisgründer später noch kooperieren beziehungsweise expandieren?

Unsere Untersuchungen belegen eher das Gegenteil: Viele Berufsausübungsgemeinschaften (BAG) sind nur Kooperationen auf Zeit. Oft bleibt der bisherige Inhaber erst einmal dabei, während sich der neue Partner mit der Hälfte einkauft. Das hat den Vorteil, dass der ideelle Wert, die Patientenklientel, erhalten bleibt. Wenn alles gut läuft, steigt der alte Inhaber aus - und die BAG ist wieder eine Einzelpraxis. Insofern ist die Einzelpraxis beileibe kein Auslaufmodell, für viele ist sie nach wie vor genau das Richtige.

Aber Einzelpraxen lassen sich nicht mehr so gut veräußern wie noch vor einigen Jahren.

Auf der einen Seite gibt es seit 2007 immer mehr Praxen, die auf dem Markt sind. Andererseits finden sich immer weniger, die überhaupt bereit sind, sich niederzulassen. Diese Nachfragelücke hat zur Konsequenz, dass die Preise unter Druck geraten. Wer eine Einzelpraxis sucht, findet entsprechende Angebote. 2007 war das noch anders, die Zeiten sind also gut für Einzelpraxis-Übernahmen.

 

"Käufer und Verkäufer haben sehr unterschiedliche Blickweisen auf den ideellen Wert einer Praxis."

Was steckt hinter dieser Entwicklung?

Wir haben in einem Projekt zum Thema Sozialkapital festgestellt, dass Käufer und Verkäufer sehr unterschiedliche Blickweisen auf den ideellen Wert einer Praxis haben. Nicht alles, was dem abgebenden Zahnarzt viel bedeutet, ist für den Käufer wichtig. Daraus ergibt sich eine Art Mismatch: Es befinden sich viele Praxen auf dem Markt, die schwer verkäuflich sind. Denn die Generation, die nachwächst, hat zum Teil ganz andere Vorstellungen. Eine Altersteilzeitpraxis etwa, in die zehn Jahre oder länger nicht mehr investiert worden ist, ist auf dem Markt oft nichts mehr wert.

Auch in Bestlagen?

In Bestlagen vielleicht schon, aber auch solche Praxen sollte man interessant halten. Sonst besteht ebenfalls die Gefahr, dass eher eine neue Praxis gegründet als eine alte übernommen wird. In dem Falle muss man nicht an die Rahmenbedingungen des Vorgängers anknüpfen, die einem nicht behagen müssen. Das fängt bei der Immobilie schon an.

Ist denn der Patientenstamm nicht immer attraktiv?

Dieser ist in den ersten drei bis fünf Jahren interessant, weil Praxisgründer mit dem Umsatz nicht von ganz unten starten müssen. Wir haben aber auch festgestellt: Danach haben die Neugründungen die Übernahmen eingeholt - und wachsen dynamischer. Denn bei den Einzelpraxisübernahmen stellt sich das Thema der Reinvestition zeitversetzt. Was sich der Zahnarzt in den ersten Jahren hat sparen können, muss er später nachholen.

Ist das denn bekannt? Nach wie vor ist doch die Übernahme beliebter als die Neugründung.

Wir haben dies in den vergangenen Jahren als unseren empirischen Befund publiziert. Das mag je nach Standort unterschiedlich sein. Außerdem stellt sich die Frage, was dem einzelnen Zahnarzt wichtiger ist. Viele glauben auch, dass sie den Umsatz des Vorgängers stabil halten oder steigern können. Was eine Gründerpersönlichkeit auf sich hält, hat natürlich viel mit Psychologie zu tun.

Sie sprechen den Standort an: Welche Verschiedenheiten der Existenzgründung gibt es zwischen Stadt und Land?

In den Großstädten haben wir mehr Einzelpraxis-Übernahmen, denn dort sind auch mehr auf dem Markt. Auf dem Land beobachten wir häufiger Neugründungen, was auch mit der geringeren Zahnarztdichte zu tun hat. Wenn dort nur einige wenige Kollegen praktizieren, die ihre Praxis noch nicht abgeben wollen, dann bleibt nur die Neugründung. Insgesamt sehen wir einen Zug in die Großstadt. Dort ist zwar die Konkurrenz größer, aber auch das Einkommen der Patienten höher. Bei vielen sind ideelle Gründe ausschlaggebend, das Leben in der Großstadt scheint interessanter. Oft konzentrieren sich die Niederlassungen auch auf die Unistandorte, wo die Zahnärzte studiert haben und heimisch geworden sind.

Ist es heute schwieriger, eine Praxis zu übernehmen oder zu gründen als früher?

In der Regel ja, wir sehen im InvestMonitor ständig steigende Finanzierungsbedarfe. Die IDS hat gerade wieder gezeigt, wie viel Hightech in Praxen steckt. Bei einer Eigenkapitalquote von durchschnittlich fünf Prozent müssen den Löwenanteil die Banken vorfinanzieren. Und die sind durch schwierige Zeiten gegangen, weil die Bankenaufsicht die Spielregeln mit der Eigenkapitalrichtlinie Basel III verschärft hat. Die Banken bewerten Kreditnehmer nach dem Ausfallrisiko - und wer kein Triple A erhält, für den wird es teurer. Früher haben die Banken fast durchweg alles finanziert, heute wollen sie einen Businessplan sehen.

Und sind die Zahnärzte dafür gewappnet? Reicht ihr betriebswirtschaftliches und rechtliches Wissen aus?

Da sieht es oft ganz dünn aus. Wir haben in einer Studie herausgefunden, dass sich 90 Prozent der Befragten zahnmedizinisch fit fühlen, aber nur 5,8 Prozent mit ihren betriebswirtschaftlichen Kenntnissen ausreichend vorbereitet sehen. Denn im Studium gibt es keine profunde Einweisung. Die Angebote der Kammern und der Kassenzahnärztlichen Vereinigungen können diese Lücken auch nur zum Teil schließen. Denn das ersetzt natürlich kein Studium. Problematisch ist auch, dass sich rund um die Zahnmediziner ein Kranz von Dentaldepots, Unternehmens- und Steuerberatern gebildet hat, die ihre ganz eigenen Umsatzinteressen verfolgen. Diese leisten sicher oft gute Arbeit, raten aber auch manchmal zu teuren Technologien, bei denen ein Return on Investment nicht in Sicht ist.

Vielleicht ist die Unsicherheit aber auch ein Grund, warum die nachfolgende Generation eher die Berufsausübungsgemeinschaft vorzieht?

Ja, hier sind die Finanzierungsbedarfe zwar geringer, aber viele dieser Gemeinschaftspraxen haben nicht lange Bestand. Nicht nur, weil sie von Anfang an auf Zeit angelegt sind, sondern weil sich die Partner früher oder später über ökonomische Dinge nicht einig sind und dann im Groll auseinandergehen. Letztlich ist man nicht sein eigener Chef, sondern muss viele Dinge miteinander absprechen.

Medizinische Versorgungszentren (MVZ) könnten dieses Problem doch lösen, weil dort vorwiegend angestellte Zahnmediziner beschäftigt sind. Wo liegen die Vorteile gegenüber einer klassischen Berufsausübungsgemeinschaft? Und wie schätzen Sie die Zukunft dieser Zentren ein?

In der BAG können auch angestellte Zahnärzte arbeiten. In den MVZ wird der Anteil angestellter Zahnärzte größer sein. Da stoßen dann auch vermehrt Klinikträger in den Markt, was in den USA und der Schweiz mit den Health Maintenance Organizations (HMOs) schon sehr verbreitet ist. Oft stecken fremde Träger dahinter, es fließt Fremdkapital von Aktiengesellschaften hinein, etwa von Krankenkassen.

Natürlich können MVZ an bestimmten Standorten die Versorgung verbessern, wenn alle Arbeitsschwerpunkte in einer größeren Gemeinschaft angeboten werden. Allerdings ist fraglich, ob für die MVZ mittelfristig ein Wachstumsmarkt besteht. Im Moment habe ich nicht den Eindruck. Denn auch die BAG und die Einzelpraxen können um angestellte Zahnärzte werben. Bei der BAG existiert auch die Möglichkeit der überörtlichen Form, also Filialpraxen zu gründen. Insofern gibt es Alternativen zum MVZ. Diese sind auch nicht unbedingt im Sinne der Patienten, da die Behandler oft wechseln.

 

"Das Niederlassungsverhalten ist nicht so sehr geschlechts-, sondern eher altersspezifisch."

Die Zahnmedizin wird immer weiblicher, mithin wächst der Wunsch nach Teilzeitarbeit und flexiblen Praxismodellen. Leistet dies nicht schon mittelfristig der Berufsausübungsgemeinschaft Vorschub? Ist es denkbar, dass die Einzelpraxis sogar langfristig aussterben wird?

Es stimmt: In etwa fünf Jahren wird es in der Zahnmedizin mehr Frauen als Männer geben. Interessant ist, dass viele Entscheidungen im Niederlassungsverhalten aber nicht so sehr geschlechts-, sondern eher altersspezifisch sind. Frauen gehen nicht häufiger als Männer in eine BAG, obwohl das immer wieder behauptet wird. Und in der Generation Y scheint sich das aufgrund der Work-Life-Balance für Frauen wie Männer in Richtung Angestelltendasein aufzulösen, nicht in Richtung BAG. Die Zahl der angestellten Zahnärzte entwickelt sich rapide, wobei die Frauen in dieser Hinsicht allerdings einen deutlichen Vorsprung haben.

Auch der momentane Trend zur Einzelpraxis ist auf das steigende Alter der Existenzgründer zurückzuführen, das 2013 bei durchschnittlich 36 Jahren lag. Während ein Drittel der 30-Jährigen sich für eine Berufsausübungsgemeinschaft entscheidet, sind es bei den 40-Jährigen nur 16 Prozent. Woran liegt das?

Die Präferenz für eine BAG liegt meistens in der Finanzierung begründet. Natürlich ist es in den ersten Jahren schwieriger, eine Einzelpraxis zu finanzieren. Und vielleicht sind junge Zahnärzte auch flexibler und eher bereit, die BAG auszuprobieren – etwa mit Kommilitonen, die sie aus dem Studium kennen.

Oralchirurgische oder Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie-Fachpraxen erfordern 20 bis 30 Prozent höhere Investitionskosten als allgemeinzahnärztliche Praxen. Lediglich kieferorthopädische Praxen liegen auf vergleichbarem Investitionsniveau. Hemmen diese hohen Kosten eine Spezialisierung?

Wir können keine Unterversorgung in diesem Bereich feststellen. Die Weichen für eine Spezialisierung werden bereits im Studium gestellt  zu diesem Zeitpunkt beschäftigen sich die angehenden Zahnmediziner noch nicht mit erhöhten Finanzierungsbedarfen. Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen wählen diesen Schwerpunkt, weil ihnen das operative Arbeiten mehr liegt. In dieser Fachrichtung finden sich übrigens mehr Männer, Frauen entscheiden sich eher für Bereiche, in denen die Kommunikation im Vordergrund steht, etwa Alterszahnmedizin oder Kinderzahnheilkunde. Niederlassungsentscheidungen haben also nicht nur materielle Gründe.

Die Gesellschaft altert - mithin sind neue Konzepte für die wachsende Zahl von pflegebedürftigen und dementen Patienten erforderlich. Reichen hier Kooperationen mit Pflegeheimen oder Krankenhäusern aus? Oder sind spezielle Praxen erforderlich, die etwa in diese Einrichtungen integriert sind?

Im Einzelfall wäre das sicherlich wünschenswert. Aber es wird kaum möglich sein, angesichts der stark steigenden Zahl von Pflegebedürftigen entsprechend schnell umzusteuern. Die KZBV hat erst einmal den Weg gewählt, die betriebswirtschaftliche Basis für die zahnmedizinische Versorgung von Pflegebedürftigen zu verbessern. Ob sich in den Pflegeheimen das Einrichten eines speziellen Raumes lohnt, hängt von deren Größe ab. Der Wunsch nach speziellen Praxen ist eher eine Luxusvorstellung.

Es gibt aber auch immer mehr solvente Senioren, die in den Jahren des Wohlstands ihr Vermögen gemacht haben - und viel Geld für ihre Gesundheit ausgeben.

Alterszahnheilkunde insgesamt ist sicher ein lukratives Feld - auch dadurch bedingt, dass mehr Zähne erhalten bleiben. Es gibt weniger völlig zahnlose Patienten, die man mit einer günstigen Prothese versorgen kann. Lückengebisse erfordern mehr Aufwand, oft sind Implantate erforderlich. Damit ist sicher auch Geld zu verdienen. Viele Praxen führen bereits den Schwerpunkt Alterszahnheilkunde.

Das andere ist wirklich diese Risikogruppe der pflegebedürftigen und dementen Patienten in den Heimen - oder noch problematischer - in der ambulanten Pflege. Eine wichtige Aufgabe liegt darin, den Zahnarzt zum Patienten zu bringen. Dabei wird entscheidend sein, wie zahnmedizinische Einheiten in bestimmten Versorgungsgebieten aufgebaut werden können. In einzelnen Kommunen gibt es ja bereits Zahnmobile, die zum Patienten fahren.

Die Fragen stellte Hanna Hergt, Diplom-Volkswirtin und Fachautorin.

Natürlich tickt die Generation Y anders. Wie junge Zahnärzte heute arbeiten wollen, welche Vorstellungen und Wünsche sie haben.

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