Brennpunkt

Sozial Benachteiligte sterben elf Jahre früher

Gesundheit und soziale Lage stehen in engem Zusammenhang: Die Lebenserwartung hängt in Deutschland stark vom Einkommen, dem Bildungsstand und der beruflichen Stellung ab. Gesundheitswissenschaftler Prof. Rolf Rosenbrock, Vorstandsvorsitzender Paritätischer Gesamtverband und Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V., äußert sich im Interview über Ursachen und Lösungsstrategien - und erläutert warum gleichermaßen Geduld und Augenmaß gefragt sind.

bluraz - Fotolia.com

zm-online: Studienergebnisse des Robert Koch-Instituts haben verdeutlicht, dass Männer aus dem unteren Einkommensviertels im Durchschnitt rund elf Jahre früher sterben als Männer im oberen Einkommensviertel. Bei Frauen beträgt der Unterschied rund acht Jahre. In Deutschland kann doch jeder zum Arzt gehen. Warum gibt es trotzdem eine solche Ungleichheit?
 
Prof. Rolf Rosenbrock: Die Antwort liegt zum Teil schon in Ihrer Frage: Die Chancen auf ein langes gesundes Leben hängen ganz wesentlich von sozialen Determinanten ab, etwa dem Einkommen und der Bildung, und nicht primär von der Möglichkeit, eine Arztpraxis aufzusuchen, so wichtig und notwendig dies ist. Dass die soziale Ungleichheit nicht ab-, sondern im Gegenteil sogar zunimmt, liegt zunächst einmal und ganz grundsätzlich an der Spreizung der sozialen Schere und der Ökonomisierung der Sozialpolitik. Dies bedeutet nicht zuletzt, dass wirtschaftlich, bildungsmäßig und gesundheitlich Benachteiligte weniger Unterstützung erfahren und insgesamt zu wenig Geld in die Armutsprävention investiert wird.
 
Würde mehr Geld das Problem lösen? Das geplante Präventionsgesetz will bis zu 500 Millionen Euro für präventive Programme zur Verfügung stellen.

Es geht nicht vornehmlich um mehr Geld, obwohl es natürlich durchaus erfreulich ist, dass für  Gesundheitsförderung und Prävention mehr Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Viel erfolgversprechender aber ist es aus meiner Sicht, dass mit der Verdreifachung der Lebenswelt-Prävention eine deutliche Schwerpunkt-Verschiebung in diesem Bereich stattfindet. Endlich wird damit der Präventionsform der Vorrang eingeräumt, die sowohl von der WHO als auch von den Gesundheits-wissenschaften seit Jahrzehnten gefordert wird.

Mit klassischer Gesundheitserziehung, mit Kursen, mit materiellen Anreizen oder Strafen lässt sich Gesundheitsförderung nicht nachhaltig umsetzen. Eine wirksame und dauerhafte Gesundheitsförderung lässt sich am besten gestalten, wenn die Nutzerinnen und Nutzer in ihren Lebenswelten - z.B. KiTa, Schule, Kiez, Betrieb oder Senioreneinrichtung - in die Lage versetzt, ermuntert und unterstützt werden, auf Basis gemeinsamer Diagnosen und Entscheidungsfindung diese Lebenswelten nach ihren eigenen Bedürfnissen zu verändern.
 
Dass Armut krank macht, ist kein neues Phänomen. Im Dezember 1995 fand der erste bundesweite Kongress Armut und Gesundheit in der Technischen Universität Berlin statt. Mit welchem Ziel wurde die Veranstaltung damals ins Leben gerufen?

Ziel des Kongresses ist es seit Anbeginn, öffentlich auf den Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Gesundheit hinzuweisen und Beispiele gelingender Gesundheitsförderung in KiTas, Kommunen, Schulen, Betrieben, Freizeiteinrichtungen usw. bekannt zu machen.

Im ersten Jahr des Kongresses bat die Veranstalterin, die Landesarbeitsgemeinschaft Gesundheit Berlin, den damaligen Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer um ein Grußwort und erhielt zur Antwort, dass dieser Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit nicht gegeben sei, weil Armut aufgrund sozialstaatlich garantierter Fürsorge in Deutschland praktisch nicht existiere. Dass ein solches Statement heutzutage nicht mehr denkbar ist, ist  auch das Verdienst des Kongresses.

11612661142196114219711421981161267 1161268 1142201
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare