Freizeit

Spurensuche an vergessenen Orten

Urban Exploration ist ein besonderes Hobby. Es geht darum, verlassene Orte zu erkunden. In still gelegten Tunneln, verfallenden Industriebrachen oder anderen leer stehenden Gebäuden wollen "Urbexer" die Vergangenheit hautnah erleben. Von ihren Erkundungstouren bringen sie nur ein Souvenir mit: Fotos.

deadplaces.de

Die Räume der ehemaligen britischen Kaserne St. Louis strotzen 18 Jahre nach ihrer Räumung nur so vor morbidem Charme. deadplaces.de
Ganz ähnlich sieht es auf dem Außengelände des 1998 geschlossenen Stahlwerks Phönix West aus...
... aber auch der stillgelegten belgischen Zeche Hasard-Cheratte östlich von Lüttich. deadplaces.de

Auf den verstaubten, mit grauem Laub bedeckten Holzdielen steht ein ramponierter Schreibtisch. Es könnte auch eine Kommode sein, so genau lässt die dicke Staubschicht das nicht erkennen. Auch die Wand im Hintergrund hat schon bessere Zeiten gesehen. Der Anstrich bröckelt in Fetzen ab und direkt unter der Decke quellen, wie riesige Spinnenbeine, vergilbte Kabel aus dem Putz. Im Raum dahinter sind wandhohe Schaltkästen zu sehen. 

Mit Bildern von solchen Szenerien ist die Website Deadplaces.de gefüllt. Welcher Raum auf eben diesem Stillleben zu sehen ist, steht nirgendwo. Nur, dass er sich in der St. Louis Kaserne befindet. Keine Adresse. Eine Suchanfrage im Internet ergibt, dass es sich um einen verlassenen kanadischen Militärstützpunkt in Werl, Nordrhein-Westfalen, handeln könnte. Klickt man weiter, finden sich fotografische Mitbringsel von weiteren Streifzügen: ein altes Stadtbad, eine Gussstahl- und eine Schuhfabrik und sogar ein Kloster sind dabei.  

Fotos sind die wichtigste Trophäe für Urbexer. Im Netz finden sich zahlreiche Seiten, auf denen sie die gespenstischen, geheimnisvollen und auf spannende Art ästhetischen Bilder des Verfalls „ausstellen“. Die Fotoflut zeigt, welche Anziehungskraft verlassene Orte oder Lost Places, wie sie in der Szene genannt werden, auf viele Menschen ausüben. Aus dieser Faszination heraus entstand in den 1970er-Jahre Urban Exploration. 

Frühling 1977 in San Francisco. Vier Freunde gründen den „Suicide Club“. Zu seinen Aktivitäten gehört unter anderem, Tunnel und verlassene Gebäude innerhalb der Stadt zu erkunden. Durch Aktionen wie Dinner Partys an diesen Orten wies der Club darauf hin, dass über die ganze Stadt Gebäude verstreut sind, die vergessen wurden - und die man für kleine Abenteuer nutzen kann.

Dabei darf man nicht denken, dass Urban Exploration, wie der Name vermuten lässt, nur auf den städtischen Raum begrenzt ist. Zur Erkundung geeignet ist alles, was von Menschen erbaut und irgendwann von ihnen verlassen wurde. Dabei werden Urbexer von ganz unterschiedlichen Motiven angetrieben: Manche sind vor allem auf der Jagd nach außergewöhnlichen Fotomotiven, andere verstehen sich dagegen als Dokumentatoren, die die Spuren der Vergangenheit in Bildern festhalten wollen, bevor sie ganz verschwunden sind. Alte Bauten und alles, was in ihnen zu sehen ist - vom Arbeitswerkzeug bis zum Möbelstück - sind in ihren Augen Zeitzeugen. Sie sagen etwas darüber aus, wie Menschen gearbeitet und gelebt haben. Für andere Urbexer steht die Romantik des Verfalls im Mittelpunkt oder aber die Ruhe, die die Lost Places umgibt. Oft ist es auch eine Mischung von allem. 

Was bleibt - Fotos und Fußabdrücke

In Sachen Verhaltenskodex ist die Szene sich jedoch einig. Alle Urbexer halten sich strikt an den Grundsatz: „Nimm nichts mit außer Fotos und lass nichts zurück außer Fußabdrücken.“ In diesem Sinn grenzen sich Urban Explorer ganz klar von Menschen ab, die in verlassene Gebäude eindringen, um dort zu vandalieren, Partys zu feiern oder um Materialien wie zum Beispiel Kupferrohre zu klauen. Zerstörung und Diebstahl sind verpönt. 

Zum einen soll dadurch der besondere Charakter des Gebäudes für später nachfolgende Entdecker bewahrt werden. Zum anderen sollen sich die Hausbesitzer nicht aus Ärger über Diebstähle oder mutwillige Zerstörung veranlasst sehen, Gebäude und Gelände zu verbarrikadieren. Aus diesem Grund geben viele Urbexer die genauen geografischen Koordinaten einer entdeckten Location entweder gar nicht oder nur an enge Freunde weiter.

Urban Explorer überschreiten bei ihren Streifzügen meistens die Grenze zur Legalität. Ohne Erlaubnis in ein Gebäude einzusteigen, bedeutet schließlich streng genommen Hausfriedensbruch. Für viele macht genau dieser Nervenkitzel den Reiz ihres Hobbys aus. Ein amerikanischer Urbexer, der sich Al Ebaster nennt, findet jedoch: Diesem Stress muss man sich nicht unbedingt aussetzen. "Wem macht es schon Spaß, ein verlassenes Gebäude zu erkunden und sich dabei die ganze Zeit Sorgen zu machen, von der Polizei erwischt zu werden?“, fragt er auf der Internetseite WebUrbanist.com und verrät, wie man Urban Exploration ganz gesetzestreu betreiben kann.

"Mein Tipp lautet: um Erlaubnis fragen“, schreibt der Blogger. Dafür müsse man zunächst den Besitzer ausfindig machen, zum Beispiel über das Grundbuchamt, und ihn dann möglichst persönlich aufsuchen. Auf diese Weise könne man versuchen, sich sofort eine schriftliche Erlaubnis geben zu lassen.

"Grünes Licht zu bekommen, ist normalerweise einfach, aber es kommt ganz auf das Gebäude an. Ist es sehr marode, kann es sein, dass der Besitzer keine Streifzüge auf dem Gelände möchte.“  Auf keinen Fall solle man sich bei einem solchen Treffen als Urban Explorer vorstellen, empfiehlt er: "Dieser Begriff ist im besten Fall verwirrend. Besser, man sagt Fotograf. Damit kann jeder etwas anfangen.“

Eine weitere Möglichkeit, sich legal Zugang zu verschaffen, ist eine geführte Tour. Vor allen Dingen bei historischen Anlagen gibt es oft Besitzer oder Vereine, die Besucher mit auf eine exklusive Tour nehmen. Das sei für viele Urbexer keine Option, so Al Ebaster: "Sie werden nicht gerne begleitet, aber ein Führer kann einem spannende Informationen zur Geschichte und Architektur des Gebäudes bieten.“

Berlin bietet Urban Explorern in der Stadt und im Umland eine Vielzahl verlassener Orte - vom brach liegenden Chemiewerk, über Bunker aus dem zweiten Weltkrieg bis hin zum leer stehenden Sanatorium. In den vergangenen Jahren ist ein immer größeres Angebot an geführten Touren zu diesen Orten entstanden. Hier einige Angebote:

Gibt es auch in Ihrer Stadt Touren zu verlassenen Orten? Dann schreiben Sie einen Kommentar und erzählen uns davon!


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