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USA: Der Markt regelt die Zahnversorgung

Vier Jahre hat Thomas Beikler als Professor in den USA Zahnmedizin gelehrt. Hier schildert er die amerikanischen Verhältnisse und skizziert, welche Folgen sie für Zahnärzte und Patienten haben.

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Was sind aus Ihrer Erfahrung heraus die wichtigsten Unterschiede zwischen der Zahnmedizin in Deutschland und in den USA?

Beikler: Die Zahnmedizin gehorcht in den USA weitestgehend dem Prinzip der freien Marktwirtschaft. Aufgrund der fehlenden Regulierung sind die Kosten für zahnmedizinische Behandlungen in der Regel um ein Vielfaches höher als in Deutschland.

Was auf den ersten Blick scheinbar paradiesische Verhältnisse verspricht, täuscht allerdings bei näherer Betrachtung. So zeigt sich besonders bei den Spezialisten eine weitaus größere Abhängigkeit des zahnärztlichen Einkommens von der allgemeinen Wirtschaftslage.

Zusatzkrankenversicherungen für zahnärztliche Behandlungen sind nicht weit verbreitet. Zumeist übernehmen diese meist auch nur anteilig zahnärztliche Behandlungskosten. Hohe Kosten für die Zahnbehandlung in Kombination mit fehlender Krankenversicherung bedeutet auch, dass eine Zahnbehandlung - und hier meine ich nicht die „Luxusbehandlung“ - für weite Teile der Bevölkerung ein großes finanzielles Problem darstellt. Und um die wenigen Patienten, die es sich leisten können, entbrennt auf Seiten der Zahnärzte ein enormer Konkurrenzkampf.

Hinzu kommt, dass junge Kollegen die Universitäten bereits mit einem exorbitanten Schuldenberg verlassen, den es dann gilt, zusätzlich zu den Kosten einer Praxisgründung, abzutragen. Um die Ausbildungs- und Investitionskosten bedienen zu können, sind hohe Gebühren notwendig, was natürlich auch ein entsprechendes Angebot an solventen Patienten voraussetzt.

Dies hat dazu geführt, dass in ländlichen Gebieten kaum mehr Zahnärzte zu finden sind und in den urbanen Gegenden der Konkurrenzkampf innerhalb der Zahnärzte durch die „zahnärztliche Landflucht“ zusätzlich angeheizt wird. Dies zwingt die Zahnärzte zu einem aggressiven Marketing und bedeutet gleichzeitig ein enormes Ungleichgewicht in der zahnärztlichen Versorgung der amerikanischen Bevölkerung.

Letztendlich ist der zahlende Patienten aufgrund der hohen Kosten im Vergleich zum deutschen Patienten extrem fordernd und erwartet vom Zahnarzt auch exzellenten Service.  

Was war für Sie in den USA prägend?

Ich kann nicht sagen, dass die Arbeit in den Staaten prägend für meine klinische Tätigkeit war, da ich persönlich ja nicht zum Lernen, sondern zum Lehren in die Staaten geholt wurde. Das zahnärztliche Niveau ist von der großen Gruppe der Fachzahnärzte abgesehen im allgemeinen mit dem in Deutschland vergleichbar. Eine durchschnittlich „bessere“ oder gar „exzellente“ Zahnmedizin habe ich nicht gesehen.

Im niedergelassenen Bereich werden vielfach nur einfache zahnmedizinische Behandlungen nachgefragt, die von den Patienten auch finanziert werden können. In Deutschland als Standardtherapien bekannte Techniken wie zum Beispiel Teleskoparbeiten sind unter den zahnärztlichen Kollegen kaum bekannt und dementsprechend wenig verbreitet. Das Niveau der Zahntechnik liegt bekanntermaßen deutlich unter dem deutschen Standard.

Aus den zuerst genannten ökonomischen Rahmenbedingungen ergibt sich eine sehr auf den Profit ausgerichtete Therapieplanung, die schnell in eine zwar teure, aber nicht zwangsläufig „bessere“ zahnmedizinische Therapie mündet. Das heißt, dass diejenigen, die es sich leisten können, ein hohes Risiko einer unnötigen Übertherapie eingehen. Ganz im Gegenteil zu dem weitaus größeren Anteil der Bevölkerung. Hier sind Extraktionen (und die sind auch nicht gerade billig) von aus deutscher Sicht leicht zu erhaltenen Zähnen häufig die einzige zahnärztliche Therapie.

Wie schätzen Sie die Zukunftsaussichten ein für die Kollegen aus Übersee, wo liegen die Trends?

Derzeit ist es aus meiner Sicht schwierig vorherzusehen, wie sich die Zahnmedizin in den USA nach der Gesundheitsreform tatsächlich entwickeln wird und in wie weit dies Einfluss auf den Allgemeinzahnarzt haben wird. Unstrittig ist, dass wie in Deutschland der Anteil an älteren und bezahnten Patienten zunimmt. Das dürfte einen höheren Bedarf für präventive und konservierende Maßnahmen bedeuten.

Ob die Zahnärzteschaft aufgrund der weiten Verbreitung von Dentalhygienikerinnen von der Zunahme des präventiven Behandlungsbedarfs profitieren kann, muss allerdings abgewartet werden. Der Trend geht weg von der Einzelpraxis hin zur Mehrbehandlerpraxis. Die Gründe hierfür liegen sowohl in der effizienteren Ausnutzung der Praxisressourcen als auch in dem gestiegenen Wunsch nach einer besseren Work-Life-Balance.

Sind die Erfahrungen der amerikanischen Kollegen auch für deutsche Zahnärzte aussagekräftig? Kann man von ihnen etwas lernen?

Nur bedingt, da das deutsche Gesundheitssystem mit dem amerikanischen System in vielerlei Hinsicht nicht vergleichbar ist. Ich denke, dass das deutsche Gesundheitssystem - trotz vieler Schwachpunkte und Verbesserungsmöglichkeiten - noch genug Raum für die Ausübung einer den Patienten wie den Behandler gleichermaßen zufriedenstellenden zahnärztlichen Praxis bietet.

Sicherlich sind mit der zahnärztlichen Tätigkeit in Deutschland nicht mehr die Gewinne wie noch vor 30 Jahren zu erwirtschaften. Letztendlich schützt das deutsche System die hier arbeitenden Zahnärzte auch vor stark schwankenden und/oder finanziell bedrohlichen Entwicklungen.

Würde dieses System in Deutschland abgeschafft werden, bin ich mir sicher, dass sehr viele Praxen aufgrund fehlender solventer Patienten schnell in eine bedrohliche finanzielle Schieflage rutschen würden. Dies sollte man sich bei einer Diskussion über unser Krankenversicherungssystem auch aus ärztlicher und zahnärztlicher Sicht immer vor Augen halten.

Prof. Dr. Dr. Thomas Beikler ist Leiter der Sektion Parodontologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. Er war von 2005 bis 2009 als Associate Professor mit Tenure, das heißt Lebensstellung, in den USA tätig, danach weiterhin als Affiliate Professor Angehöriger der University of Washington.
 
 

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